Dror Mishani – Vertrauen (Buch)

Und überall trügt der Schein

Vertrauen
© Diogenes

Oberinspektor Avraham „Avi“ Avraham leitet seit nunmehr zwei Jahren das Ermittlungsdezernat in Tel Aviv und hat von den Alltagsproblemen und -verbrechen im Ayalon-Distrikt genug, weswegen er seinem Vorgesetzten Benny Saban ein Versetzungsgesuch vorlegt. Eine höhere, wichtigere Aufgabe soll es sein. Bis es soweit kommt, gilt es den vorliegenden Fällen nachzugehen.

In einem Einkaufszentrum vor dem Wolfson-Krankenhaus wurde ein wenige Tage altes Baby ausgesetzt, die tatverdächtige Frau anhand einer Videoüberwachung schnell gefunden. Avrahams Kollegin Esthi Wahabe nimmt sich des Falles an und befragt Liora Talias, warum sie dies getan habe und ob sie selbst die Mutter sei. Liora bestreitet die Mutter zu sein, nur um wenig später zu behaupten, sie sei die Mutter. Zwischenzeitlich hat ein DNA-Test zweifelsfrei ergeben, dass nicht sie die Mutter ist, sondern Lioras sechszehnjährige Tochter Danielle, von der aktuell jede Spur fehlt. Wahabe versucht es auf die harte Tour, aber ebenso mit viel Empathie. Das Ergebnis jedoch bleibt gleich: Liora verweigert jegliche Mitarbeit und wechselt ständig ihre Version.

Avraham hat es derweil mit einem verschwundenen Touristen zu tun. Jaques Bartoldi, ein Schweizer, hat in einem Hotel in Bat Yam eingecheckt und ist seitdem nicht wiedergesehen worden. Als Avraham im Hotel nachforschen möchte, berichtet der Portier, dass zwei Männer seine Koffer abgeholt und das Zimmer bezahlt hätten. Bekannte seien es wohl gewesen, ausgewiesen hätten sie sich aber nicht. Avraham erfährt, dass es keine Einreise eines Touristen namens Bartoldi gab und dass es sich bei dem Vermissten um einen Franzosen namens Raphael Chouchani handelt. Zwei Identitäten machen Avraham hellhörig, zumal Chouchanis Tochter, die in Paris lebende Annette Mallot, behauptet, ihr Vater hätte zuletzt Angst gehabt und würde zudem für den Mossad arbeiten. Aus dem Büro des Premierministers erfährt Avraham, dass Chouchani auf gar keinen Fall ein Agent des Mossad gewesen sei. Dies könne man definitiv ausschließen.

Es könnte sein, dass diese Ermittlung irgendwie mit dem Mossad in Verbindung steht.“
„Mit dem Mossad? Wieso ist sie dann bei dir gelandet? Und warum ziehst du mich da mit rein?

Tage später ist klar, dass sich die gesuchte Danielle in Paris aufhält, während Avraham zu einem Leichenfund am Strand gerufen wird. Bei dem Ertrunkenen handelt es sich zweifelsfrei um Chouchani, nur dass dessen Leichnam an nahezu allen Körperstellen schwere Verletzungen aufweist.

Kammerspiel, literarischer Krimi, Agententhriller

„Vertrauen“ ist bereits der vierte Roman aus der Avraham-Reihe von Dror Mishani, wobei der aktuelle Roman sehr facettenreich aufgestellt ist. Vorab muss man darauf hinweisen, dass sich in beiden Fällen (das ausgesetzte Baby, der verschwundene Tourist) wenig bewegt, was der Tatsache geschuldet ist, dass Wahabe und Avraham im Trüben fischen. Die Gespräche zwischen Wahabe und Liora lesen sich wie ein Kammerspiel, welches in einem schmucklosen Verhörraum stattfindet. Ein Duell, das zunächst von Liora beherrscht wird, die offenbar ihren ganz eigenen Plan verfolgt. Wenn es passt, ändert sie ihre Version, was häufiger der Fall ist und verrennt sich scheinbar immer mehr in Widersprüche. Immer wieder beklagt sie dabei, dass man sie verhöre und ihre minderjährige Tochter bedrängen will, statt den wahren Täter, den Vater des Babys, zu bestrafen. Gleichwohl bleibt dessen Identität längere Zeit geheim, auch dies Teil von Lioras Taktik. Liora lebt mit Mordechai zusammen, einem strenggläubigen Mann, der seine Kraft aus den Psalmen schöpft. Dieser hat eine recht undurchsichtige Rolle, was auch für Lioras Rechtsanwalt Avi Edri gilt. Ein schmieriger Winkeladvokat bei dem man nicht weiß, auf welcher Seite er steht.

Aus dem Erdgeschoss kann man nicht sehen, was sich auf dem Dach abspielt, Avi. Oder das ganze Bild überblicken. Du und ich, wir wohnen und arbeiten im Erdgeschoss. Das ist unser Platz. Also wozu reckst du den Hals so? Du kriegst nur Nackenschmerzen davon. Oder schlimmer noch, handelst dir eine Vertigo ein.

Avrahams Suche nach dem Mörder von Chouchani gestaltet sich noch schwieriger, denn sobald der Todesfall auf dem Tisch liegt, wird ihm die Lösung quasi auf dem Silbertablett serviert. Dabei führt allerdings eine Spur geradewegs zum Mossad, so dass Avraham überlegen muss, wie weit er gehen kann und will. Sein erster Einsatz im Ausland führt ihn nach Paris, wo sich die recht losen Fäden der beiden Fälle zart miteinander verknüpfen. Kann er im Fall der Minderjährigen noch polizeiliche Härte vorweisen, so muss er in seinem eigenen Fall äußerst behutsam, um nicht zu sagen duckmäuserisch vorgehen.

„Vertrauen“ ist ein wertvolles Gut, dass alle Figuren reichlich brauchen und nur selten finden. In der Welt der Geheimdienste verwundert dies weniger, doch selbst in privaten Bereichen ist Vertrauen Mangelware. Der Roman ist zudem gefüllt mit mehr oder weniger klaren Reverenzen des Autors an einige seiner Vorbilder. So schätzt Dror Mishani offensichtlich Georges Simenon, denn Avraham wandelt zumindest teilweise auf Maigrets Spuren in Paris. Der Freund von Chouchanis Tochter heißt Frédéric Glauser, eine feine Anspielung auf den Erfinder von Wachtmeister Studer und nicht zuletzt liest Avraham einen Roman von Leonardo Sciascia, dem italienischen Krimi-Altmeister.

„Vertrauen“ ist ein lesenswerter Krimi, dessen Titel bewusst irreführend ist, denn nicht nur in der Welt der Dienste ist Vertrauen Mangelware.

  • Autor: Dror Mishani
  • Titel: Vertrauen
  • Originaltitel: Emuna. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
  • Verlag: Diogenes
  • Umfang: 351 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Februar 2022
  • ISBN: 978-3-257-07177-1
  • Produktinformation


Wertung: 12/15 dpt

 


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