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Mit „Es war schon immer ziemlich kalt“ lädt die Autorin Ela Meyer auf einen empfindsamen Roadtrip ein, der drei Endzwanziger dazu bewegt sich mit ihrer Zukunft auseinander zu setzen und wie diese sich hinsichtlich ihrer Freundschaft gestaltet.

Insa, Hannes und Nico sind seit ihrer Kindheit beste Freunde. Während Hannes und Insa seit längerem gemeinsam in einer WG in Hamburg wohnen, hat es Nico nach Hannover verschlagen. Als Hannes Insa eröffnet, dass er die Werkstatt seines Opas in der alten Heimat Friesland übernehmen wird und auch bei Nico tiefgreifende persönliche Veränderungen anstehen, wird den Freunden bewusst, dass dies auch Einfluss auf ihre Beziehung zueinander haben wird. Gerade Insa, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, ist am wenigsten von diesen Neuigkeiten begeistert, da sie sich vor allem ohne Hannes ein anderes Leben nicht wirklich vorstellen kann und will. Als sie den Verdacht Multiple Sklerose erhält, weiß sie nicht, ob und wie sie sich ihren Freunden anvertrauen soll. Auch Hannes und Nico sind hinsichtlich der bevorstehenden sich ändernden Lebensumstände verunsichert und sind vor allem von der Egozentrik Insas genervt, da diese ihrem Unmut immer wieder zum Ausdruck bringt. Nico schlägt daraufhin einen gemeinsamen Urlaub vor, um einen Trip nach Spanien mit dem Mercedesbus von Hannes zu unternehmen. Er möchte dort seine Mutter besuchen, die er seit über zehn Jahren nicht gesehen. So begeben sich die drei Freunde auf einen Weg, auf dem es nicht nur aufgrund der räumlichen Enge im Bus zu Reibungspunkten kommt.

Ela Meyer schickt ihre drei Helden in „Es war schon immer ziemlich kalt“ auf eine Reise zu sich selbst, bei der der Einstieg nicht schwerfällt. Durch die einfühlsame Wortwahl, wenn es um die Beschreibung der inneren Gefühlswelt Insas, aber auch die der Umgebung geht, fühlt man sich direkt eingeladen, ebenfalls im Bus Platz zu nehmen und sich dem starken Freiheitsgefühl, aber auch der immer wieder kehrenden Melancholie hinzugeben, die den Roman ausmachen.

Im Übergang von Tag zur Nacht, wenn die Farben ins Blau kippten, war es, als würde sich alles um mich herum auflösen, gleich einem täglichen Weltuntergang. Das Verwischen der Farben und die sich auflösenden Konturen ließen alles vage erscheinen, unklar, wo das Außen aufhörte, und ich anfing.

Sehr schnell fühlt man sich den Charakteren verbunden und meint den Dieselgeruch oder auch den Geschmack der zuletzt gewählten Pizza zu erspüren, die zwischen den meist sehr emotional gestalteten Dialogen, ihren festen Platz haben. Insa versucht, wann immer es ihr möglich ist, die Gedanken an ihre mögliche Krankheit zu verdrängen, was sich jedoch auch stets in Ärger über die unvermeidlichen bevorstehenden Änderungen der Freundschaft ausdrückt. Das bleibt auch Nico und Hannes nicht verborgen, die mit ihren eigenen Sorgen zu kämpfen haben und so kommt es immer wieder zum Streit zwischen den drei Freunden, bis dieser schließlich eskaliert und es zu einer Art Aussprache kommt. Die Konflikte werden dabei meist schnell durch eine Pizza, die nächste Party auf ihrem Weg oder auch ein anderes Problem von außen, wie Insas Exfreund, abgelöst, sodass die Geschichte nie an Dynamik verliert und in den jeweiligen Kapiteln die Spannung hält. Die Autorin beschreibt dabei jede Szene so vielschichtig, dass die Seiten sich wie von selbst umblättern und man stets wissen möchte, ob und wie es Insa, Nico und Hannes schaffen eine Lösung für ihre gemeinsame Zukunft als Freunde zu finden, an der sie jeder für sich an manchen Stellen auf eine fast infantile Weise festhalten.

Es macht Spaß den drei Freunden zu folgen und mit ihnen gemeinsam den Weg hin zum Erwachsenwerden zu bestreiten. Dabei vergisst man gelegentlich, dass es sich eben nicht mehr um Teenager, sondern um junge Erwachsene handelt. Zu gern findet man sich in seine eigene Jugend zurückversetzt, wenn vom Morgen nach der letzten ausufernden Party die Rede ist oder sich die Frage gestellt wird, ob eine Freundschaft, die in Kindertagen so glücklich und unverzichtbar war, auch heute noch den gleichen Stellenwert einnehmen kann.

Meyer schafft es mit „Es war schon immer ziemlich kalt“ ein Gefühl der Sehnsucht auf die Reise zu sich selbst, aber auch das Fernweh auf das neue Unbekannte zu wecken. So kommt man nach der Lektüre nicht umhin, sich auch der abgedruckten Playlist zu widmen, die unter anderem Songs von Tocotronic, Kettcar oder auch Patti Smith enthält, um den Roman auch auf musikalischer Ebene ausklingen zu lassen.

  • Autor: Ela Meyer
  • Titel: Es war schon immer ziemlich kalt
  • Verlag: GOYA
  • Erschienen: März 2022
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 288
  • ISBN:978-3-8337-4456-3
  • Erwerbsmöglichkeiten


Wertung: 14/15 dpt

 


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