Rafik Schami – Die geheime Mission des Kardinals (Buch)

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Mehr als nur ein Krimi – Ein toter Kardinal im Damaskus vor dem Arabischen Frühling    

Ist Rafik Schami unter die Krimiautoren gegangen und legt angesichts des Erfolges der sogenannten Regionalkrimis nun eine Mordgeschichte mit nahöstlichem Lokalkolorit vor? Diese Frage könnte man sich beim Lesen des Klappentextes und der ersten Seite des Buches stellen. Denn zu Beginn des Romans wirkt es durchaus so.

In Syrien vor knapp 10 Jahren, also noch vor dem Arabischen Frühling und während der scheinbar friedlichen Zeit des Assad-Regimes erhält im November 2010 die italienische Botschaft in Damaskus eine ungewöhnliche Paketsendung. In einem großen Holzfass befindet sich neben Olivenöl auch die Leiche eines Kardinals. Kommissar Barudi, der Protagonist des Romans, macht sich daran, den mysteriösen Fall zu lösen. Ihm zur Seite steht ein italienischer Kriminalkommissar, der aus Rom kommt und die Ermittlungen begleiten soll.

Wie der Titel schon sagt, befand sich der ermordete Kardinal auf einer geheimen Mission. Dabei standen mehrere Heilige – oder solche, die es vorzugeben schienen – im Mittelpunkt seiner Nachforschungen. Was Menschen mit übersinnlichen Gaben bei Anderen auslösen können, wird anhand selbsternannter Heiliger erzählt. Der Autor fasst es prägnant als Resümee seiner bisherigen Beobachtungen zusammen: „Glaube versetzt selten Berge, Aberglaube immer ganze Völker.“

Immer wieder wechselt sich die fortschreitende Handlung mit Kapiteln ab, in denen aus dem Tagebuch des Kommissars zitiert wird. Neben seinem Privatleben als zurückgezogen lebender Witwer erzählt er auch von seiner Frustration als Ermittler, wenn Täter aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen zur Staatsspitze eben nicht bestraft werden, sondern stattdessen ein Bauernopfer daran glauben muss. Nicht die Frage, wer für welche Tat verantwortlich ist, sondern in welchem Verhältnis er zum Präsidenten und seiner Sippe steht, scheint letztlich entscheidend zu sein.

Sowohl in seinen Romanen als auch in Sachtexten und Interviews spricht Schami dies immer wieder an: Die Sippe und deren Bedeutung als vorherrschendes Problem in Syrien und in arabischen Gesellschaften insgesamt.

Überhaupt schien Religion in dem von der sich säkular gebenden Assad-Familie beherrschten Syrien eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen. Und so erkennen halbwegs informierte Leserinnen und Leser in dem Roman manches wieder, was auch heute in der Berichterstattung über Syrien auftaucht. Bei ihren Nachforschungen geraten Barudi und sein italienischer Kollege in die Fänge von Islamisten und… nein, viel mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Ein klassischer Krimi ist dieses Buch eher nicht. Wer nur auf der Suche nach einer Geschichte ist, in der ein Mordfall aufgeklärt und am Ende Täter entdeckt und verhaftet werden, wird hier vielleicht nicht auf seine Kosten kommen. Es handelt sich eben nicht um eine konventionelle Mordgeschichte in orientalischem Ambiente. Wir erhalten einen Einblick in die syrische Gesellschaft, die eben keinem Märchen à la 1001 Nacht entspringt. Dennoch schafft es Rafik Schami, den Leser nicht konsterniert und pessimistisch zurückzulassen. Ungerechte gesellschaftliche Strukturen und das Leben in einer Diktatur ohne Schönfärberei zu zeigen und gleichzeitig auch vom (eher privaten) Glück der Menschen zu erzählen, beides vereint Schami, der trotz einem düsteren Blick auf Syrien sich offenbar den Glauben an das Gute im Menschen bewahrt hat.

In „Ich wollte nur Geschichten erzählen. Mosaik der Fremde“ erzählt Rafik Schami nicht nur von seinem Werdegang vom Flüchtling zum Chemiestudenten und zum heutigen Schriftsteller, der literarisches Deutsch durch das Abschreiben ganzer deutscher Romane lernte. Mittlerweile lebt er schon über 4 Jahrzehnte in Deutschland und beschreibt in seinen Büchern Damaskus aus dem Gedächtnis oder dank von ihm gesammelten Dokumenten und Karten. Um mehr über diesen Autor zu erfahren, empfehle ich dieses Buch mit mehreren Texten, in der er auch seinen Heimatbegriff und sein Selbstverständnis als Schriftsteller erklärt.

Cover © Hanser Verlag

  • Autor: Rafik Schami
  • Titel: Die geheime Mission des Kardinals
  • Verlag:   Hanser
  • Erschienen: Juli 2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 432
  • ISBN: 978 -3-446-26379-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 13/15 dpt

  • Autor: Rafik Schami
  • Titel: Ich wollte nur Geschichten erzählen. Mosaik der Fremde
  • Verlag: Hirnkost & Verlag Hans Schiler
  • Erschienen: Oktober 2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 432
  • ISBN: 978 -3-945398-65-4

Wertung: 13 / 15 dpt

 


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Rafik Schami – Die geheime Mission des Kar…

von André Meral Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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