Hannes Jaenicke – Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche. Warum wir dringend Helden brauchen (Hörbuch, Autorenlesung)

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Hannes Jaenicke - Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche - Cover © headroom sound productionDer 1960 in Frankfurt am Main geborene deutsch-amerikanische Schauspieler Hannes Jaenicke ist den meisten Lesern wohl hauptsächlich durch diverse Fernsehproduktionen in Form von Serien und Spielfilmen bekannt, in denen er seit den Achtzigern mitwirkt. Nur wenige werden wissen, dass Jaenicke auch Umweltaktivist ist und sich außerdem vehement gegen Rassismus, Rechtsextremismus, und entsprechende Organisationen wie die PEGIDA, engagiert – und mit vorliegendem Werk nach „Wut allein reicht nicht“ und „Die große Volksverarsche“  sein mittlerweile drittes Buch präsentiert.

Der Titel desselben ist dann auch nicht etwa ein Wink mit dem Zaunpfahl – hier kommt gleich die Dachlatte zum Einsatz. Anhand zahlreicher Beispiele zeigt Jaenicke auf, wie lemminghaft der Mensch sein kann, wie sehr er auf Nummer sicher geht, wie sehr er sich anpasst, sei es aus Bequemlichkeit, durch Trendhörigkeit (dazugehören wollen) oder zur Bewahrung der allgemeinen Akzeptanz innerhalb des direkten Umfeldes oder gar gesamtgesellschaftlich. Der der Herde folgende Mensch spielt sinngemäß Angsthasenfußball. Und dies zieht sich durch sämtliche Lebensbereiche. Das beginnt in der Grundschule, bestimmt bei den meisten Menschen das Arbeitsleben und das soziale Miteinander. Auch die meisten Subkulturen, denen sich viele anschließen, sind davor nicht gefeit, weder die, die sich nur vom Mainstream abgrenzen wollen noch jene, die eigentlich subversive oder rebellierend intendiert waren. Denn auch dort häufen sich die Mitläufer, die sich lediglich an die Leitwölf*innen hängen.

Den Alphatieren wird brav gefolgt, jede eigene Idee, jedweder Mut wird im Keim erstickt – letztendlich nicht nur durch die äußeren Faktoren, sondern auch von innen heraus. Mut wird durch frühzeitige Konditionierung aberzogen, es werden Zahnräder produziert und zu wenig Antriebselemente. Und letztendlich findet man sich mit seinem Dasein als Zahnrad ab. Man verharrt in dieser fatalistischen Grundhaltung, weil man es nicht anders kennt, weil man Angst davor hat, es könne ja noch schlimmer kommen, als es ist, weil „ist halt so, was will man machen?“ und weil „es uns ja eigentlich ganz gut geht“ – eine Selbstbeschneidung der Möglichkeiten. Möglichkeiten, die man irgendwann nicht mehr sieht.  Doch nicht nur man selbst hindert sich daran, aus der Reihe zu tanzen und mehr „ich“ zu sein, nicht nur das soziale Umfeld, sondern in vielen Fällen auch der Bürokratiewahn hierzulande.

Jaenicke beschreibt zudem ausführlich die „German Angst“, den deutschen Neid, die Missgunst, die Schadenfreude, die Suche nach dem Negativen bei Neuem oder Mutigem, und auch den absurden Hang der Gesellschaft und der Medien, Personen mit inhaltlichem und ideellem Nullgehalt zu glorifizieren, lässt er nicht unerwähnt. Obendrein führt er an, wie gefährlich Herdentrieb und Herdendenken sein können und nennt auch die aktuellsten Probleme, die dadurch entstehen können: Rechtsruck in Form von Trump, PEGIDA, AfD und dergleichen. Doch wer glaubt, dass Jaenicke damit „Deutschenbashing“ betreibt, irrt, denn er weiß durchaus auch globales Herdentierverhalten anzusprechen und zu kritisieren .

Ebenfalls – und hier macht sich Jaenickes Verärgerung besonders bemerkbar – macht er deutlich, wie sehr das insbesondere in den Medien ein Problem ist, denn gerade, wenn es beispielsweise um Talkshows geht, so werden querdenkende Menschen oder eben solche, die bei Günther Jauchs mittlerweile eingestellter Sendung mal eben zwecks einer Gedenkminute den straffen Sendezeitplan und die stromlinienförmige Diskussionskultur in seiner Existenz bedrohen, einfach nicht mehr eingeladen und stattdessen lieber quotenträchtige Personen, gern auch aus dem politisch extremen, populistischen Lager, immer wieder in die Show geholt. Obendrein bekommt die Branche, in der er hauptsächlich tätig ist, ausführlich und ungeschönt ihr Fett weg: Die Fernseh- und Schauspielbranche.

Bei seinen – nicht selten reißerisch erscheinenden, manchmal sogar fast ein wenig zu schwarz-weiß malend erscheinenden – Ausführungen bleibt Jaenicke letzten Endes zwar sachlich, aber seine Ausdrucksweise ist sympathisch-flapsig, der passiv-aggressive Sarkasmus lässt den Leser oder in diesem Falle Zuhörer immer wieder mal ein wenig schmunzeln. Doch egal, wie weit der Autor ausschweift oder gelegentlich über das Ziel hinausschießt (beispielsweise, dass „die Jugendlichen“ heutzutage nur „an ihren Smartphonebildschirmen kleben“; der Rezensent beobachtet tagtäglich, dass dies bis in die Generation Weißgrau hineinreicht), so haben seine Thesen und seine Begründungenletztendlich Hand und Fuß – ganz gleich, ob man nun selbst immer mit Jaenickes Meinung konform geht oder nicht. Das ist selbst beim Verfasser dieser Zeilen nicht durchgehend der Fall.

Oftmals hat dieses Werk einen unterhaltsamen Nebeneffekt: Man fühlt sich verleitet, wie ein Stammtischzuhörer auf den Tisch hauen zu wollen und zu sagen: „Jawoll! So isses doch!“ – um kurz darauf zu merken, dass Jaenicke einen gerade an der Nase herumgeführt hat, denn auf vermeintliche Bauernschläue folgen nachvollziehbare Argumente.

Doch da kommt noch mehr, denn Hannes Jaenicke zeigt nicht nur stumpf die Unzulänglichkeiten des Menschen hinsichtlich Herdenproblematik auf, sondern nennt Gegenbeispiele, wie man diesen entgegenwirken kann und führt immer wieder an, wie Querdenken, gegen den Strom schwimmen, ja generell Mut Großes bewirken kann – anhand von Beispielen in Form namhafter Personen oder aber auch eher unbekannter Menschen, die den Mainstream nie erreicht haben. Menschen, die etwas bewirken oder bewirkt haben – in ihrem oder im ganz großen Kreis. Menschen, die den langen Atem hatten, um ihre Visionen umzusetzen.

Man merkt, wie sehr der Schauspieler für seine Sache einsteht, ja gar brennt, und auch wenn man gelegentlich am liebsten die Pausetaste drücken möchte und sein Veto einbringen möchte, so macht es Freude, ihm zuzuhören, einfach, weil er es mit so viel Enthusiasmus vorträgt. Hier kommt dem Hörbuch auf kontrastierende Weise Jaenickes ruhiger, mit seiner typisch tieffrequenten Stimme angeschlagener Ton sehr zugute. „Lediglisch“ an seine eigenwillige Aussprache bei Wörtern, die auf „-lich“, „-ich“, „zig“ und „ig“ enden, nämlich „-lisch“, „-isch“, „-zisch“ und -„-isch“, ist etwas „gewöhnungsbedürftisch“. Aber das legt „sisch“ nach der ersten von fünf CDs. Wirklisch.

Jaenickes Plädoyer für mehr Mut, Querdenken und ein Lenken in Richtung der Gegenfahrbahn ist vielleicht nicht unbedingt eine Lebenshilfe, doch die fast fünfeinhalb Stunden dieses ungekürzten Hörbuchs liefern zahlreiche Denkanstöße, aus der eigenen, eigentlich unbequemen Komfortzone herauszufinden. Es hilft dabei, sein eigenes Denken und Handeln zu hinterfragen und Bilanz zu ziehen. Sich zu fragen: „Wie viele Ärsche möchte ich ertragen?“

Cover © headroom sound production

Wertung: 12/15 dpt

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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