Fang Fang – Wütendes Feuer (Buch)

Der Traum von Freiheit

Wütendes Feuer
© Hoffmann und Campe

Yingzhi hat die Schule abgeschlossen und ausgerechnet der ihr unangenehme San Huo bietet ihr die Möglichkeit, das große Geld zu verdienen. Jedenfalls mehr, als es in ihrem kleinen Dorf üblich ist. Huo organisiert Auftritte der nach ihm benannten Musikgruppe, die bei Dorffesten und Hochzeiten gerne gebucht wird. Eigentlich könnte der Start ins Berufsleben kaum besser laufen, doch dann kommt es zu einer kurzen Affäre mit Guiqing, deren Ergebnis neun Monate später zu bewundern ist. Eine alleinstehende, schwangere Frau ist in ihrem Dorf verpönt, notgedrungen muss sie Guiqing heiraten und zu dessen Schwiegereltern ins Alter-Tempel-Dorf ziehen. Damit endet die schöne Zeit für Yingzhi, die es liebt, mit der Musikgruppe durch die Dörfer zu ziehen. Aus Sicht ihrer Schwiegereltern, die Yingzhi von Beginn an verabscheuen, da sie ihren lockeren Lebenswandel verdammen, ist die Singerei kein Job für eine junge Familienmutter. Sie hat sich, so will es die Tradition, um den Haushalt und ihren Mann zu kümmern, während Guiqing sich als antriebslose Luftnummer entpuppt. Tagsüber vertrödelt er seine Zeit, weigert sich durch Arbeit eigenes Geld zu verdienen, trifft sich stattdessen abends mit Freunden zum Trinken und Glücksspiel, bei dem er in regelmäßiger Zuverlässigkeit sein nicht vorhandenes Geld verliert. Aufgrund seiner hohen Spielschulden erlaubt er seiner Frau wieder zu singen, womit ein Teufelskreis in Gang gesetzt wird, denn Yingzhi wird zwischen den uralten Traditionen und der modernen Welt förmlich aufgerieben. Das Zusammenleben mit den Schwiegereltern eskaliert zunehmend, ihr Mann wird gar gewalttätig und das Zusammensein mit der Musikgruppe immer zügelloser. 

Wo Tradition und Moderne aufeinandertreffen, bleibt Gewalt nicht selten aus

Fang Fang, in Deutschland einem größeren Publikum durch ihr Buch „Wuhan Diary“ bekannt, legt mit „Wütendes Feuer“ ein höchst beklemmendes Werk vor, in dem eine junge Frau auf der Suche nach ein bisschen Glück brutal an der Realität scheitert. Die aus einer Notlage entstandene Hassliebe und die schroffe Ablehnung durch die Schwiegereltern, die – wie Yingzhis eigene Eltern –, noch einem alten Rollenbild der Frau als Dienerin ihres Mannes verhaftet sind, kann nur im Desaster enden. Oder gelingt der jungen Frau doch noch der Ausbruch aus den starren gesellschaftlichen Konventionen? Nein und dies ist kein Spoiler, da Yingzhi bereits zu Beginn des Romans in einer Gefängniszelle sitzt, wo sie ihrer Todesstrafe entgegensieht. Aber wie konnte es soweit kommen?

Es heißt doch von jeher: Eine verheiratete Tochter ist wie verschüttetes Wasser. Sobald du die Familie verlässt, gehörst du zu einer anderen Familie. Für deine Brüder gilt das natürlich nicht.“
„Dort gehöre ich nicht zur Familie, und hier werde ich rausgeschmissen. Kurz gesagt, ich habe überhaupt keine Familie, nirgends. Das ist ungerecht.“
„Ja, das ist ungerecht. Aber was willst du tun, so ergeht es uns Frauen seit ein paar Tausend Jahren.

Dass die Lage zusehends eskaliert und Yingzhi nicht dazu in der Lage ist, letztlich aus ihrer Rolle dauerhaft auszubrechen ist die eigentliche Tragik dieser Geschichte. Für Leserinnen und Leser hierzulande ist das Handeln der jungen Frau nicht immer nachvollziehbar. Allerdings spielt die Geschichte auch nicht im modernen Westen, sondern in China zu Beginn der 1990er Jahre, was die meisten vermutlich erst durch das lesenswerte Nachwort des Übersetzers Michael Kahn-Ackermann erfahren werden.

Fang Fang beschreibt das kurze Leben ihrer Protagonistin zwischen Schulende und Berufsbeginn inklusive unerwarteter Familienplanung. Wie sich Yingzhi immer tiefer in den Sog aus verbalen Beleidigungen und körperlicher Gewalt hineinreißen lässt, ist mitunter schwer auszuhalten. Die archaischen Ansichten ihrer Eltern und Schwiegereltern prägen das düstere Grundszenario, in deren Mittelpunkt eine Frau steht, die keinerlei Rechte hat – ganz im Gegenteil zu ihrem arbeitsscheuen und spielsüchtigen Ehemann – und sich berechtigt die Frage stellt, warum Frauen aus dieser Rolle nicht ausbrechen können? Sie selbst schafft es jedenfalls nicht, auch wenn sie später aus unterschiedlichen Gründen ihrem Mann untreu wird. Ein kurzer, falscher Traum von Freiheit.

  • Autorin: Fang Fang
  • Titel: Wütendes Feuer
  • Originaltitel: Benpao de huoguang (2002). Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann
  • Verlag: Hoffmann und Campe
  • Umfang: 208 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Mai 2022
  • ISBN: 978-3-455-01384-9
  • Produktseite  


Wertung: 12/15 dpt

 


Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
13
Share