Katja Bohnet – Messertanz (Buch)

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Katja Bohnet - MessertanzBeginnen wir mit dem Misslichen, keine Bange, es ist nicht viel:
Eine Pathologin „so klein, dass sie aussah wie ein Kind, das sich im Keller des rechtsmedizinischen Instituts verlaufen hatte“. Die Assoziationen sind augenblicklich da. Doch Professor Boerne kommt glücklicherweise nicht klassiksummend  um  die Ecke, und Franziska Mohn, genannt Siska unterscheidet sich charakterlich ziemlich von Silke „Alberich“ Haller, darf zudem wesentlich aktiver in die Handlung eingreifen als es der „Tatort“-Kollegin erlaubt ist.

Problembullen. Fast so schlimm wie Erklärbären.  Hund entlaufen, vom Wickeltisch gefallen, in der Polizeischule gemobbt, Frau und Kind bei einem Tsunami umgekommen  – kommt klar damit, aber nervt nicht mit Eurem Rumgejammere. Große Ausnahme:  Derek Raymond. Edie, die Ehefrau des namenlosen Factory-Sergeanten tötete die gemeinsame Tochter Dahlia und landete selbst in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Einrichtung. Raymond nutzt dies nicht, um seinen Protagonisten in jammervolles Räsonieren ausbrechen zu lassen, er begreift seine Geschichte als Teil einer Welt, in der Leiden das Leben prägt. Der Umgang mit dieser Erkenntnis ist entscheidend. Für den Sergeant heißt es nicht, auf sinnlose Rache oder Selbstmitleid zu bauen, sondern  für Gegenwehr zu sorgen. Den Schmerz der Existenz in etwas Positiveres zu verwandeln. Verzeihen, Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit oder zumindest Eindämmung der Ungerechtigkeit. Mehr ist selten drin.

Das findet seinen Widerhall bei Katja Bohnet. Ihr Personal ist teilweise mehrfach traumatisiert. Viktor Saizew, dessen beeindruckende körperliche Präsenz so oft betont wird, leidet unter seiner Vergangenheit und einer nicht näher benannten Krankheit, die genau das angreift, was ihn so herausragend macht: Seine physische Stärke. Seine toughe LKA-Kollegin Lopez hat ihren Zerreißpunkt ebenfalls wiederholt überschritten. Ursprung war das nie aufgeklärte, ominöse Verschwinden ihres Sohnes Luis.

Das für den „Messertanz“ natürlich von Bedeutung ist. Wir haben ein Polizistenpärchen am Rande des Nervenzusammenbruchs, die in eine Mordserie verwickelt werden, an deren Anfang Kindesmissbrauch, Verrat, Verlust und der Wunsch nach umfänglicher Rache steht, die sich am Ende in perfiden Intrigen, Menschenhandel und vielfachem Tod manifestiert.

Treffen sich drei, nein eigentlich eher vier, fünf, sechs, Russen in Berlin. Irgendwann ist klar, dass eine gemeinsame Geschichte kurze, aber entscheidende Überkreuzungen, Zufälle bereithält. Die in ihren Konsequenzen über Nationalitäten hinausgehen. Die Menschheit ist miteinander verbunden, Bohnets Roman führt das „Kleine-Welt-Phänomen“ komprimiert zusammen. Keine Geste, Berührung oder noch so kurze Begegnung bleibt ohne Wirkung.

Der „Messertanz“ führt von Berlin nach St. Petersburg, Moskau und wieder zurück nach Berlin. Für jeden Ort findet Katja Bohnet passende Worte, wühlt sich hinein (Berlin), durchstreift (St. Petersburg), sorgt für klassisches Shootout-Feeling (Moskau) und endet mit einem knapp in Worte gefassten Hoffnungsschimmer.

Form und Sprache sind Höhepunkte des Romans. Katja Bohnet springt. Durch Zeit und Raum. Der Leser ist ein aktives Wesen und darf selbst zusammensetzen was zusammen gehört. Autor*innen, die ihre Leserschaft nicht unterschätzen, bekommen Bonuspunkte. Dabei verliert Bohnet ihr komplexes Gesamtkonstrukt nicht aus den Augen, je weiter die Geschichte voranschreitet umso verdichteter wird sie vorgetragen. Katja Bohnet ist – dankenswerterweise – von Beginn an keine Verfechterin ausschweifender Satzkonstruktionen und bedeutungsschwangerer Worthülsen. Wiederholungen finden nur dort statt, wo sich die handelnden Personen vor Erkenntnissen verschließen.

„Messertanz” ist die Geschichte einer Rache, die jedes Maß verloren hat und nur Opfer hinterlässt. Bevorzugt solche, die von Beginn an bereits welche waren. Katja Bohnet spinnt daraus ein dicht verwobenes Netz, etwas überladen mit traumatisch zappelnden Menschlein, doch als konsequent entwickeltes System, vertrackt, spannend und stilsicher ins Ziel gebracht.

Cover © Verlagsgruppe Droemer/Knaur

  • Autor: Katja Bohnet
  • Titel: Messertanz 
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 01.12.2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 302
  • ISBN: 978-3-426-51674-4
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 11/15 spitzen Messern

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Katja Bohnet – Messertanz (Buch)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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