Jan Costin Wagner – Am roten Strand (Buch)

Bergisch Gladbach, Lügde und Münster sind Ortsnamen, die man mit düsteren Kapiteln der jüngeren Kriminalgeschichte verbindet. Denn in allen drei Städten wurden Pädophilenringe ausgehoben und zahlreiche Täter verhaftet. Wobei vor allem Bergisch Gladbach für Verzweigungen steht, die weit über die Stadtgrenze hinaus reichen. Keine Einzeltaten, sondern Fälle systematischen Kindesmissbrauchs.

In Lügde war der zentrale Tatort ein Campingplatz, auf den “Am roten Strand”, der Titel von Jan Costin Wagners aktuellem Roman, verweist, während die Kleingartengartenanlage, in der der IT-Spezialist Thorsten Dahms seine Verbrechen begeht, ihr unrühmliches Vorbild in Münster besitzt. Wagner orientiert sich offensichtlich an tatsächlichen Vorgängen, strickt aber ein eigenes literarisches Garn daraus. Dabei ist die Gefahr groß, den Stoff als spekulative Kolportage fürs sensationslüsterne Lesepublikum zu verwerten. Dem entzieht sich Wagner gekonnt, es gibt keine reißerischen Details, keine voyeuristische Ausbeutung der minderjährigen Leidtragenden.

Wagner beschränkt sich auf rückblickende Andeutungen, hievt stärker die Reaktion der Ermittler ins Zentrum, die sich mit den Tatverdächtigen auseinandersetzen müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Delinquenten ins Visier eines rächenden Killers geraten sind. Hanno Eigler, Mitglied eines pädophilen Chat-Zirkels wird erstochen, während er darauf wartet, seine Tochter im Sex-Tausch gegen die Enkelin des einsitzenden Holdner feilzubieten. Der ebenfalls inhaftierte Computerfachmann Dahms stirbt an einer Vergiftung. Nun gilt es für die Beamten, den Haupttäter Holdner zu schützen. Was ihnen schwerfällt, insbesondere Christian Sandner, der mit Anne, einem früheren Opfer des Mannes liiert ist.

“Am roten Strand” besteht aus vielen kurzen Kapiteln, denen jeweils der Name eines Protagonisten vorangestellt ist. Die meiste Erzählzeit bekommen die Polizisten sowie der pensionierte, am Selbstmord seiner Tochter leidende, Landmann, Ex-Kollege und Freund des im Fokus stehenden Kommissars Ben Neven (der Roman ist der zweite Band der Ben Neven-Reihe), zugestanden. Doch auch die Täter und, selten aber konzentriert, Opfer werden passagenweise aus eigenem Blickwinkel dargestellt. Wagner beherrscht diese Aufsplittung, dank seiner klaren, unaufgeregten Sprache, die durch Andeutungen und Betrachtungen von scheinbar Beiläufigem, den Lesern viel Raum für eigene Schlüsse und Gedanken erlaubt. Motivation und Biographien der Täter werden nur kurz angerissen. Wagner belässt es bei Beschreibungen des Offensichtlichen, was je nach Deutung Crux oder Stärke des Romans ist. Die Pädophilen bleiben blasse Figuren ohne tiefergehende Geschichte, Motivationen werden nicht erforscht. Vielleicht ist aber genau dies die zu vermittelnde Botschaft: Es gibt nichts, was über diese hohlen Männer berichtenswert wäre.

Das sieht anders bei Ben Neven aus. Zu Beginn wegen des tödlichen Schusses auf einen der Haupttäter unter Druck der Innenrevision, dann als Held gefeiert. Während er unter seinen Obsessionen zu leiden beginnt. Denn Ben, Vater einer Tochter und Ehemann einer ständig verreisten Frau, fühlt sich sexuell zu Jungen auf der Schwelle zum Teenager hingezogen. Erst reicht die Befriedigung zu beschlagnahmtem Bildmaterial, dann begibt er sich auf die Suche nach einer realen Begegnung. Hin- und hergerissen zwischen Lust, Scham und Abscheu vor sich selbst. Und hofft dabei inbrünstig:

“Ich bekämpfe, auf der Seite der Guten, das Böse.”

Wagner schildert den Leidensdruck Bens ohne Hysterie und dem Versuch künstlich Spannung aufzubauen. Gerade deshalb gelingt ihm eine beklemmende Schilderung, die wiederum der Leserschaft die Deutungshoheit überlässt.

Was auch für die Darstellung des Pädophilenkillers gilt. Denn es wäre leicht, ihn als Messias der kochenden Volksseele zu installieren. Zwar bleibt Verständnis für die Selbstjustiz nicht aus, die Hintergründe und die daraus folgenden Morde sind nachvollziehbar. Doch spätestens als Unbeteiligte ums Leben kommen, bleibt die Genugtuung über den Racheakt aus, verkehrt sich ins Gegenteil.

Der bedachtsame Tonfall, die distanzierten, aber mit Empathie gezeichneten Schilderungen machen den Reiz des Romans aus, der dadurch für Interpretationsmöglichkeiten offen bleibt. Das ist spannend, belangreich, ohne das Thema exploitativ auszuschlachten. An wenigen Stellen hätte man sich den Text weniger zaghaft, zupackender und detaillierter gewünscht. So bekommt Thorsten Dahms, alleine aufgrund seines frühen Todes nur eine rudimentäre biographische Notiz. Aber es gibt noch die (unwissende?) Ehefrau. Sie bleibt eine Marginalie, die der Roman schnell aus den Augen verliert. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, wie sie damit umgeht, von einem geliebten Menschen dauerhaft getäuscht worden zu sein. Ein Mensch, der die eigenen Töchter missbraucht und sie an Gleichgesinnte verschachert hat. Während seine Gattin ihn als fürsorglichen Mann schätzte. Wie konnte dieser jahrelange Betrug inklusive aufwändiger Logistik funktionieren, ohne dass Frau Dahms in ihrer Behaglichkeit aufgescheucht wurde, und wie wird sie mit dem neuen Wissen umgehen? Das verrät “Am roten Strand” leider nicht.

Insgesamt aber ein lesenswertes, stilsicheres und eindringliches Buch.

© Cover: Galiani Verlag Berlin

  • Autor: Jan Costin Wagner
  • Titel: Am roten Strand
  • Teil/Band der Reihe: Die Ben-Neven-Krimis, Band 2
  • Verlag: Galiani Berlin
  • Umfang: 300 Seiten
  • Erschienen: 10.03.2022
  • Einband: Hardcover
  • ISBN: 978-3-86971-209-3
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Erwerbsmöglichkeiten


    Wertung: 11/15 dpt


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