Peter Voss – Wolfsstunden

Unterhaltsame Episoden fürs Kopfkino

Coverbild: Wolfsstunden (c) Axel Dielmann Verlag

Beginnt man „Wolfsstunden“ von Peter Voss zu lesen, dann fühlt man sich ein wenig so als ob man spät am Abend in einer Bar an der Theke sitzt, einen Single Malt vor sich, und der Typ neben einem beginnt auf einmal zu erzählen.

Man hört zu, die Umstände erscheinen einem sofort vertraut, so dass man das Geschehen zeitlich einordnen kann, doch das, was man dann erfährt, ist so abwegig und doch auch wieder nicht, dass man gebannt bis zum Ende zuhören mag.

Genau so funktioniert Peter Voss‘ Erzählstrategie. Er erzeugt Spannung aus einem allgemein bekannten Zusammenhang heraus, spinnt völlig neue Fäden und überlässt es am Ende uns, den Leser*innen, zu entscheiden, ob wir nun glauben wollen oder nicht, was die Story für uns bereit hält.

Diese Vorgehensweise ist auf eine angenehme Art altmodisch, denn sie erzeugt sofort eine vertraute Nähe zum Geschehen. Eine Lektüre wie ein knisterndes Kaminfeuer.

Voss‘ Geschichten inszenieren existenzielle Momente in den Lebensläufen seiner Figuren: Da ist zum Beispiel der erfolgreiche Rockstar, der seinen Deal mit Gott macht („A Deal with God“). Das Paar, das sich aus Liebe unbedingt gegenseitig überleben will („Liebe“). Der Boxer, dessen größter Kampf nicht im Ring liegt („Ronnis Töchter“). Immer stehen Voss‘ Protagonisten vor grundsätzlichen Entscheidungen oder Fragen. Letzte Antworten werden gesucht oder Lebenslügen entlarvt.

Voss vermischt geschickt Realität und Fiktion. Er entlehnt Ereignisse aus der jüngsten Geschichte und verwebt sie mit dem eigenen Plot. Das Dritte Reich und seine Verbrechen („Das Erbe“, „Herr Fafner“), die Explosion im Beiruter Hafen („Aufräumarbeiten“), die Gift-Morde an russischen Dissidenten („Wölfe“), mal nutzt er diese historisch belegten Bezüge, um einer Handlung einen Rahmen zu bauen. Mal dient ihm ein konkretes Ereignis als Ausgangspunkt für sein eigenes Erzählen.

Seine Erzählstimmen sind meist männlich. Und auch dann wenn er Protagonistinnen erschafft, kann er sich von seinem männlichen Duktus nicht wirklich lösen. Das lässt die Perspektive der einen oder anderen Geschichte teilweise etwas stereotyp daher kommen. Aber im Großen und Ganzen geht es in Ordnung, weil er die männliche Seite seines Erzählens nie verherrlicht, sondern – im Gegenteil – weil er ohne Ausnahme aufzeigt, wie toxisch sich diese ganze übertriebene Männlichkeit in Gesellschaft und Politik auswirkt.

In seinen Stories geht’s um Macht und Korruption, um fehlgeleitete Überzeugungen, und deren verhängnisvolle Auswirkungen. Empathie entwickelt Voss vor allem für die Verlierer und Opfer, auf die er die Aufmerksamkeit lenkt.

Gewalt, das demonstriert er deutlich, erzeugt auf verhängnisvolle Weise immer wieder neue Gewalt. Und Stärke ist oft nicht mehr als eine Fassade, hinter der eine verletzte Seele steckt („Leer“).

Zwölf Erzählungen fasst der im Axel Dielmann Verlag erschienene Band zusammen. Sie sind wie kleine Episodenfilme fürs Kopfkino. Sie lesen sich schnell und unterhaltsam weg. Nachtgeschichten hat der Autor sie untertitelt. Aber man kann sie ebenso genussvoll auch zu jeder anderen Tageszeit lesen.

  • Autor: Peter Voss
  • Titel: Wolfsstunden: 12 Nachtgeschichten
  • Verlag: Axel Dielmann Verlag
  • Erschienen: November 2021
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3866383487


Wertung: 12/15 dpt


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