Steinunn Sigurdardottir - Nachtdämmern © 2022 Dörlemann Verlag AG, Zürich

Der Vatnajökull ist mit 8.100 km² der größte Gletscher Islands und außerhalb des Polargebietes auch der größte Gletscher Europas. Seit einigen Jahren verliert der Gletscher zunehmend an Größe, was unter anderem der Veränderung des Klimas bzw. dem Treibhauseffekt geschuldet ist.

Die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardóttir („Der Zeitdieb“) hat sich in vielen ihrer Gedichte mit dem langsamen Schmelzen des Gletschers beschäftigt, die nun in „Nachtdämmern“ versammelt wurden. Dabei durchwandert sie eine lyrisch interessante Reise, welche die Geschichte des Gletschers erzählt und durchleuchtet das Leben desselben von allen Seiten.

Sie beschreibt zum einen die Schönheit des mächtigen Naturwunders

„Über hellen sorglosen schritten wacht funkelnd ein berg aus eis“

die zugleich auch so unheilvoll drohend über dem Land

„Er war immer vom Hof aus zu sehen, dieser unabkömmliche Einheimische“

und aus ihrer Erinnerung ragt.

„Als kind lehrte man mich dass der gletscher unheimlich sei. Meine Leute hatten angst vor ihm und wenn ein kind sich zu nah an ihn heranwagte, schrie man es an.
Der gletscher war eine solche bedrohung dass seine schönheit verschwand“

Doch gleichzeitig macht sie auch auf das langsame Absterben des Vatnajökull aufmerksam, ein langsamer, doch unheilvoller Prozess, der sich ebenso langsam wie unheilvoll durch ihre Gedichte zieht.

„Zu sehen wie er zurückweicht, der gewaltige, starke.
Traurig ihm hinterher zu sehen.“

Unmissverständlich und doch in anmutige Worte verpackt, macht die Autorin klar, wer dafür verantwortlich zeichnet

„Es gibt einfach keinen anderen weg als diesen auf den wir ihn getrieben“

und welch tragische Konsequenzen diese Entwicklungen nach sich ziehen wird.

„Drei jahre noch oder vielleicht fünf dann müssen wir uns ein boot kaufen um zum gletscher zu kommen“

Auch ihre Trauer lässt Steinunn Sigurdardóttir in ihre Worte einfließen, ihre Trauer über das Sterben eines so mächtigen Berges aus Eis, der nicht nur für ihr Heimatland einen wichtigen Pfeiler der isländischen Geschichte darstellt, sondern auch für ihre Kindheit, was sich besonders in „Stimmen aus der Gegend um den Vatnajökull“ herauslesen lässt.

Doch inmitten all der Trauer, der Verzweiflung und der Wut über diesen stillen und gleichzeitig schmerzhaften Prozess verweist die Schriftstellerin immer wieder auf die Macht und Kraft der Natur und insbesondere die des Gletschers und darauf, wie wichtig die Natur für die Menschheit ist, auch wenn sie es oftmals vergisst.

Die ausdrucksstarken Gedichte, die manchmal sprachlich stechend klar präzise, dann wieder malerisch verträumt daherkommen, spiegeln wunderbar die wechselseitigen Gefühle, die Steinunn Sigurdardóttir beim Gedanken an das Denkmal ihrer Kindheit empfinden muss. Es gelingt ihr und ihren Werken, beim Leser selbst Erinnerungen an tröstliche Konstanten der Kindheit hervorzurufen, die Sehnsucht, den Wunsch nach Beständigkeit, aber auch die Angst vor dem Verlust von ebendieser.

„Freude vermischt mit wehmut“

Auch der Aufbau des Lyrikbandes begleitet diesen Entwicklungsprozess, die thematisch verschiedenartigen Kapitel („Gletscherkinder“, „Zu Wasser werden“), die sich auf ihre Weise dem Gletscher widmen, verdeutlichen dies.

So ist das Lesen von „Nachtdämmern“ nicht nur ein bewegender Einblick in die lyrischen Fähigkeiten der bekannten isländischen Autorin, sondern auch in ihren von Abschiedsschmerz begleiteten Rückblick auf ihre Kindheit, deren Erinnerungen allmählich verblassen wie die einst so mächtig strahlend weiße Pracht des Vatnajökulls.
Eine Entwicklung, die wohl viele Menschen kennen und die sich daher in den Gedichten von Steinunn Sigurdardóttir wiederfinden dürften.


Wertung: 13/15 dpt

  • Autor: Steinunn Sigurdardottir
  • Titel: Nachtdämmern
  • Originaltitel: Dimmumót
  • Übersetzer: Kristof Magnusson
  • Verlag: Dörlemann Verlag
  • Erschienen: 2022
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 120
  • ISBN: 978-3-03820-107-6
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Erwerbsmöglichkeiten

Cover: © 2022 Dörlemann Verlag AG, Zürich


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