Matthias Wittekindt / Rainer Wittkamp – Fabrik der Schatten (Buch)

Exekutionen im Deutschen Reich

Fabrik der Schatten
© Heyne

Nach einer Verfolgungsjagd kollidiert ein Renault-Cabriolet mit einem Zug in Bingen, es sterben mehrere Menschen. Darunter der Fahrer des Renault, dennoch wird ihm jeweils zwei Mal in Kopf und Herz geschossen. Wenig später wird nach gleichem Muster der Doktorand Frank Grimm in einem Bonner Park ermordet. Major Albert Craemer, Leiter der Abteilung Spionage Frankreich beim militärischen Nachrichtendienst, reist mit seiner Agentin Lena Vogel nach Bingen, wo sie unter anderem den verletzten Bremser des Zuges im Krankenhaus befragen wollen. Dort angekommen, geraten sie prompt in eine wilde Schießerei, bei der fünf weitere Menschen zu Tode kommen. Alle Vorfälle haben dabei gemein, dass die Täter französisch sprachen.

Nun gut, eine schlimme Sache. Da haben sich offenbar einige Schwerverbrecher ein Duell geliefert. Oder sehen Sie mehr darin, Fräulein Vogel?“
„Ein Insasse schwer verletzt, ein zweiter tot – Kopf fast abgerissen.“
„Hab ich gelesen.“
„Und trotzdem noch zwei Schüsse in die Stirn und zwei in die Brust. Für mich sieht das nicht nach Gaunern aus, eher nach einer militärischen Operation. Das war, wenn Sie mich fragen, eine regelrechte Exekution.

Währenddessen soll der Flieger Gustav Nante im Auftrag von Oberst Gottfried Lassberg, Leiter der Abteilung Inlandspionage, mit zwei weiteren Piloten an die französische Grenze fahren, um von dort drei Flugzeuge nach Deutschland zu überführen, die der Besitzer der Albatros-Werke in Frankreich gekauft hat. Doch Geschäfte mit dem Erbfeind erwecken natürlich das Interesse des deutschen Abwehrdienstes. Schließlich ist Frankreich mit England verbündet, nicht auszudenken, wenn sich die Russen diesem Bündnis anschließen würden.

Interessante Themen werden angerissen

Matthias Wittekindt, der unter anderem 2014 und 2019 den Deutschen Krimipreis erhielt, schrieb den ersten Teil der „Craemer-und-Vogel-Reihe“ gemeinsam mit dem ebenfalls preisgekrönten Rainer Wittkamp, der kurz vor der Fertigstellung des Manuskriptes verstarb. Man darf also gespannt sein, ob die beiden Protagonisten Craemer und Vogel, eigentlich sind es mit Gustav Nante sogar drei, einen weiteren Fall werden lösen dürfen. Das Ende des hier vorliegenden Buches legt diesen Verdacht allerdings nahe.

Der Roman spielt überwiegend im Jahr 1910. Wichtige Änderungen in der Polizeiarbeit wie die Daktyloskopie, welche die Bertillonage verdrängt, haben Einzug gehalten. Neuartige Motorflieger ersetzen zunehmend die Luftschiffe. Kurz: Die Moderne Zeit ist in vollem Gang. Den Großen Generalstab, in dem Pläne für einen möglichen Kriegsfall erstellt werden, prägt derweil die Angst vor einem Bündnis aus Frankreich, England und Russland; Geheimdienste auf allen Seiten wurden eingerichtet, das Wettrüsten hat nicht nur zur See begonnen. Gerade die Einsatzmöglichkeiten schneller, moderner Motorflugzeuge wecken nicht nur das Interesse der Ingenieure.

Dies und mehr sind die Ingredienzien des gemeinsamen Werkes von Wittekindt und Wittmann, welches bequem konsumierbar ist. Kurze Kapitel sorgen für einen schnellen Lesefluss; allein, man hätte sich schon an der einen oder anderen Stelle ein bisschen mehr Tiefgang gewünscht. Mitunter werden die Themen nur oberflächlich angerissen wie beispielsweise die Änderungen der Polizeiarbeit; es wird erwähnt (Seite 31) und fertig. Auch atmosphärisch enttäuscht der Roman. Die Lebensverhältnisse in jener Epoche der Moderne sowie die politische Gemengelage im Deutschen Reich (und in Europa) hätten gerne intensiver dargestellt werden können.

  • Autoren: Matthias Wittekindt / Rainer Wittkamp
  • Titel: Fabrik der Schatten
  • Verlag: Heyne
  • Umfang: 368 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Juli 2022
  • ISBN: 978-3-453-42509-5
  • Produktseite


Wertung: 10/15 dpt

 


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