Experimentelle Enttäuschung: Der aktuelle Film von Leos Carax ist mehr Groteske als Musical.

Annette-Film-DVD
© Alamode Film

Der Cast des Films “Annette”, der im Dezember letzten Jahres in die deutschen Kinos kam, könnte eigentlich nicht vielversprechender sein: In den Hauptrollen die fabelhafte Marion Cotillard („La Vie en Rose“) neben dem charismatischen Adam Driver („BlacKkKlansman“) und Simon Helberg („The Big Bang Theory“) als Nebendarsteller. Das Coverfoto der DVD und die Szenenfotos versprechen ein phantastisches Märchen, on Top ist das Ganze ist ein Musikfilm – wie konnte dieser vermeintliche Kinohit aus Frankreich so still vorbeiziehen? Sicherlich lässt sich das einerseits auf den eingeschränkten Pandemie-Betrieb zurückführen, andererseits sorgte der Film von Leos Carax („Holy Motors“), der die Filmfestspiele von Cannes 2021 eröffnen durfte, außerhalb Frankreichs für gemischte Reaktionen beim Publikum.

Henry McHenry ist mit seinem Programm „The Ape of God“ als Comedian auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Als schlecht gelaunter Zyniker, der Merkwürdigkeiten ins Mikro nuschelt und im Bademantel auftritt, bringt er (aus unerfindlichen Gründen) die Massen zum Lachen. Seine Freundin Ann Desfranoux ist Opernsängerin und ebenfalls großer Star. Jeden Abend stirbt sie auf der Bühne einen berührenden Tod, begleitet von ihrem Klavierspieler. Der grobe Henry und die Zartfühlende – das ungleiche Paar genießt die volle Aufmerksamkeit der Boulevardpresse, die erst über die Beziehung, dann die Hochzeit, schließlich die Geburt der Tochter Annette berichtet. Doch schon bald läuft die Beziehung aus dem Ruder: Henry trinkt mehr und mehr und wird gewalttätig, mit seiner Karriere geht es plötzlich bergab. Seine Aggressivität hat schließlich tödliche Folgen …

Der Plot klingt spannend, die Umsetzung ist reichlich experimentell. Der Film beginnt mit Regisseur Carax, der in die Kamera schaut und das Publikum um Konzentration bittet. Danach kommt der erste Song, den die Darsteller Driver, Cotillard und Helberg als sie selbst singen!? Titel: „So may we start“. Ja bitte, dann tut das doch auch … Die Songs sorgen an mehreren Stellen dafür, dass Längen entstehen. Schuld daran ist dieses Tell-don’t-show-Gebaren, bei dem die Darsteller singen, was offensichtlich ist: So haben Ann und Henry einen gemeinsamen Song, der gefühlt mehrere Minuten nur aus den Worten „We love eachother so much“ besteht, den sie singen, während sie spazierengehen und danach Sex haben … Nicht übertrieben genug, um witzig zu sein, aber zu platt, um zu verzaubern. Lediglich bei Simon Helberg scheint das Experiment zu glücken: Auch er durchbricht die vierte Wand und sagt: „I am now the conductor of the Citie’s finest orchestra.“, während er dirigiert. Seine Mimik und sein Spiel schaffen es – leider nur kurz – dieses absurde Stilmittel endlich gekonnt einzusetzen.

Wer Ohrwurm-Songs erwartet, wird enttäuscht sein: Die Band SPARKS ist für den Soundtrack verantwortlich, der nicht im Ohr bleibt. Auch hier wird wieder gegen die Gewohnheiten des Publikums gearbeitet: Zu viele Dialoge werden im Singsang inszeniert und man wünscht sich spätestens ab der Hälfte des Films Passagen, die nicht gesungen werden. Wo in klassischen Musicalfilmen wichtige Szenen durch Songs hervorgehoben werden, sorgt der permanente Einsatz von Singsang bei „Annette“ eher für noch mehr Chaos in einem sowieso schon wirren Plot und überfrachteten Themenpool: Geht es vordergründig um Liebe? Alkoholismus? Ausbeutung von talentierten Kindern? Selbstsucht und Karma? Und warum zum Kuckuck ist „Baby Annette“ eine animierte Marionette aus Holz ohne Fäden? Spätestens ab der Geburt des gemeinsamen Kindes möchte man den Film deshalb am liebsten ausschalten, weil die Inszenierung endgültig ins Lächerliche abdriftet und sich dabei selbst viel zu ernst nimmt.

Das Traumpaar der Boulevardpresse: Comedian Henry McHenry (Adam Driver) und Operndiva Ann Desfranoux (Marion Cotillard). © Alamode Film

Adam Driver als dunkler Psychopath auf seinem Motorrad sorgt zwar für einige Gänsehautmomente – besonders im Spiel mit Cotillard – kann aber über die vielen Längen des 135 Minuten langen Films nicht hinwegtrösten. Marion Cotillard spielt wie immer zauberhaft, auch wenn die Figur der Ann eher facettenarm ist, rückt aber im Laufe der Handlung recht schnell in den Hintergrund. Die Grundstimmung des Films ist düster, depressiv und beklemmend. Die experimentelle Umsetzung zerstört leider jeden Ansatz eines märchenhaften Charakters und sorgt oftmals für Verwirrung. Zu viele Rätsel entnerven beim Zuschauen.

Das einzige, was man dem Film zugute halten kann, sind einige poetische Gedanken, die sowohl im Text als auch einigen Bildern zum Ausdruck kommen. Es entsteht kurz der Eindruck von einer richtig guten Theaterinszenierung. Aber leider zu unterschwellig, leider zu selten.

Eine Szene wie aus einem Theaterstück. Sängerin Ann nimmt ein Bad im hauseigenen Pool mit verwunschenem Garten. © Alamode Film

Wer den ständigen Sprech-Gesang in „Les Misérables“ (2012) super fand (Russel Crowe, oje!), der wird sich an den Sing-Dialogen in “Annette” sicher auch nicht stören. Fans von magischem Realismus made in Frankreich greifen lieber zu „Der Schaum der Tage“ von Michel Gondry (2013) – hier berührt auch die Liebesgeschichte, was in “Annette” leider so gar nicht gelingen mag.

Fun Fact zum Schluss: Die Film- und Medienstiftung NRW hat die Produktion des Films mit einem Betrag von 500.000 Euro unterstützt, da einige Szenen in Münster und Bonn gedreht worden sind.

 

    • Titel: Annette
    • Originaltitel: Annette
    • Produktionsland und -jahr: Frankreich 2021
    • Genre: 
      Musikfilm
      Drama
    • Erschienen: 22.04.2022
    • Label: Alamode Film
    • Spielzeit: 135 Minuten
    • Darsteller: 
      Adam Driver
      Marion Cotillard
      Simon Helberg
      u.a.
    • Regie: Leos Carax
    • Drehbuch:
      Leos Carax
      Sparks
    • Kamera: Caroline Champetier
    • Schnitt: Nelly Quettier
    • Musik: Sparks
    • FSK: 12
      Technische Details (DVD): 
    • Video: Bildformat 16:9
    • Audio: Deutsch (inkl. Hörfilmfassung), englisch
    • Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
    • Extras: Interview mit Schauspielerin Marion Cotillard, exklusives Making-Of “Unsichtbare Fäden – Die Erschaffung von Annette”, Trailer, Wendecover
    • Sonstige Informationen:
      Produktseite
  •  


Wertung: 7/15 dpt

 


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