Sebastiano Vassalli – Der Schwan (Buch)


Sebastiano Vassalli – Der Schwan (Buch)

Der erste politische Mord der Mafia

Der Schwan
© Piper (Das abgebildete Cover bezieht sich auf eine andere Ausgabe)

Auf einer Zugfahrt nach Palermo wird am 1. Februar 1893 der einflussreiche Banker Emanuele Notarbartolo durch mehrere Messerstiche getötet. Drei Jahre zuvor stürzten sich Ministerpräsident Francesco Crispi und dessen Freunde auf die Bank von Sizilien, veruntreuten große Summen durch illegale Börsenspekulationen. Wenige Wochen vor seiner Ermordung erwischte Notarbartolo einen Abgeordneten auf frischer Tat. Zudem sorgte ein Falschgeldskandal für Aufsehen, mit dem Politiker in Rom finanziert wurden. Für den sizilianischen Parlamentsabgeordneten Raffaele Palizzolo, der enge Kontakte zu „Ehrenmännern“ hat und zudem Anführer der „Bruderschaften ist, beauftragt Guiseppe Fontana, genannt Don Piddu, Holzgesicht, mit der Ermordung Notarbartolos. Die Polizei ermittelt kaum und nimmt lediglich den Eisenbahnschaffner Guiseppe Carollo fest, der den beiden Attentätern Zugang zu Notarbartolos Abteil verschaffte.

„Es lebe Sizilien!“

Die Ermordung des Emanuele Notarbartolo kann als erster politischer Mord der Mafia angesehen werden, wobei aus Sicht zahlreicher Sizilianer die Mafia eine Erfindung der Norditaliener ist, so die Legendenbildung. Sebastiano Vassalli (1941-2015), zu Lebzeiten ein bekannter Autor in Italien, erzählt in seinem Roman „Der Schwan“, Il cigno, Spitzname des Abgeordneten Raffaele Palizzolo, nicht nur über die Anfänge des organisierten Verbrechens sowie die „Ermittlungen“ im Mordfall Notarbartolo, sondern auch viel über Sizilien, die Befindlichkeiten der Menschen in und um Palermo sowie über die Anfänge vom Königreich Italien, welches 1861 entstand.

Man redete über die Nutten, wie immer, wenn Filippo Pesco dabei war, und von Kumpanen, die nach Amerika ausgewandert waren; vor allem aber sprach man über die Nachforschungen, die auf die Ermordung des Commendatore Notarbartolo gefolgt waren, und kommentierte wohlwollend die Arbeit der Polizei, die sich in diesem Fall noch unfähiger und dilettantischer gezeigt hatte als gewohnt.

Der Mord an Notarbartolo blieb lange ungeahndet, Zeugen waren rar und nicht alle sagten aus. Im Laufe der Jahre verstarben wichtige Figuren, doch für die Presse war der Fall ein gefundenes Fressen, welches immer wieder aufgewärmt wurde. Aber erst im Mai 1897 kam es zu drei Festnahmen, von dem bereits erwähnten Eisenbahnschaffner abgesehen. Als es für „den Schwan“ selber eng und dieser sogar im fernen Bologna zu dreißig Jahren Haft verurteilt wurde, kannte die Wut der Sizilianer keine Grenzen. Nord- und Süditaliener waren in inniger und gegenseitiger Abneigung tief verbunden. Das Urteil, ein vermeintlicher Schauprozess, um auf Sizilien herabzusehen. Und überhaupt, letztlich waren doch die Sozialisten alles schuld.

Wir, die wir nichts anderes getan haben, als unsere Familien zu verteidigen, unsere Ehre, unsere hochheiligen Ziele, wir tragen keine Schuld an seinem Tod. Unsere Hände sind sauber, und unser Gewissen ist rein…

Man kann, heute kennt man dies mit Blick auf Amerika sowie Verschwörungstheoretiker weltweit, die Lage schönreden. Raffaele Palizzolo war darin ein Meister seines Faches. Langjähriger Abgeordneter, vom Volk geliebt und nach eigener Einschätzung der größte Dichter Italiens. Nur wollte seine albernen Gedichte und Romane niemand lesen, seine Memoiren niemand drucken und auch das Volk beehrte ihm nur deswegen eine vielumjubelte Heimkehr aus der Gefangenschaft, da es sich in seiner eigenen, sizilianischen Ehre gekränkt sah.

„Der Schwan“ ist ein vielschichtiger und informativer Roman, der vor allem die Geschichte Siziliens beleuchtet. Wer sich für Italien, Sizilien und die Mafia interessiert, sollte hier unbedingt zugreifen, wenngleich die zahlreichen Namen mehr oder weniger wichtiger Personen etwas anstrengend sind. Leider ist der Roman fast nur noch antiquarisch erhältlich.

  • Autor: Sebastiano Vassalli
  • Titel: Der Schwan
  • Originaltitel: Il cigno. Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend
  • Verlag: Piper
  • Umfang: 235 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: 1997
  • ISBN: 3-492-22509-8


Wertung: 12/15 dpt


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