Julia Hoch – Frau Putz (Buch)


Julia Hoch hat ihren Roman einer „Unsichtbaren“ gewidmet. Denn Menschen wie Kerstin Wischnewski werden selten als Person wahrgenommen. Menschen wie Kerstin vollrichten eine Arbeit, die man erst bemerkt, wenn sie nicht getan wird. Kerstin Wischnewski ist Reinigungskraft von Beruf.

So kommen die ersten Seiten des Romans völlig unspektakulär daher. Kerstins Leben ist alles andere als glamourös. Julia Hoch schildert deren anstrengenden Alltag. Sie begleitet Kerstin auf ihren Touren, die sie zu sehr unterschiedlichen Auftraggebern führen. Kerstin putzt in einer anonymen Büroetage, im Atelier eines durchgeknallt scheinenden Künstlers, im chaotischen Haushalt einer mehrköpfigen Familie, bei einer alten dementen Dame, und bei einer sehr sehr reichen Frau. Die Arbeit fordert Kerstin körperlich, doch das eigentlich Belastende an ihrem Job spielt sich im Zwischenmenschlichen ab. Oder vielmehr, in dem was an zwischenmenschlicher Interaktion fehlt. Niemand begegnet ihr mit Respekt. Niemand sieht in ihr den Menschen. Sie wird völlig auf ihre Arbeit reduziert.

Und beim nächsten Mal sollten Sie besser vollkommen
unsichtbar sein, wenn Sie nach acht noch hier sind. Wir müssen schließlich
arbeiten. (…) Kerstin beeilte sich, tat, was sie zu tun hatte, spürte die
Blicke der ankommenden Angestellten, sah aber niemandem in die Augen. Sie hielt
den Mund und versuchte, unsichtbar zu sein.

<span class="su-quote-cite">Seite 69</span>

„Und beim nächsten Mal sollten Sie besser vollkommen unsichtbar sein, wenn Sie nach acht noch hier sind. Wir müssen schließlich arbeiten. (…) Kerstin beeilte sich, tat, was sie zu tun hatte, spürte die Blicke der ankommenden Angestellten, sah aber niemandem in die Augen. Sie hielt den Mund und versuchte, unsichtbar zu sein.“ (Seite 69)

Die Autorin macht es uns leicht, ihre Protagonistin zu mögen. Kerstin ist ehrlich und mitfühlend. Sie mag ihre Arbeit, von der sie weiß, dass sie wichtig ist, und die sie daher gewissenhaft ausübt. Hoch porträtiert eine Frau, die sich nahezuklaglos den größten Zumutungen stellt, nur um irgendwie durchs Leben zu kommen. Und an Zumutungen mangelt es in Kerstins Leben bei Leibe nicht.

Geschickt führt die Autorin ihre Leserschaft aufs Glatteis, um das Verhalten von Kerstins Umwelt zu enttarnen. Mit viel Humor und einem charmanten Blick für skurille Momente inszeniert sie Szenen, die auf den ersten Blick satirisch übertrieben wirken, es aber bei genauerer Betrachtung überhaupt nicht sind. Hoch lässt uns die Absurdität solcher Situationen spüren, über die wir in einem Moment lachen, die wir im nächsten Moment jedoch als völlig authentisch erkennen.

Schrittweise wird auch Kerstins Geschichte sichtbar, die von Verlusten und Enttäuschungen geprägt ist. Es entsteht das Bild einer einsamen Frau, die gelernt hat, dass sich niemand für sie interessiert. Einer Frau, die anderen hilft, aber selbst nie auf Hilfe anderer hoffen kann.

Julia Hoch verpackt ihre Botschaft in einer rundum warmherzigen Erzählung. Mit großer Empathie sorgt sie für zahlreiche liebevolle Details, die die Lektüre zu einem ebenso kurzweiligen wie berührenden Ereignis werden lassen. Sie zeigt, dass Menschlichkeit keine Sache großer Gesten ist, sondern eine Einladung, der jeder im Alltag folgen kann, wenn man nur bereit ist, hinzusehen.

Wer „Marzahn, mon amour“ von Katja Oskamp mochte, wird „Frau Putz“ von Julia Hoch defintiv lieben. Große Lese-Empfehlung!

  • Autorin: Julia Hoch
  • Titel: Frau Putz
  • Verlag: Ulrike Helmer Verlag
  • Erschienen: Februar 2024
  • Einband: Broschiert
  • Seiten: 250 Seiten
  • ISBN: 978-3897414808


Wertung: 13/15 dpt


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