
Auf Amélie Nothomb ist Verlass. Im pünktlichen Jahresrhythmus erscheint stets ein neues Buch. Und auch sonst beweist die Vielschreiberin Kontinuität. Ihre Leser:innen können sich inhaltlich sowie stilistisch auf sie verlassen. Nothombs Texte sind immer von präziser Eleganz und übersichtlichem Umfang. Selbst komplexe Themen und längere Zeiträume bildet sie gut übersichtlich und leicht nachvollziehbar ab. Mit den meisten Texten nimmt die Autorin Bezug zu ihrer eigenen Biografie oder der ihrer Familie. Manche Kritiker:innen monieren daher – ebenfalls regelmäßig – eine gewisse Oberflächigkeit in Nothombs Büchern, weil sie sogar umfangreiche Plots wie im Zeitraffer präsentiert. Während die einen feiern, dass Nothomb nur wenige Seiten benötigt, um große Geschichten zu erzählen, reklamieren andere fehlende Tiefe. Beiden Kritiker-Meinungen kann man zustimmen. Die Kürze ist ein typisches Merkmal Nothomb’scher Prosa. Man mag’s. Oder nicht.
In ihrer neuesten Veröffentlichung „Psychopompos“ widmet sich die Autorin erneut Biografischem. Das Buch beginnt mit der Wiedergabe eines Märchens, das dem Kind Amélie von seinem japanischen Kindermädchen erzählt wurde. Die Leidenschaft für Vögel ist geweckt und wird zum Leitmotiv der Heranwachsenden.
Als Tochter eines belgischen Diplomaten zu häufigen Umzügen gezwungen bildet ihre ornithologische Liebe eine Art Konstante. Ausführlich beschreibt sie welche Eigenschaften sie an den von ihr beobachteten Federträgern faszinieren und was sie daraus für ihre eigene persönliche Entwicklung ableiten kann. Der Wunsch, selbst zum Vogel zu werden, reift heran und wird zur Metapher. Nothomb entdeckt für sich die Magie der Sprache und später das Schreiben. Schreiben wird mit der Kunst und den Mühen des Fliegens gleichgesetzt.
Von da an hieß schreiben fliegen.
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Dabei nimmt sie die besondere Rolle des „Psychopompos“ ein, der als mythologische Figur die Seelen Verstorbener begleitet. Analog zu dieser Sagenfigur definiert sie ihre schriftstellerische Aufgabe als Begleitung geliebter Toter, deren Leben sie als Chronistin aufzeichnet.
Das Zitat auf dem Klappentext führt in die Irre. Es bezeichnet „Psychopompos“ als Roman. Romanhaft ist allenfalls die sprachliche Umsetzung. Inhaltlich ist der Text rein biografisch inspiriert. Nothomb gewährt ihren Leser:innen einen sehr intimen Einblick in ihre Gedanken- und Gefühlswelt. Nachdenklich betrachtet sie ihr Schreiben und ordnet die eigenen Werke biografischen Fixpunkten zu.
Schon in früheren Texten ist die Autorin auf Ereignisse der eigenen Biografie eingegangen. Kindheit und Jugend hat sie z.B. in ihren Büchern „Metaphysik der Röhren“ und „Biografie des Hungers“ thematisiert. Zahlreiche Anspielungen auf vorangegangene Werke sowie auf die ihnen zugrundeliegenden persönlichen Erlebnisse finden sich in „Psychopompos“ wieder.
Leser:innen, die Nothombs bisheriges Werk und auch Details aus ihrer Biografie kennen, werden die zahlreichen Hinweise und Anspielungen verstehen, der den vorliegenden Text zu einer Art Schlüssel werden lassen, der hilft, ihre vorherigen Veröffentlichungen zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Insofern ist das vorliegende Buch vor allem für eingefleischte Fans und regelmäßige Leser:innen ein Fest. Eine Empfehlung für Einsteiger:innen ins Nothomb-Universum würde ich nur sehr behutsam aussprechen wollen.
Selbstverständlich kann man sich auch hier an der sprachlichen Finesse erfreuen, an der Brillanz, mit der die Autorin ihre Anekdoten entwirft, am messerscharfen Sprachwitz, mit dem sie selbst dunkle Episoden inszeniert. Doch insgesamt ist dieses Buch deutlich zurückhaltender als bisherige Titel aus Nothombs Feder. Die radikale Kompromisslosigkeit, mit der sie sich sonst auszeichnet, ist einer tiefen Nachdenklichkeit gewichen. Das ist kein Nachteil, nur ist es eine völlig neue Note. Noch nie hat sich Nothomb so verletzlich gezeigt.
Dieses Buch ist das vielleicht bisher untypischste der Belgierin, es ist in jedem Fall ihr bisher persönlichster Text.
- Autorin: Amélie Nothomb
- Titel: Psychopompos
- Originaltitel: Psychopompe
- Übersetzer: Brigitte Große
- Verlag: Diogenes Verlag
- Erschienen: Juni 2025
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 128 Seiten
- ISBN: 978-3257073294

Wertung: 11/15 dpt







