David Lynch und Kristine McKenna – Traumwelten (Buch)

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Auf fast 700 Seiten wird David Lynchs Leben ausgebreitet, gegliedert in einen biographischen Teil, in dem die Journalistin Kristine McKenna Freunde, Verwandte, Geliebte, Vertraute und beiläufige Begegnungen, die oft zu weitreichenderen Beziehungen führen, zu Wort kommen lässt. Darauf aufbauend, ergänzend, teilweise konterkarierend, kommt David Lynch selbst zu Wort. So ergibt sich ein interessantes Konglomerat, das aus Außen- und Innensicht besteht, Widersprüche zulässt, doch sich meist auf Ergänzungen aus David Lynchs Sicht beschränkt.

Wer glaubt, mit dem voluminösen Buch einen Schlüssel zu Lynchs so faszinierendem wie kontrovers aufgenommenen Werk und seiner Persönlichkeit zu erhalten, der wird feststellen, dass noch viele Türen existieren, die sich damit nicht öffnen lassen. Natürlich gibt es biographische Eckdaten, werden einschneidende wie alltägliche Erlebnisse benannt, man erfährt einiges über Lynchs Unbehaustheit und Sehnsucht nach Ankerpunkten, die Art wie er Projekte, Kunstwerke plant, angeht und erschafft. Oder in der Warteschleife behält, wie sein Magnum Opus „Ronnie Rocket“, das auf so viele Arbeiten Einfluss hat, die unter anderen Titeln erscheinen.

Die ersten 50 Seiten von „Traumwelten“ erzählen von David Lynchs Kindheit und früher Jugend, von strengen aber liebevollen Eltern, einer Zeit, in der David sich bei den Pfadfindern wohlfühlt, seine kleinen Spleens, nicht nur was Kleidung angeht, entwickelt. Seine Pubertät geht einher mit eher stillem Rebellieren. Früh entdeckt er die Kunst als Möglichkeit seiner Imagination Ausdruck zu geben, und den Alltag damit zu er- und überleben. Die Begegnung mit dem Maler Bushnell Keeler, dem Vater seines Schulfreunds Toby, gibt den entscheidenden Impuls, selbst Künstler werden zu wollen. Ins erste High-School-Jahr fällt auch das Zusammentreffen mit Jack Fisk, der ihn beruflich und freundschaftlich sein Leben lang begleiten wird. Eine der dauerhaftesten Beziehungen in Lynchs Leben.

„Traumwelten“ lässt keinen Zweifel daran, wie sehr der Blick des bildenden Künstlers David Lynch für die Entstehung seiner Filme von Bedeutung ist. Gleichzeitig erschließt sich wie universell Lynch die Künste wahr- und für sich einnimmt. Er zeichnet, ist Regisseur und Autor, betätigt sich als Schauspieler, veröffentlicht Musik unter seinem Namen und arbeitet mit anderen Künstlern zusammen (Danger Mouse und Sparklehorse, Jocelyn Montgomery, Karen O, Lykke Li), beziehungsweise produziert ihre Albern sogar (Julee Cruise, Chrysta Bell – die beide im Twin Peaks Universum auftauchen werden, Bell sogar in einer Rolle, die mit ihrer Musik nichts zu schaffen hat) oder ist als Remixer für Duran Duran, John Foxx und weitere Musiker tätig.

Kein Zweifel, David Lynchs Leben wird von seiner Arbeit geprägt, doch wird er nicht zum besessenen Künstler stilisiert, sondern zum kreativen Geist aus Profession, der eine Menge Zeit und akribischen Aufwand in die Planung und Umsetzung seiner Filme steckt. Dabei immer wieder das Glück (oder Vermögen) besitzt, den richtigen Menschen zu begegnen, die ihm Rückhalt und finanzielle Unterstützung gewähren. Angefangen bei Mel Brooks, der David Lynch als Regisseur des „Elefantenmenschen“ durchsetzte. Zu einer Zeit als Lynch außer seinem vielbeachteten, aber kommerziell kaum relevanten Erstling „Eraserhead“ wenig vorzuweisen hatte, dass die Leitung einer großen Produktion nahegelegt hätte.

Dabei werden auch die Fehlschläge nicht ausgespart wie das „Dune“-Desaster, all die Projekte, die Lynch nicht umsetzen konnte oder die reservierte Aufnahme seines Herzenswerks „Twin Peaks – Fire Walk With Me“. Das erst im Laufe der Jahre, und vor allem mit der Ausstrahlung der Serie „Twin Peaks – The Return“, als Schlüsselfilm stärkere und positivere Beachtung findet. Wobei David Lynch selbst keinen Hehl daraus macht, dass er wohl nie zu den Top-Verdienern Hollywoods gehören wird. Dafür hätte er vermutlich das Angebot von George Lucas annehmen müssen, „Die Rückkehr der Jedi Ritter“ zu inszenieren.

Auch das findet sich natürlich den „Traumwelten“, die kleinen oft bereits bekannten Anekdoten am Wegesrand. Wie die Erstbegegnung mit Lynchs zeitweiliger Muse und Lebensgefährtin Isabella Rossellini, bei der Lynch unbedarft feststellt, dass Isabella glatt eine Tochter Ingrid Bergmans sein könnte.

Die Beziehung zu Isabella Rossellini ist intensiv, währt aber nur ein wenige Jahre. Am Ende ist Rossellini zutiefst erschüttert, während David Lynch weiterzieht. Eine der wenigen Stellen an der explizit benannt wird, dass Lynch verbrannte Erde hinterlassen hat. Ansonsten fällt auf, dass kaum jemand ein schlechtes Wort über ihn verliert, vielmehr seine Umgänglichkeit und die besondere Fähigkeit Nähe und Verständnis vermitteln zu können, betont werden. Selbst von Menschen, die im Streit oder zumindest uneins aus David Lynchs innerem Kreis ausgeschieden sind. Dreimal geschieden und ein viertes Mal verheiratet, finden in „Traumwelten“ keine Rosenkriege statt. Das mag geschönt sein, klingt dennoch glaubhaft. Auch die Beziehung zu seinen Kindern bekommt Lynch anscheinend gehändelt, besonders zu seiner ersten Tochter Jennifer, die ebenfalls als Autorin und Regisseurin reüssiert.

„Traumwelten“ erweist sich als facettenreich, wobei das Hauptaugenmerk auf den oft widrigen Arbeitsbedingungen liegt, die von der Idee bis zur Fertigstellung teilweise mehrere Jahre umfassen. Hier wird David Lynch als konsequenter Gestalter und Verwalter seines Werks gezeigt, das durchaus kontrovers aufgenommen wird. Kritische Stimmen werden nicht ausgespart, dienen aber eher dazu, Davis Lynchs Ruf als kompromissloser und eigenständiger Künstler zu festigen.

Einigen Raum nimmt auch die Bedeutung der Transzendentalen Meditation, das Meditieren überhaupt, ein. David Lynch wird nicht als missionarischer Eiferer gezeichnet, dass die Meditation ein wichtiger Bestandteil seines Lebens ist, wird aber klar herausgestellt. Ebenso, dass er im Gedenken an Mahareshi Yogi auf Vortragsreisen geht, eine Tätigkeit die er eigentlich verabscheut. Skepsis und Bedenken gegenüber der Transzendentalen Meditation werden ausgespart, das höchste an Kritik ist Isabella Rossellinis Verdacht, dass die Beziehung zu Davis Lynch unter anderem daran scheiterte, dass sie, aufgewachsen im erzkatholischen Italien, mit dem Meditieren nichts anfangen konnte.

Der Leser muss sich also selbst eine Meinung bilden, nicht nur über meditative Aspekte, sondern übers gesamte Schaffen und die biographische Relevanz der der Aufzeichnungen. Das ist auf sehr unterhaltsame Weise lesenswert, bietet dem Lynch-Fan einige – nicht allzu spektakuläre und zahlreiche bereits landläufig bekannte – Einblicke In David Lynchs Leben und Arbeitsweisen. Dem Buch gelingt das faszinierende Kunststück, vielfältig und bisweilen auch intensiv zu sein und doch an der Oberfläche zu bleiben. Sehr vieles bleibt offen oder wird (noch) nicht erzählt.

Wenn ich eine beliebige Seite dieses Buches aufschlage, denke ich: Mann, das ist ja nur die Spitze des Eisbergs, es gibt noch so viel mehr Geschichten zu erzählen. Man könnte ganze Bücher über einzelne Tage schreiben, und das wäre immer noch nicht genug.

Womit der Co-Autor und Inhalt seiner Autobiographie vollkommen recht hat. Er liefert Folien, die zwar eng beschrieben sind, doch zwischen den Zeilen ergibt sich der Blick auf weitere, unbeschriebene Folien. Die der Leser von Lynchs Buch selbst füllen muss. Insofern unterscheidet sich diese Mixtur aus Autobiographie und Außenbetrachtung gar nicht groß von David Lynchs fiktionalem Schaffen.

Und das Geheimnis, wie das Baby in „Eraserhead“ genau entbunden wurde, bleibt immer noch gehütet. Der Schöpfer schweigt. Explizit dort, wo es allzu intim oder schmerzhaft wird.

„We are like the dreamer who dreams and then lives inside the dream.“

Cover © Heyne Encore/Hardcore

  • Autoren: David Lynch und Kristine McKenna
  • Titel: Traumwelten
  • Originaltitel: Life And Work
  • Übersetzer: Robert Brack, Daniel Müller, Wulf Dorn, Stephan Glietsch
  • Verlag: Heyne Encore
  • Erschienen: 06/2018
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 762
  • ISBN: 978-3453270848
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 Eulen, die nicht sind, was sie scheinen


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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