MMA-Kämpfer mit Boxerdemenz

Xavier Wallace, kurz „Scarecrow“, sitzt eine einjährige Sperre als Kämpfer der MMA ab. Er ist bereits Ende dreißig, doch ein letzter Kampf in „The Show“ soll seine bis dahin eher durchwachsene Karriere zu einem krönenden Abschluss bringen. In Philadelphia trainiert er im Gym seines Cousins Shot, der selbst einst Box-Champion war. Doch sein größter Feind ist nicht der kommende Gegner, sondern er selbst, denn Xavier leidet unter einer chronisch-traumatischen Enzephalopathie (CTE), auch als Boxerdemenz bekannt. So passiert es, dass er seine Einkäufe im überhitzten Wagen vergisst, weil er vergessen hat, dass er eingekauft hat und diese am nächsten Morgen wegschmeißen muss.
„Als er den Hund hinter dem Beifahrersitz gesehen hatte, hatte er sich gefragt, was für ein Mensch das sein musste, der ein Tier in der Sommerhitze in seinem Auto leiden ließ. Der Geruch beantwortete die Frage, dafür musste er nicht erst auf die Adoptionspapiere des Tierschutzvereins schauen, die auf dem Beifahrersitz lagen und mit seiner Unterschrift versehen waren. Es war sein Hund.“
Während der große Kampf, den er aufgrund seiner Krankheit nie kämpfen dürfte, naht, gilt es sich einem noch größeren Fight zu stellen. Sein Vater Sam liegt mit Demenz im Seniorenheim und sein Zustand wird immer schlimmer. Er wird teils gewalttätig und beleidigt eine Schwester rassistisch. Doch wie kann das sein? Sam ist Weißer, das stimmt, aber seine Frau Evelyn und der gemeinsame Sohn Xavier sind Schwarze. Ein Missverständnis des Pflegepersonals? Keineswegs und so entdeckt Xavier nach Jahrzehnten den Grund, warum seine Mutter damals die Familie verließ.
Alltagsrassismus in der eigenen Familie
Nach seinem Debütroman „Wintersturm“ ist „Umnachtet“ der zweite im Polar Verlag erschienene Roman von John Vercher, der in Amerika für Aufsehen sorgte. Vercher selbst hat einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter, hat MMA trainiert und war als Physiotherapeut in der Krankenpflege tätig. Kurzum, Vercher weiß bestens wovon er spricht respektive worüber er schreibt. Ohne zu verurteilen, ist der Autor ganz eng am Protagonisten, dessen fortschreitende Demenz für die Leser körperlich spürbar wird. Man leidet mit ihm, denn wenngleich es gelegentliche Lichtblicke gibt, so wird klar, dass es kaum Erlösung für Xavier geben kann.
Neben dem Thema Demenz geht es zudem um eine besondere Form des Alltagsrassismus. Mit Hinweis auf die eigene Familie stellte sich Sam als „normaler“ Bürger dar, der ja unmöglich ein Rassist sein kann. So glaubte es zeitlebens auch Xavier bis ihm sein Vater im Seniorenheim nicht mehr wiedererkennt und ihn des Diebstahls bezichtigt, wobei er das N-Wort verwendet. Dieses kommt in mehreren Varianten recht oft vor, so beim täglichen Training von Xavier mit dessen Cousin Shot, der den „Nigga“ auf seine Art anfeuern will.
„Okay, weil hier ja offenbar niemand Tacheles reden will, spreche ich es mal aus: Sie wollen mir sagen, dass ich mich damit abfinden soll, dass mein Vater, der mit einer Schwarzen verheiratet war und seinen schwarzen Sohn liebt, eigentlich ein Rassist ist, und dass sein wahres Ich durch den Alzheimer endlich zum Vorschein kommt? Habe ich das richtig verstanden? Merken Sie nicht selbst, wie lächerlich das klingt?“
Aller interessanten Themen sind Drei: Demenz, Rassismus und MMA. Mixed Martial Arts, auch als Käfigkampf bekannt, vereint mehrere Kampfstile. Der wesentliche Unterschied zum klassischen Boxen besteht vor allem darin, dass der am Boden liegende Kämpfer nicht angezählt wird, sondern der Kampf weitergeht. Die Brutalität des Kampfes, das knallharte Training sowie die strengen Regeln zur Gewichthaltung, werden in einer selten erlebten Eindringlichkeit vorgeführt. Wer sich vor allem für Kampfsport oder das Thema Demenz interessiert, sollte diesen Roman lesen. Auf eigene Gefahr, versteht sich.
Autor: John Vercher
Titel: Umnachtet
Originaltitel: After The Lights Go Out. Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke. Mit einem Nachwort von Lore Kleinert.
Verlag: Polar
Umfang: 312 Seiten
Einband: Hardcover
Erschienen: September 2025
ISBN: 978-3-910918-30-6

Wertung: 12/15 dpt







