Der ideale Buchkäufer (Kolumne)

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Weiter geht es mit den offenbar ermüdenden Debatten. Vor wenigen Wochen war es einmal mehr die Diskussion „Feuilleton vs. Blogger“, und seit etwa einer Woche befinden sich wieder einmal die Verfechter des stationären Buchhandels und die Befürworter des Onlinehandels, allen voran amazon, im verbalen Clinch (Links dazu hier [Tobias von Lesestunden erhitzt die Gemüter], hier [Sophie Weigand von Literaturen hält mit Leidenschaft dagegen], hier [Buchhändlerin Maria-Christina Piwowarski vom Berliner Buchhändler „ocelot,“ haut auf den Tisch] und an zahlreichen anderen virtuellen literaturaffinen Ecken). Und dann kommt natürlich Tage später der Typ von den booknerds angewackelt und hat auch etwas zu sagen.

Der ideale Buchkäufer (Foto © privat)

Auch wenn aus überwiegend zeitlichen Gründen leider nicht mehr viel bei der hiesigen amazon-Alternativsuche passiert ist und sich unsere Liste in einem bedenklich veralteten Zustand befindet, so bin ich selbst nach wie vor ein Gegner des Unternehmens, wenngleich ich reumütig zugeben muss, dass ich den Amazon Prime-Account meiner Frau mitbenutze, indem wir gemeinsam Serien bei Instant Videos süchteln – Netflix allein reicht da einfach nicht für eine ausreichende Dosis; ich selbst bestelle dort nach wie vor nichts.

Aber?

Aber inwiefern bin ich ein „besserer“ Buchkäufer, wenn ich mich regelmäßig in den Buchhandlungen umsehe oder meine Wunschbücher dort bestelle? Denn für mich ist das Thema letztendlich äußerst komplex, und ich bin mir dementsprechend unsicher, was nun „richtiger“ ist. Denn ob ich gern bei einem bestimmten Händler einkaufen gehe, hängt von vielen Faktoren ab: von der Qualität der Beratung, vom Sortiment, von der Haltung – und in vielerlei Hinsicht auch von der Ethik und den Gegebenheiten des Händlers. Ich reagiere bei der Schließung von  Händlern meist auf zwei verschiedene Arten. Entweder bin ich traurig, weil der Händler großartig war und ich mich als Kunde stets wohlfühlte – oder ich heule dem Händler keine Träne nach, weil er unfreundlich/arrogant/snobby/inkompetent/schlecht sortiert war oder sonstwie einen negativen Stand bei mir hatte.

Ich rede selbstverständlich explizit von meiner persönlichen Situation und kann Tobias Zeisings Haltung in vielen Punkten nachvollziehen. Mein Wohnort liegt ländlich, etwa 25 km von der nächstgrößeren Stadt entfernt und besitze weder Auto noch Führerschein. Die Busverbindungen sind eher suboptimal, und da ich vor Ort arbeite, benötige ich auch keine Monatskarte. Würde ich also gezielt einen Buchhändler aufsuchen, müsste ich mich per Bus in Richtung eines einige Kilometer entfernten Nachbarorts (Fahrtkosten: über 4€ pro Strecke) begeben. Dort finde ich zwar zwei Buchhandlungen vor, doch die eine davon, welche sehr begrenzte Öffnungszeiten hat, hat ihr Sortiment seit Jahren verkleinert und verkauft lieber noch Produkte aus der Region. Bei Empfehlungen spult die Händlerin stets dieselben Autoren herunter und macht stets ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Jammert bei Kunden und Vertretern über die schlechte Situation. Ich müsste also anrufen, um Bücher zu bestellen, um sie dann plus Busfahrt im Laden zu kaufen. Die andere Buchhandlung ist noch kleiner, aber die Händlerin dort ist um einiges freundlicher und kompetenter. Doch da ihre Öffnungszeiten ebenfalls sehr begrenzt sind und die überteuerten Busverbindungen dorthin ohnehin suboptimal sind, kann ich mir das letztendlich auch sparen – denn für eine Stunde Bücherlädchen wäre ich letztendlich mit Buswartezeiten fast fünf Stunden unterwegs in einem Ort, in dem sonst nichts los ist.

In einem anderen, etwas entfernteren Nachbarort (Einzelstrecke mit Bus: über 5€) befinden sich ebenfalls zwei Buchhandlungen. Die eine davon ähnelt der erstgenannten hinsichtlich Klima, das Sortiment ist noch mainstreamiger als bei sonstigen mainstreamigen Buchhandlungen, und wenn man nach etwas Speziellem fragt, wird man angeschaut wie ein Außerirdischer. Sucht man nach Buchtipps, schlägt sie ebenfalls stets dieselben Titel von denselben Autoren vor, darunter ein höchst durchschnittlicher (Subjektivität for the win…) Autor aus der Region, der seit Jahren regelmäßig einen großzügigen Aufbau im Laden hat. Die andere Buchhandlung ist zwar besser sortiert, das Personal ist kompetenter, doch letztendlich gehe ich dort auch immer weniger gern hin, weil dort – bis auf einen Verkäufer – zunehmend ein hoher Snobfaktor herrscht. Bestellen möchte ich demnach bei beiden nicht, weil ich mich von Mal zu Mal unwohler fühle.

Und dann gibt es die zugegebenermaßen ganz passabel sortierte Buchhandlung in die entgegengesetzte Richtung, bei der ich mich ebenfalls unangenehm beobachtet fühle, in der auch eine oftmals miesepetrige Stimmung herrscht und die in ihrem Außenverkauf Lese-/Rezensionsexemplare für oftmals nicht wenig Geld anbietet (und dann eben die Markierungen unkenntlich macht/wegschneidet/herausreißt).

Also bleibt mir letztendlich nur der gelegentliche Weg in die 25 km entfernte „richtige“ Stadt, die allerdings auch immer weniger Buchhandlungen vorweist, weil das Klima dort auch immer schlechter wird und man als potenzieller „Showrooming“-Nutzer angesehen wird, wenn man die Regale entlang geht. Möglicherweise kenne ich nicht die Geheimtipps hinsichtlich Buchhandlungen in dieser Stadt, doch da ich dort nur alle vier bis sechs Wochen bin und nicht mal eben durch die Straßen flanieren kann, bleibt es meistens bei den Standardgeschäften, denn meist wird der Gang in die Stadt dann aus wirtschaftlichen Gründen mit einer Handvoll anderer Erledigungen zusammengefasst.

Sehr erfreut war ich, als ich vor etwas mehr als zwei Jahren bei meiner Jobsuche in ebenjener Stadt ein Vorstellungsgespräch bei einer der etablierten unabhängigen Buchhandlungen hatte und auch einen Tag dort zur Probe arbeiten durfte. In diesen wenigen Stunden habe ich in dem sehr gut frequentierten Laden Bücher in beachtlichem vierstelligem Wert verkauft – man attestierte mir, dass dieser Tag, an dem ich da war, noch ein eher schwacher Tag gewesen sei und dass es »hier sonst richtig brummt«. Es gefiel mir. Das merkte ich auch beim das Personal einstellenden Inhaber an, nachdem ich meinen Probetag beendet habe.

Sicher, ich bin „nur“ Einzelhandelskaufmann und nicht explizit Buchhändler. Allerdings wollte man mir lediglich einen Minijob auf 400€-Basis anbieten, bei einem Einstiegslohn von 8 € – und wenn es gut liefe, 8,50€. Flexibel natürlich. Das heißt, ich müsste letztendlich über 100€ für eine Monatskarte berappen, weil es sich im ungünstigsten Fall mit Einzelfahrkarten nicht rechnen würde. Es lag auf der Hand, dass ich das abgelehnt habe. Seitdem ist diese Buchhandlung auch als Kunde kein Thema mehr für mich. Eine Buchhandlung, die derartige Umsätze erzielt, sollte seine Mitarbeiter doch adäquat entlohnen können, oder irre ich mich da?

Ich habe gerade letzte Woche wieder eine Suchanzeige von amazon gesehen, die für das Logistikzentrum in meiner (nicht ganz unmittelbaren) Nähe Mitarbeiter sucht. Stundenlohn mindestens 10,49€, bei Nachtschichten und Sonntagsarbeit gibt es entsprechende Zuschläge. Da frage ich mich nun: Ist es ethisch vertretbarer, einen Buchhändler zu unterstützen, der die Stundenlöhne seiner Mitarbeiter an der Untergrenze ansetzt und seinen Mitarbeiter nach acht Arbeitsstunden mit 68 Euro brutto nach Hause schickt? Oder freue ich mich dann eher für den unter extremem Druck arbeitenden Amazon-Mitarbeiter, dass der immerhin durch acht Arbeitsstunden mindestens 83,84 Euro brutto verdient hat und für den sich Sonntagsarbeit richtig lohnt? Und freue ich mich darüber, dass jemand aus dem Einzugsgebiet einen Job hat und dadurch mehr Geld in den regionalen Topf werfen kann?

Weiß ich, ob die Mitarbeiter bei den deutschen als Familienunternehmen etablierten Buchhandelsketten gut entlohnt werden oder ob da nicht auch eine strenge Sparpolitik herrscht und die dortigen Angestellten kaum mehr als einen Teilzeitjob bei Mindestlohn bekommen? Weiß ich, ob der Buchhändler um die Ecke seine Mitarbeiter auch nicht nur lediglich für einen Mindestlohn auf 400-Euro- oder 450-Euro-Basis arbeiten lässt? Weiß ich, ob die Praktiken bei bestimmten Buchhandlungen und (kleineren) Buchhandelsketten nicht auch fragwürdig sind? Weiß ich, ob bei all der Konzentration auf amazon nicht auch zahlreiche andere „online-only“-Buchhändler letztendlich gnadenlos gewinnorientiert sind, ohne Rücksicht auf das Wohl ihrer Mitarbeiter?

Weiß ich, ob die von mir gewählte Alternative auch wirklich gut gewählt ist?

Warum sind die wirklich tollen Buchhandlungen, von denen ich immer höre und lese, hunderte von Kilometern entfernt? Und weiß ich letztendlich, ob dort auch alles wirklich so wunderbar ist und alle glücklich sind?

Inwiefern kann ich also ein möglichst „guter“ Käufer sein? Oder zumindest einen guten Mittelweg zwischen Egoismus, Altruismus und Idealismus finden?

Fragen.

Viele Fragen.

Und keine wirklich richtige Antwort darauf?

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Der ideale Buchkäufer (Kolumne)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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