Der Untergang von Cöln ist noch nicht zu Ende

Die Eisflut, die vom 27. bis 28. Hornung (Februar) 1784 tobte, forderte allein in Mülheim fünfunddreißig Tote. Andere verloren ihr gesamtes Hab und Gut wie etwa die Apothekerwitwe Anna-Maria Scheidt, die sich mit dem neunjährigen Waisenjungen Niklas an der Seite von Freiherr Henrik van Venray in dessen Amtssitz nach Düsseldorf begibt. In der Hauptstadt des Bergischen Landes im Herzogtum Jülich arbeitet Henrik als Amtmann für policeyliche Wohlfahrterei unter dem Reichsgraf Melchior von Gollstein, in dessen kurfürstliche Kornkammer soeben eingebrochen wurde.
„Etwas aus der kurfürstlichen Kornkammer zu entwenden, war Hofverrat und konnte mit dem Galgen bestraft werden. Wer riskierte die Todesstrafe für fünfzehn Säcke?“
Die mittellose Anna-Maria will in Düsseldorf als Apothekerin arbeiten und deshalb ihr Grundstück in Mülheim trotz des völlig zerstörten Hauses verkaufen. Henrik rät ihr ab, so dass sich Anna-Maria allein mit dem Landreiter Franz auf den Weg macht. An ihrem alten Grundstück angekommen, eröffnet ihr ein fremder Mann, dass dieses ihm gehöre und zeigt eine Urkunde vor. Anna-Maria muss nach Cöln, wo der Advocat Bellforst die Eigentumsurkunde ihres verstorbenen Mannes aufbewahrt. Doch Anna-Maria und Franz finden nur die grausam entstellte Leiche Bellforts vor und werden beim Verlassen von dessen Haus festgenommen. Der ehrgeizige Gewaltrichter Gerold von Broeker braucht einen schnellen Erfolg und beschuldigt Anna-Maria sogar eine Hexe zu sein. Ein Hexenverfahren hat es in Cöln schon ewig nicht mehr gegeben, vor über hundert Jahren wurde die letzte Hexe verbrannt, doch das Verfahren an sich ist noch nicht abgeschafft.
Während der von Armut geprägte Pöbel dem Ereignis entgegenfiebert, denn irgendwer muss ja für die verheerende Flut verantwortlich sein und eine Hexe bietet sich da förmlich an, wird für Henrik die Zeit knapp, um Anna-Maria zu retten. Nicht zuletzt, weil es in Cöln noch nie in einem solchen Verfahren einen Freispruch gab. Hilfe erhält Henrik von gänzlich unerwarteter Seite und entdeckt im letzten Moment ein selbst für Cölner Verhältnisse gespenstisches Komplott.
Nach der Eisflut kommt die Sündflut

„Sündflut 1784“ beginnt am 5. März 1784 und grenzt unmittelbar an den ersten Teil „Eisflut 1784“ an, der vor dem realen Hintergrund der Jahrhunderteisflut im Februar 1784 spielt. Es war eine der größten Katastrophen der frühen Neuzeit. Beide Romane geben einen packenden Einblick in das damalige Geschehen, wobei es dem Autor gut gelingt, das Geschehen „fühlbar“ zu machen. Allein deswegen lohnt es sich, beide Romane und selbstredend in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Es ist ein Erlebnis für Fans historischer (Kriminal-)Romane und – ja, klar – versteht man die Hintergründe des aktuellen Geschehens etwas besser, zumal einem viele Figuren erneut begegnen.
Cöln ist im ausgehenden 18. Jahrhundert eine Reichsstadt mit rund vierzigtausend Einwohnern, die durch die Flutkatastrophe ebenso wie das benachbarte Mülheim verheerend getroffen wird. Große Eisschollen haben sich in Häuser geschoben, die jederzeit einzustürzen drohen. Es herrscht bittere Armut, es fehlt an allem, da kommt eine Ablenkung wie ein Hexenprozess gerade recht. Man möchte (Stichwort Ablenkung) anmerken, dass der Karneval erst später erfunden wurde. 1823, um genau zu sein. Auf den diesbezüglich lesenswerten Krimi „Rosenmontag“ von Lorenz Stassen sei an dieser Stelle verwiesen.
„Der Rat mit seinen sechs Bürgermeistern steht massiv unter Druck. Erst der Winter mit schwersten Rückschlägen, dann die Flut. Sie wollen Hilfsmittel, also einen Kredit aufnehmen, um die Flutschäden geschwind zu beseitigen. Wer ihnen das Geld geben soll, weiß natürlich keiner.
Mit anderen Worten, der Rat ist vollkommen überfordert mit der gegenwärtigen Situation.“
Natürlich ging es nach der Flut nicht allen schlecht, wie ein Gelage bei Reichsgraf Gollstein in Düsseldorf zu Beginn des Romans zeigt. Der Großteil der Handlung spielt aber in Cöln, jener Stadt, in die Henrik nach den Geschehnissen der „Eisflut“ nie wieder hinwollte. Üble Intrigen und Seilschaften unter den Honoratioren der Stadt, Geistliche wie Kaufleute, beherrschen das Geschacher im Hintergrund. Denn so verheerend die Flutkatastrophe auch sein mag, ein gutes Geschäft muss doch wohl möglich sein. Profit vor Anstand, damals wie heute und so darf in dem Roman das Wort „Klüngel“ nicht fehlen. Überhaupt sind die Parallelen zur Gegenwart unübersehbar. Großer Reichtum und ebensolche Armut tragen zur Spaltung der Gesellschaft bei. Zudem gibt es Entwicklungen, die nicht alle begrüßen, aber die Zeiten ändert sich nun mal und schreiten unaufhaltsam voran. Trotz allem begeht der Autor nicht den „Fehler“, die heutige Zeit in die damalige zu spiegeln, sondern bleibt dem Genre in traditioneller Erzählweise treu wie schon am Namen „Cöln“ ersichtlich wird.
Historische Romane, welche in Cöln respektive Köln spielen, gibt es zahlreich und nicht wenige davon sind eine Empfehlung. „Das Blutgericht von Köln“ von Ingo Gach (erschienen 1923) sei in diesem Zusammenhang empfohlen. „Eisflut 1784“ und „Sündflut 1784“ von Marco Hasenkopf bilden hier ebenfalls keine Ausnahmen. Ein klarer Lesetipp, nicht nur für Köln-Fans!
- Autor: Marco Hasenkopf
- Titel: Sündflut 1784
- Verlag: emons:
- Umfang: 288 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Oktober 2025
- ISBN: 978-3-7408-2434-1
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Wertung: 12/15 dpt







