Pete Dexter – Unter Brüdern (Buch)

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Pete Dexter-Unter-Bruedern-liebeskind„Brotherly Love“ erschien im Original 1991, wurde von C.Bertelsmann 1995 unter dem Titel „Bruderliebe“ hierzulande veröffentlicht und jetzt von Liebeskind als „Unter Brüdern“ quasi wiedererweckt. Zwar nicht von den geschätzten Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt übersetzt, sondern in einer durchgesehenen und korrigierten Neuausgabe der soliden Götz Pommer-Übersetzung aus den Neunzigern.

Pete Dexter traut sich was: Beginnt sein Roman doch mit dem Tod der beiden Protagonisten Peter und Michael Flood sowie eines Handlangers. Eine Zeitungsmeldung aus dem Jahr 1986 berichtet vom gewaltsamen Tod der Gewerkschaftsfunktionäre. Und verweist gleich so unspektakulär wie deutlich auf die Hauptthemen des Buches: Stoizismus und Fatalismus, die explizit der Hauptfigur Peter Flood zum Verhängnis werden. Wobei es nicht um unausweichliche Schicksals-Determination geht, sondern um jene Mischung aus Nachdenklichkeit, Verträumtheit und einer unbestimmten Angst, die zu Zögern oder im schlimmsten Fall zu ohnmächtigem Nichtstun führt.

Wie an jenem Tag im Jahr 1961, als der achtjährige Peter Flood panisch vor einem Nachbarshund erstarrt und deshalb seine kleine Schwester nicht vor dem Unfalltod bewahren kann. Wobei Pete Dexter ein viel zu kluger Autor ist, um Peter eine klare Schuldzuweisung zu geben. Sein Verhalten ist das eines Kindes, nachvollziehbar und verständlich, es bleibt offen, ob er ohne die Anwesenheit des Hundes helfend hätte eingreifen können. Was für Peter selbst keinen Unterschied ausmacht; er wird zeitlebens geplagt von jenem Moment der Unfähigkeit und den Ereignissen, die damit ihren Anfang nehmen.

Denn Peters Mutter verschwindet aus seinem Leben und sein Vater rächt sich an dem Unfallfahrer, einem Nachbarn und Polizisten. Was seinem Todesurteil gleichkommt, da der korrupte Viktor Kopec für den Boss des Gewerkschaftlers Charley Flood  von Nutzen ist und eine Vergeltungsaktion untersagt wurde.  
Peter wächst bei seinem Onkel Phil, ebenfalls Gewerkschaftsführer, an der Seite seines Cousins Michael auf. „Unter Brüdern“ folgt den beiden 1961 beginnend, wirft Schlaglichter auf 1966, ‘72 und ’74, um mit dem fünften Teil 1986 zu enden.

Michael macht Karriere in der Dachdecker-Gewerkschaft, sein Vater und damit Peters Onkel wird von der italienischen Konkurrenz hingerichtet, ein weiteres Teilchen einer langjährigen Chronologie der Gewalt.
Peter steht zu seinem Cousin, dessen soziopathische Züge immer mehr hervortreten; er ist Erdung, Babysitter und Neidobjekt, sucht sich seinen Fluchtpunkt in Nick DiMaggios Boxhalle, ohne je ernsthaft seinem brüderlichen Cousin Paroli zu bieten oder ihn gar zu verlassen, obwohl er das Leben an Michaels Seite, umgeben von tumben Handlangern und der abgehalfterten Showgröße Jimmy Measles, zutiefst verabscheut.

Diese Ambivalenz wird verstärkt durch die unerquickliche und leidenschaftliche Beziehung zu Grace, Jimmys Frau und Michaels zeitweiliger Geliebter. Peter lebt gemäß des Songs „Nowhere to run to, nowhere to hide“.

Obwohl es in Nick DiMaggio und seinem Sohn Harry einen positiven Gegenpol zur verkorksten Familienaufstellung der Floods gibt. Michael wendet sich früh ab und wird sich später in kindlich-bösartigen Provokationen  ergehen, die zwangsläufig zu seinem Untergang beitragen werden. Der zaudernde Peter bleibt in einer Sehnsucht gefangen, den entscheidenden Schritt wird er erst gehen als es bereits zu spät ist.
Obwohl die Zukunft von Beginn an sichtbar und das Ende so klar wie nah ist, ist „Unter Brüdern“ ein enorm spannender Roman. Nicht diese krawallige „Wer ist der Nächste?“-Art mit viel Blut und Gedärm, sondern jene, die aus sorgfältig austarierten Beziehungsgeflechten entsteht, durchaus solchen, die mit Gewalt und Tod einhergehen. 

Pete Dexter ist wieder einmal ein Meister in der Kunst der Auslassung, ihm gelingt es mit seiner klaren, andeutungsreichen Sprache – im Präsens – eine Düsternis und Ahnung von menschlicher Zerstörungskraft  heraufzubeschwören, die tiefer geht als es die expliziten graphischen Darstellungen unbegabterer Autoren vermögen. Bereits der Anfang gibt den Tenor vor; es ist relativ früh klar, das Peters Schwester etwas zustoßen wird, doch Dexters Übernahme des kindlichen Blicks, zwischen banger Hoffnung und der Erkenntnis, unfähig zu sein, das kommende Unglück aufhalten zu können, erzeugt einen Sog, der mit einem Credo des Romans passgenau abschließt: „Verloren in der Verwunderung darüber, wer er ist.“  

Darum geht es, die existenziellen Fragen, wer wir sind und wie wir unsere eigene Geschichte, wenn schon nicht schreiben, so doch beeinflussen können. Exemplarisch an so unterschiedlichen Charakteren wie Peter und Michael Flood, Nick DiMaggio und Jimmy Measles ausgeführt. Wobei Dexter selbst den oft vernachlässigten Gorillas aus der zweiten Reihe ein Gesicht und die Andeutung einer Biographie gibt. Der Autor verliert niemand, selbst die nicht, die verloren scheinen.

„Unter Brüdern“ ist vordergründig  kein Roman über mafiöse Verstrickungen, über die Tarnung krimineller Machenschaften hinter dem Signet aufopferungsvoller Gewerkschaftsarbeit. Es spielt mit hinein, weil es zu dem gesellschaftlichen Beziehungsgeflecht gehört, in dem alle Figuren verstrickt sind. Dessen Zwangsläufigkeit, wie treffsicher gezeigt wird, nur eine Behauptete ist, oder eine, die von der eigenen psychischen Disposition erzeugt wird.  

Ambivalenz überall, am deutlichsten bei Peter, der ohne zu zögern sein Leben aufs Spiel setzt, indem er furchtlos in Abgründe springt, aber nicht in der Lage ist, konsequent den eigentlichen Absprung zu schaffen: Weg von seiner Nemesis Michael.  Es braucht einen anderen, mutigeren, der Konsequenzen zieht, bis Peter endlich agiert. Hölle, das sind nicht die anderen, so schlimm sie auch sein mögen, Hölle ist, genau zu wissen man tun sollte, aber nicht in der Lage zu sein, dies umzusetzen. Ewiger Beobachter des eigenen Lebens und das der anderen zu sein, sich verloren zu geben, bis man tatsächlich verloren ist. Und das als Erlösung ansieht.

Pete Dexter gehört zu den Autoren, denen es gelingt, einen finsteren Roman  mit Licht zu durchfluten. Seien es kleine, oft versteckte komische Spitzen, der Glaube an Möglichkeiten oder aber die schlichte Präsenz solcher kraftvoller Instanzen wie Nick DiMaggio, die ihr Leben wählen im vollen Bewusstsein der möglichen negativen Konsequenzen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass man in seinem Schicksal gefangen sein kann, aber nicht, weil es eine irgendwie geartete Vorbestimmung ist, sondern die Folge dessen, was man selbst wählt.  

Unplakativ erschafft Pete Dexter mit „Unter Brüdern“ wieder ein vielschichtiges, beziehungsreiches und spannendes Buch, einen Coming-Of-Age-Roman, der Menschen skizziert, die von einem gewalthaltigen Leben geprägt sind. Eine Geschichte, die mit einem Verlust beginnt und in vollkommener Klarheit endet. Erzählt von einem großartigen Autoren.

Cover © Liebeskind Verlag

  • Autor: Pete Dexter
  • Titel: Unter Brüdern
  • Originaltitel: Brotherly Love
  • Übersetzer: Götz Pommer
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 16.02.2015
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 303
  • ISBN: 978-3-95438-042-8
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag
    Leseprobe

Wertung: 12/15 dpt

 


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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