Susanne Staun – Blutfrost (Buch)

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Das Verhältnis zu ihrer guten Freundin Nkem hat seit den heftigen Geschehnissen in FreiburgSusanne Staun - Blutfrost (Buch) Cover © Tropen/Klett-Cotta deutlich gelitten, doch hinsichtlich ihres Jobs im dänischen Odense ist bei der eigenwilligen und reichlich kaputten Rechtsmedizinerin Maria Krause wieder halbwegs Ruhe eingekehrt. Bis eines Tages der Fall eines toten Babys mit heftigsten Verätzungen am ganzen Körper auf dem Tapet landet. Das Erschütternde ist nicht nur, dass ein Mensch seinem Kind so etwas anzutun in der Lage sein kann, sondern auch, dass ihr Zwillingsbruder Daniel der Vater der kleinen Josefine ist.

Daniel, heute Arzt, hat mit seiner Frau Eva sehr lange in den USA gelebt und ist zu Maria Krauses böser Überraschung nun wieder nach Dänemark zurückgekehrt – dass ihr dies engtgangen war, lag vor allem daran, dass er den Nachnamen Eva Sommers angenommen hat. Krause hat ihren Bruder seinerzeit gehasst und verachtet, zumal er ein sadistisches Ekelpaket ihr gegenüber war. Für ihre gemeinsame Mutter war er stets der Kronprinz, der arme, schmächtige, kleine, hilflose Daniel, der gute Junge, der niemandem etwas zuleide tun könnte. Von wegen. Für die Rechtsmedizinerin ist daher klar, dass er hinter dem Tod Josefines stecken muss, möglicherweise gemeinsam mit Eva.

Die Vergangenheit holt Maria Krause wieder mit riesigen Schritten ein, zumal sie erfährt, dass Daniel und Eva Sommer bereits eine gemeinsame, erwachsene Tochter namens Emily haben – ein Name fast wie der ihrer eigenen „Tochter“ Emilie, die in Krauses Kopf nach deren Abtreibung immer weiter lebte und die sie in ihrem in „Totenzimmer“ behandelten Fall (in welchem die Leiche einer jungen Frau, die ebenso alt war wie Emilie es gewesen wäre, gefunden wurde) zu erkennen meinte. Die Tatsache, dass diese Emily in etwa genau so alt ist wie Emilie es nun wäre, treibt Krause beinahe in den Wahnsinn.

Zur gleichen Zeit erhält die Rechtsmedizinerin von einer mysteriösen, anonymen „E“ aus Rexville  in aller Regelmäßigkeit E-Mails, in denen „E“ einer Person, welche Krause angeblich nahestünde, unterstellt, deren eigene Kinder zu verletzen, um selbst Aufmerksamkeit zu erhalten (auch bekannt als Münchhausen-by-Proxy-Syndrom). Aufgewühlt versucht Krause zum einen alles, um den Tod Josefines aufzuklären und Daniel hinter schwedische Gardinen zu bringen – gern auch mit Selbstversuchen inklusive Rohrreiniger! -, zum anderen die Identität der E-Mail-Verfasserin herauszufinden – denn die Mails von „E“ werden von Mal zu Mal persönlicher, gleichen immer mehr einer Niederschrift der Kindheit und Lebensgeschichte.  Wenn sie nun eins und eins zusammenzählt, dann… oder spinnt sie sich das alles nur zusammen? Ist Emily… sind Daniel und Eva… ist… sind…?

Nein.

Doch?

Maria gerät einmal mehr an ihre eigenen Grenzen, muss sie gar überschreiten und überschreitet hierbei auch andere, beispielsweise rechtliche,  und muss bei all ihren Recherchen und Ermittlungen vorsichtig und bedacht sein, einen kühlen Kopf bewahren. Denn im Grunde ist alles, was sie will, Gewissheit im Fall und Klarheit im Privaten. Und hinter ihre Vergangenheit möchte sie einen Haken setzen. Da ihre Psyche und ihr komplettes Leben allerdings eine Art Jahrhundertbeben erfahren, wird es alles andere als einfach, nicht das Falsche zu tun und sich nicht in etwas zu verrennen, was fatale Folgen oder Enttäuschungen nach sich ziehen könnte. Nicht einfach, wenn sich Privates mit dem Beruflichen vermischt. Ebenfalls nicht einfach, wenn sich zwischen ihr und Nkem, ihrer einzigen guten Freundin, eine Mauer aufgebaut hat, die noch unüberwindbarer scheint, seit Nkem nach langer Zeit mal wieder einen Mann kennengelernt hat, mit dem sie mehr Zeit verbringt als es Maria lieb ist.

Ähnlich wie bereits beim eröffnenden Teil der Maria-Krause-Trilogie, „Totenzimmer“, saugen einen die Atmosphäre und der spezielle Ereignisreichtum im Nu zwischen die Buchdeckel, sodass auch „Blutfrost“ wieder zu einem Buch wird, das man ungern beiseite legen möchte, weil man stets „erfahren will“. Das knackig-kurze Werk birgt einmal mehr einen sehr simplen, rohen Schreibstil in sich, der hervorragend zur unkonventionellen Protagonistin passt. Auch ist alles – nicht zuletzt durch die Erzählung in der ersten Person – sehr nah an jener Hauptfigur geschrieben, soll heißen, die Gedankengänge sind präzise, die Gefühlsregungen sehr direkt geschildert, sodass alles sehr intensiv auf den Leser wirkt und dieser sehr schnell in den Menschen Maria Krause hineinfindet.

Auch ist es nicht zu verleugnen, dass der Leser, trotz des Gewahrseins, dass es sich bei dieser Figur um eine doch sehr „fertige“ Person handelt, eine ganz eigenartige Faszination und Sympathie zu ihr entwickelt. Das mag einerseits an ebenjenen klaren Schilderungen liegen, andererseits an der Ehrlichkeit, die Susanne Staun ihrer fiktiven Rechtsmedizinerin auf den Leib geschrieben hat. All die Marotten, die Gewaltphantasien, die umweglosen Formulierungen ihrer körperlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte, ihr Hass und letztendlich ihre Unperfektheit, lassen Maria Krause als ein Individuum mit starkem persönlichem Profil dastehen – man hat sie beinahe plastisch vor Augen.

Doch Staun heroisiert ihre „Heldin“ hierbei keinesfalls, sie macht aus ihr keine „coole“ Figur, ebenso keine Antiheldin, es wird keinerlei literarischer Personenkult betrieben, und das ist eine Fähigkeit, die nur wenige Autoren in dieser Ausgewogenheit beherrschen, zumal es der dänischen Schriftstellerin hierbei gelingt, auch die Nebenfiguren und Coprotagonisten zu keiner Zeit blass aussehen zu lassen.

„Blutfrost“ könnte als Synonym für das Gefrieren des Blutes in den Adern des Lesers gelten, denn genau jenes Gefühl machte sich beim rezensierenden Rezipienten während der Lektüre mehr als nur einmal breit – hinzu gesellen sich unbehagliches Gefühle, das zermürbende Zappeln in Ungewissheit, die Erschütterung anhand der Dinge, die manche Menschen anderen Menschen antun, und andererseits finden sich neben den heftigen Passagen, die Krause durchlebt, immer wieder morbide-sarkastische und aufs Heftigste zynische Bemerkungen, die für eine Reaktion zwischen Schockiertsein und Grinsen sorgen – die Mundwinkel bewegen sich auf- und ohrenwärts, während die Augen noch vor Entsetzen geweitet sind.

Dieser trilogische Mittelteil macht beachtlichen Hunger auf den weiteren Verlauf des krauseschen Lebens, weil er mit einem hundsgemeinen Cliffhanger endet. Allzu lang wird man jedoch wohl nicht mehr warten müssen, denn in Dänemark ist der mit „Helt til grænsen“ betitelte abschließende dritte Band bereits 2013 erschienen. Bis dahin darf man an „Blutfrost“ zehren, und der schmilzt so bald nicht…

Cover © Tropen/Klett-Cotta Verlag

  • Autor: Susanne Staun
  • Titel: Blutfrost
  • Band/Teil der Reihe:
    Teil zwei der Trilogie um die
    Rechtsmedizinerin Maria Krause
  • Originaltitel: Hilsen Fra Rexville (dänisch)
  • Übersetzer: Günther Frauenlob
  • Verlag: Tropen/Klett-Cotta
  • Erschienen: 12/2013
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 291
  • ISBN: 978-3-608-50214-5
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Susanne Staun – Blutfrost (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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