James Tiptree Jr. – Doktor Ain. Sämtliche Erzählungen, Band 1. (Buch)

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James Tiptree Jr. - Doktor Ain. Sämtliche Erzählungen, Band 1.Mit einem tanzenden Stern Kontingenz gebären

Eine Rezension ist auch nur ein Versuch, in der Vielfalt von Geschichten Ordnung zu schaffen. Wer ist der Autor? Wann gelebt? Wie geschrieben? Was denn? Literatur? Horror? Science-Fiction? Dann sind es die Geschichten selbst, die die Welt ordnen. Der Mörder trennt sich scharf vom Rächer, der Detektiv puzzelt sich durch Indizien und Milieus, der Böse hat die falsche Religion und ein fieses Gesicht, der Kleine, Schwache, Verlachte wird in jedem Fall der Held und der Gute rettet die Schöne. Diese vertrauten Bilder nehmen uns an die Hand. Sie reden beruhigend auf uns ein und wir glauben ihnen, weil wir Vereinfachung und Orientierung brauchen. Experimentelle Literaten und Kulturwissenschaftler werden nicht müde, auf diese Verkehrsschilder-gewordenen Klischees zu zeigen, die nicht selten fatale Folgen haben.

Es gibt viele Autoren, die sich kritisch mit Klischees auseinandersetzen. Aber nur wenige schaffen es, Geschichten zu schreiben, die mit einer Art Navigationsverteidigung ausgestattet sind. Sie durchpflügen die getrampelten Landkarten der Weltorientierung. Mit einer einzigartigen Sprache, meistens mit Humor und der genialen Zweckentfremdung vorhandener Weltanschauungen: James Tiptree Jr. ist so ein Autor. James Tiptree Jr. ist das Pseudonym der amerikanischen Psychologin Alice B. Sheldon, die unter dieser männlichen Maske Ende der Sechziger Jahre beginnt, einige, wenn nicht sogar die, besten Erzählungen zu schreiben, die das Science-Fiction-Genre bis heute gesehen hat.

Der Septime Verlag hat sich an eine komplette Neuausgabe ihres Werks in Neuübersetzung begeben. Seit 2011 erscheint die Reihe „James Tiptree Jr. – Sämtliche Erzählungen“. Geplant sind sieben Bände von denen bisher vier herausgegeben wurden. Ebenfalls im Septime Verlag ist die Übersetzung von Julie Phillips Biographie „James Tiptree Jr. – Das Doppelleben der Alice B. Sheldon“ erschienen, die mit dem Kurd-Laßwitz-Preis 2014 ausgezeichnet wurde. „Doktor Ain“ ist der erste Band der Neuausgabe, die sich chronologisch an den Veröffentlichungsdaten orientiert, sodass der Leser hier den Beginn von Sheldons Werk verfolgen kann. Und das lohnt sich über alle Maßen.

Denn nach der Lektüre ihrer frühen Geschichten aus den Jahren 1967-1969 möchte man Alice B. Sheldon bereits alle Literaturpreise der Welt verleihen. (Ihr wurde insgesamt drei Mal der Nebula- und zwei Mal der Hugo-Award für Science-Fiction-Literatur verliehen, was eine beachtliche Leistung darstellt. Jedoch ging kein genre-unabhängiger Literaturpreis an Sheldon.) Man möchte ihre Texte in die unsichtbaren Verkehrsschilder unserer Sozialisation ritzen. Das Buch will man als Planierraupe nutzen, um lachend über die Topographie von Religion, Geschlechterrolle und politischer Gesellschaftsordnung hinwegzufahren. Sheldon zu lesen ist, einem tanzenden Stern dabei zuzusehen, wie er Kontingenzen erzeugt; eine Sonne, die das wilde Außen in die Gravitation unserer Kultur einlässt. Ein weiblicher Nietzsche, der mit dem Hammer das Herdendenken niedermäht.

Der Einstieg ist sperrig. Chaos. Zwei kurze Geschichten, verdichtet, widersinnig, bevor der Leser mit einer von Tiptrees bekanntesten Erzählungen „Geburt eines Handlungsreisenden“ Bekanntschaft schließt. Eine faszinierenden Geschwindigkeit, die den Leser aber niemals überfordert sondern stets lockt, verwickelt ihn in die schwierige Situation eines Verwaltungsbeamten, der  Transportvorschriften für das ganze Universum durchsetzen muss. Ist ihr Paket einen Mikrometer zu rund, die Farbe zehn Nanometer zu weit im linken Spektralbereich? Duftet es nach Lavendel oder wurde es gar von jemandem verpackt, der unter Stimmungsschwankungen leidet? Der kleinste Faktor kann auf unzähligen Planeten der Versandroute die schlimmsten Auswirkungen haben. Vom Genozid bis zur unfreiwilligen Paarung. Wie auch in den darauf folgenden längeren Erzählungen „Schuld“ und „Treu dir, Terra, auf unsere Art“ entwirft Sheldon ein unendlich komplexes Zukunftsbild, in dem sich die Menschheit mit einer Vielfalt von Lebewesen und Lebensweisen konfrontiert sieht. Gleichzeitig erzählen die Geschichten von dem meist zum Scheitern verurteilten Versuch, diese kontingenten Welten zu regulieren, zu verstehen und zu kontrollieren.

In dieser etwas verschlungenen Äußerung geht es lediglich um den von Menschen verwalteten Planeten Raceworld, auf dem Wettrennen abgehalten werden. Diese Gefälle stellen neben dem Grundthema der Welten-Ordnung als Menschheitsaufgabe  in Tiptrees Erzählungen ein mit Brechstange und Schneidbrenner bewaffneten Humor, der auch durch die Erzählerstimmen getragen wird. Die Übersetzer lassen den variantenreichen und schauspielreifen Sound der Texte auch im Deutschen entstehen. Es klingt an allen Ecken und Enden nach dominanten Männerfiguren, nach Arbeitswelt und Chauvi-Ethos. Es röhrt wie ein James Bond-Film. Es spricht wie 70er-Jahre Fernsehen. Die Figuren im Handlungsreisenden kann man unmittelbar reden hören und auch „einstimmige“ Erzählungen wie die rapport-artig, düster vorgetragene Geschichte „Doktor Ains letzter Flug“ oder die faszinierende und wirklich einzigartige Erzählung „Dein haploides Herz“ klingen unglaublich lebendig. Der Humor wird in einigen Geschichten beinahe zähnefletschend. „Mama kommt nach Hause“  und die Fortsetzung „Hilfe“ sind bitterböse Umwertungen einer christlich-männlich dominierten Welt: Zunächst landen große, außerirdische Mädchen auf der Erde, die Männer vergewaltigen und als Lustsklaven auf ihrer Welt verkaufen möchten. Sämtliche Supermächte der Erde können sich nicht gegen die überlegenen Besucher wehren. Nur durch einen Trick gelingt es, die Mädchen zu vertreiben. In „Hilfe“ ereilt die Welt das nächste Machtungleichgewicht. Unscheinbar aussehende, lustige, kleine Männchen, die etwas anbeten, dass sie den großen Pupa nennen, landen auf der Erde. Die Menschen sind gerührt und entzückt, bis die Außerirdischen dahinter kommen, dass es die Weltreligionen gibt. Dann startet diese technisch überlegene Spezies eine Missionierungskampagne ganz nach Vorbild der Christen. Die Geschichten Alice B. Sheldons liefern damit einerseits nahrhaftes Futter für die jungen akademischen Disziplinen der Gender-Studies und der postkolonialistischen Theorien.

Abseits der Diskurse erzeugen die Erzählungen James Tiptree Jr.s eine Leseerfahrung, die man im Leben bei nur wenigen Autoren finden wird.

Cover © Septime Verlag

 

  • Autor: James Tiptree Jr.
  • Titel: Doktor Ain. Sämtliche Erzählungen, Band 1
  • Teil/Band der Reihe: Band 1 von 7
  • Übersetzer:
    Andrea Stumpf
    Margo Jane Warnken
    Frank Böhmert
    Samuel N.D. Wohl
    Elvira Bittner
    Laura Scheifinger
    Bastian Schneider
  • Verlag: Septime Verlag
  • Erschienen: 01/2014
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 472
  • ISBN: 978-3902711236
  • Sonstige Informationen:
    mit einem Nachwort von Julie Phillips und vier erstmals auf Deutsch erschienenen Stories
    Verlagsseite zum Buch mit Liste der enthaltenen Geschichten

Wertung: 15/15 dpt


Über den Autor

Christian Bischopink


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Aktuelle und ewige Lieblingszitate:

»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
(Roy Batty, „Blade Runner“)

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von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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