New Yorks jüdisches Ghetto zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Manhattan 1893. Die Stadt boomt und viele wollen das schnelle Geld machen. Lionel Ravage, gelernter Klempner, ist einer von ihnen und ist durch seine Kupferrohre ein einflussreicher Geschäftsmann. Im jüdischen Ghetto in Downtown gehören ihm etliche Häuser, deren Mieteinnahmen er persönlich eintreibt. Auf diese Weise lernt er Manya kennen und ist von deren Anblick sofort gefangen. Er beginnt eine heftige Affäre, doch die Verwandten seiner Ehefrau Henrietta fordern Lionel mit Gewalt auf, diese zu beenden.
Einige Jahre später. Ben Ravage verlor mit sechs Jahren seine Mutter und wuchs in einem Waisenhaus auf, wo ihn eines Tages Abraham Cahan, Chefredakteur der jüdischen Zeitung „Forward“, entdeckt und sich seiner annimmt.
Die Magnate der Kehillah hatten sich in der Educational Alliance am East Broadway eingefunden, um ihre kontroverseste und hochgelobte Schöpfung zu feiern, das Bureau of Social Morals, ein jüdischer Geheimbund im Herzen des Ghettos.
1913. Ben hat in Harvard studiert und eine Zulassung als Anwalt. Er vertritt gelegentlich vor Gericht mittellose Juden, die willkürlich angeklagt wurden, um von deren Angehörigen Gelder für die Kaution zu erpressen. Kautionssteller Ned „Silver Dollars“ Silver wird so zu einem von Bens erbittertsten Feinden, droht diesem gar mit dem Tod. Ben arbeitet vor allem als Downtown-Detectiv für die Kehillah, eine Privatpolizei, die die Interessen reicher jüdischer Kaufleute vertritt. Einer von ihnen ist der Immobilienmagnat Meyer Bristol, dessen Tochter Bad Babette hundert Dollar bietet, wenn Ben ihre verschwundene Freundin Leila findet. Doch diese wurde bereits vor einigen Wochen tot aus dem East River gezogen und es gibt die Befürchtung, dass es erneut – wie vor einigen Jahren – ein Verrückter auf die Prostituierten der Allen Street abgesehen hat. Hauptverdächtiger ist aus Bens Sicht sein Vater Lionel, der jedoch als unantastbar gilt.
Grenzenlose Korruption und Gier, von Moral keine Spur
Ja, auf dem Buchcover steht Thriller und der Text auf dem Buchrücken deutet an, dass es sich womöglich um eine weitere Variante von Jack The Ripper handeln könnte. Weit gefehlt! Wer hier mehrere geschundene Frauenleichen erwartet, sowie einen Detektiv, der in bekannter Manier in der Unterwelt ermittelt, greift (womöglich) daneben. Zwar wird der Tod von Leila aufgeklärt, das schon, aber der 1937 geborene Jerome Charyn (Isaac-Sidel-Reihe; 1974-2017) nutzt den Krimiplot, um eine große Stadt- und Kulturgeschichte zu erzählen.
Die Reichen der Stadt leben in Uptown, während die vor allem aus Osteuropa eingewanderten armen Juden in Downtown leben, was sich als Vorhof zur Hölle darstellt. Kriminelle aller Art treiben ihr Unwesen. Im Shilly-Shally-Club etwa führt Moses Brill eine „Schule der Taschendiebe“, derweil vor Gericht die einfachen Leute abgezockt werden. Prostituierte, skrupellose Miethaie wie Frank Woolworth sowie korrupte Polizisten und Politiker prägen den Sündenpfuhl und gehen über Leichen.
„Die Kriminalität wird schlimmer und schlimmer werden, solange das Ghetto arm bleibt.“
„Junger Mann, sind Sie auch so ein Sozialist wie Cahan, der all unser Elend auf die Banker schiebt?“
„Nein, Sir. Aber auf die Polizei können wir uns nicht verlassen. Die ist noch korrupter als die Kriminellen.“
Abraham Cahan, Chefredakteur der 1897 gegründeten sozialistischen Zeitung „Forward“, wenig später das Zentralorgan der aus Europa immigrierten Juden, wird hier ein literarisches Denkmal gesetzt. Er ist der Gute, der gegen „die da oben“ täglich anschreibt und da die Auflage beharrlich steigt, hat er von seinem Herausgeber nichts zu fürchten. Sein Ziehsohn Ben Ravage soll für ihn auf den Straßen für eine wenig Gerechtigkeit sorgen, weswegen er bei der Kehillah ein Außenseiter ist, denn deren Detectives sind genauso bestechlich wie die hohen Herren der Tamanny Hall.
Es wird mit harten Bandagen gekämpft, wobei man sich konzentrieren muss. In Gegenwart und Rückblenden erfährt man mehr über Bens Herkunft, das Schicksal seiner Mutter und das Nicht-Verhältnis zu seinem, Frauen gegenüber gewalttätigen, Vater. Zudem werden die einflussreichen Honoratioren der Stadt vorgestellt, die jeweils rücksichtslos ihre Interessen vertreten. Auch hier sind die Kräfteverhältnisse meist undurchsichtig.
Aha, aber wie’s aussieht, ist er wieder im Geschäft und hinterlässt immer noch hässliche Spuren auf Mädchen. Man hat ihn mit seinem silbernen Gehstock gesehen. Ich schätze mal, alte Gewohnheiten lassen sich nur schwer ablegen.“
„Dafür haben Sie keinen Beweis. Es könnte auch irgendein Wahnsinniger sein, der ihn nachmacht. In der Allen Street herrscht das Chaos.“
Neben Ziehvater Cahan hat Ben nur zwei Getreue in seinem aussichtslosen Kampf an seiner Seite. Da wäre die robuste Schauspielerin Clara Karp, eine aus Russland stammende Lady Hamlet, die ihre Hauptfigur in Strumpfhosen spielt und Bens große Liebe ist. Und dann gibt es da noch Monk Eastman, einest ein einflussreicher Gangster in Downtown, der allerdings einige Jahre in Sing-Sing verbrachte und währenddessen seine Schergen an die Konkurrenz verlor. Jetzt ist er der Aufpasser von Ben und wenn Monk seine gelben Kanarienvögel aus seiner Manteltasche holt und diese fliegen lässt, dann gehen selbst hartgesottene Gauner in Deckung.
„Ravage & Son“ ist ein höchst ungewöhnlicher, literarischer Thriller, der nicht nur sprachlich überzeugt. Allerdings sollte man Begriffe wie beispielsweise El oder Tamanny kennen, wahlweise während der Lektüre eine Rechercheoption im Internet zur Verfügung haben. Die angedeuteten Angriffe auf Prostituierte wirken ein wenig aufgestülpt, zumal der vermeintliche Protagonist respektive Ermittler nicht immer im Vordergrund steht. Dennoch gibt es reichlich Action und Gewalt sowie faszinierende Einblicke in das jüdische Ghetto der Lower East Side zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Autor: Jerome Charyn
Titel: Ravage & Son
Originaltitel: Ravage & Son. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger.
Verlag: Suhrkamp
Umfang: 334 Seiten
Einband: Taschenbuch
Erschienen: August 2025
ISBN: 978-3-518-47495-2

Wertung: 11/15 dpt







