Felix Bohr – Vor dem Untergang (Buch)

Unmittelbare Einblicke in das Innenleben der „Wolfsschanze“ – Hitlers letzte Jahre

Vor dem Untergang
© Suhrkamp

Den Obersalzberg in Bayern kennt jeder, der sich für die deutsche Zeitgeschichte interessiert. Doch verbrachte Hitler auf dem Berghof während der sechs Kriegsjahre nur rund vierhundert Tage. Er wollte nahe am Kampfgeschehen der Ostfront sein und verbrachte daher mehr als doppelt so viele Tage zwischen 1941 und 1944 in der sogenannten „Wolfsschanze“, die wiederrum deutlich weniger bekannt ist. Heute ist sie eine zweifelhafte Touristenattraktion inklusive Campingplatz mit Grillmöglichkeiten. Gleichwohl fand hier ein bedeutsames Ereignis während des Zweiten Weltkrieges statt, nämlich das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944; bis heute ein, wenn nicht das Symbol für den deutschen Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur.

Der Historiker Felix Bohr arbeitet seit Oktober 2024 in der Ressortleitung des Geschichtsressorts beim SPIEGEL und beleuchtet in seinem aktuellen Buch „Vor dem Untergang – Hitlers Jahre in der Wolfsschanze“ dessen und die letzten Kriegsjahre. Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert, deren Überschriften nahezu selbsterklärend sind: Hauptkommandozentrale – Hitler – Gefolge – Tagesablauf – Holocaust – Attentat – Chaos – Abgrund. Besonders ist dabei, dass der Schwerpunkt auf das Innenleben im Bunker gerichtet wird und der Blick auch von ebendort erfolgt. Nicht aus der Sicht eines unbeteiligten Außenstehenden (von draußen), sondern auf Basis überlieferter Dokumente und Materialien von unmittelbar beteiligten Zeitzeugen aus deren Perspektive (von innen). Ranghohe Nazis wie Militärs bis hin zu den Sekretärinnen; sie alle kommen zu Wort. Da die Kapitel zudem chronologisch ausgerichtet sind, wird parallel zum Geschehen in der Bunkeranlage auch der Kriegsverlauf bis zur Aufgabe der „Wolfsschanze“ dargestellt.  

Eine kurze, präzise und leicht verständliche Geschichtsstunde

Wer sich über das Dritte Reich, den Zweiten Weltkrieg sowie Adolf Hitler informieren möchte, findet eine kaum überschaubare und vor allem nicht zu bewältigende Menge an Quellen und Sekundärliteratur. Mit dem vorliegenden Werk bietet Felix Bohr einen neuen Zugang, der nicht nur fachlich fundiert, sondern zudem leicht verständlich ist. Das Leben innerhalb des Bunkers wird lebhaft beschrieben. Die bedrückende Enge, viele Arbeits- und Wohnräume ohne Fenster, dazu der immer gleiche monotone Tagesablauf. Zunächst herrscht beste Stimmung im Jahr 1941, der Kriegsverlauf lässt auf einen schnellen Sieg hoffen. Allein, es kommt bekanntlich anders. Hitler, oft „der Diktator“ genannt, greift zur allumfassenden Macht und wird Oberbefehlshaber, da er seinem Umfeld, vor allem der Wehrmacht, misstraut. So wird aus dem ehemaligen Gefreiten des Ersten Weltkrieges „der größte Feldherr aller Zeiten“; zumindest nach damaliger Ansicht von Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht.

Am 22. Juni 1941 beginnt der völlig übereilte Überfall auf die Sowjetunion, Lebensraum im Osten will gewonnen werden. Doch bereits im Dezember des gleichen Jahres stoppt der Vormarsch wegen des harten russischen Winters, auf den die deutschen Truppen nicht vorbereitet sind. Erste, große Nachschubprobleme und militärische Fehleinschätzungen werden offensichtlich, wenngleich nicht für die Herrschaften im wichtigsten Führerhauptquartier, jenem bei Rastenburg, dem heutigen Kętrzyn in Polen. In einer von der Außenwelt völlig abgeschotteten und bestens bewachten Anlage ist man unter sich. Für ranghohe Funktionäre wie Bormann, Himmler, Göring, Speer und Goebbels geht es vor allem darum, ihren Einfluss auf Hitler auszubauen. Dieser nutzt die täglichen und meist stundenlangen Lagebesprechungen für seine berüchtigten Monologe. Meist widerspricht niemand, vor allem nicht gegen Kriegsende. So hat man die Möglichkeit, alle Entscheidungen auf den Führer abzuschieben, was de facto der Fall war, vor allem aber später die Gelegenheit, die eigene Rolle sprich Verantwortung herunterzuspielen.

Es ist „faszinierend“ und erschreckend zugleich, wie sich das immer paranoider werdende Paralleluniversum Hitlers entwickelt. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich spätestens 1943 dramatisch, unzählige Vitaminpräparate und Spritzen erhält er täglich von seinem Leibarzt Theo Morell. Nicht wenigen galt er als Scharlatan. Hitler zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück, lässt sich kaum noch in Berlin blicken und versucht sich detailbesessen in den Kriegsverlauf einzumischen, wo er selbst kleinste, im späteren Kriegsverlauf mitunter nicht mehr existente Geistereinheiten persönlich verschieben lässt.

Spätestens nach dem Attentat von Stauffenberg herrscht in der imposanten Bunkeranlage das blanke Chaos, doch Hitlers engster Gefolgschaft ist da zweierlei längst klar: Der Krieg geht verloren und das eigene Schicksal ist mit dem des Diktators unmittelbar verbunden. Kadavergehorsam bis zum Schluss, aber vor der Flucht nach Berlin wird ein letztes Mal gefeiert. Es ist atemberaubend surreal, man muss es selber lesen, womit wir zum Fazit kommen.

Wer Einblicke in das unmittelbare Umfeld Hitlers und dessen Versagen sowie die letzten Jahre des Diktators nebst Kriegsverlauf gewinnen möchte, findet hier ein mehr als packendes und kurzweiliges Sachbuch. Es ist der (bekannte) Wahnsinn pur und zeigt einmal mehr, wie das grauenvollste deutsche Kriegsverbrechen einschließlich Holocaust respektive Schoa möglich wurde. Zugleich ist das Buch eine wichtige Mahnung zur Erhaltung unserer Erinnerungskultur sowie eine Warnung vor den Rattenfängern unserer Zeit, die die damaligen – historisch eindeutig belegten – Geschehnisse seit einigen Jahren umzudeuten versuchen. Man ist geneigt zu sagen: „Pflichtlektüre“.   

Autor: Felix Bohr

Titel: Vor dem Untergang

Verlag: Suhrkamp

Umfang: 298 Seiten

Einband: Hardcover

Erschienen: April 2025

ISBN:  978-3-518-43218-1

Produktseite

Wertung: 13/15 dpt

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