Literarisches Denkmal für einen der größten Seehelden

Bretagne, 1786. Der dreizehnjährige Robert Surcouf flieht aus dem Jesuitenkolleg, in das ihn seine Eltern gesteckt haben. Robert will kein Priester werden, sondern Seemann wie sein berühmter Urgroßvater gleichen Namens, der einst für König Louis XIV. die Küsten Perus plünderte. Robert gelingt auf ein Schiff, mit dem er drei Jahre unterwegs sein wird. Zurück bei seinen Eltern in Saint-Malo, erfährt er 1789 von zunehmenden Unruhen in ganz Frankreich. Die Reederei seines Vaters ist derweil in große finanzielle Schieflage geraten. Da lernt Robert die bildhübsche Marie-Cathérine kennen, Tochter von Louis Blaise de Maisonneuve, seines Zeichens Präsident des Stadtrates und reicher Kaufmann. Für ihn und seine Frau muss es für ihre Tochter aber schon ein Mann aus bestem Haus sein. Wie sein Urgroßvater träumt Robert davon, als Korsar Schiffe zu kapern und mit Prisen reich zu werden.
Da sein Vater zwei seiner Schiffe vermisst, ein Grund für die Notlage der Reederei, zieht es Robert auf die Ile de France im Indischen Ozean, um sich nach den Schiffen zu erkundigen. Anfang 1790 erreicht Robert die Hauptstadt Port Louis an Bord der Aurore, deren Kapitän sich bald gezwungen sieht, sein Schiff für den Sklaventransport einzusetzen. Als dieses vor den Seychellen auf ein Riff trifft, ertrinken hunderte, gefesselte Sklaven elendig. Robert will zurück nach Frankreich und endlich ein eigenes Schiff. Zuhause erwarten ihn bahnbrechende Neuigkeiten. Die Monarchie ist abgeschafft, der König wurde geköpft, es herrscht landesweit ein einziges Chaos und ein radikales Regime, welches Jagd vor allem auf Adelige und den Klerus macht. Ein fataler Fehler, denn keinem Geringeren als Napoleon werden später erfahrene Kapitäne zur See gegen die Royal Navy fehlen, da diese meist aus dem Adelsstand kamen und deswegen ihr Leben verloren.
„Die Engländer schießen in der gleichen Zeit dreimal und sind noch dazu für ihre Treffgenauigkeit berüchtigt. Aber würde ich meine Männer ebenso drillen wie die Briten die ihren, müsste ich wohl mit einer Meuterei rechnen. Das ist, ehrlich gesagt, die Kehrseite der Revolution. Jeder ist jetzt ein Bürger und will respektvoll behandelt werden.“
Um seiner Familie zu helfen und seine große Liebe endlich heiraten zu können, fährt Robert zurück in den indischen Ozean, wo er bald durch erste Kapernfahrten auf sich aufmerksam macht. Noch steht ihm der Gouverneur im Weg, der die Ile de France despotisch führt. Doch der Weg nach ganz oben zeichnet sich ab. Selbst Napoleon wird früh auf ihn aufmerksam und später wiederholt seinen Rat suchen. Bis dahin folgen zahlreiche Schlachten, hohe Gewinne und letztlich die Heirat mit Marie-Cathérine. Der Ehe mit dem „Tiger des Indischen Ozeans“ können selbst ihre Eltern nicht mehr widersprechen. Wäre da nur nicht die Royal Navy und ein gewisser Horatio Nelson.
Seeabenteuer, Revolution und Napoleon
Francis Drake („Der Pirat“), Jack Bannister („Herr der Karibik“) und Horatio Nelson („Captain Nelson“ und „Admiral Nelson“) hat Mac P. Lorne schon ein literarisches Denkmal gesetzt, so dass nun ein Franzose an der Reihe war. Stolze siebenundvierzig gekaperte Schiffe, die seinem nicht selten überlegen waren, sind bewiesen, es dürften mehr gewesen sein. Dabei ist Robert Surcouf bis heute außerhalb Frankreichs, wo er immer noch verehrt wird, wenig bekannt, es sei denn, man hat wie Mac P. Lorne in seiner Jugend aufmerksam Alexandre Dumas oder Karl May gelesen.
„Ich habe keine Zeit für Geschwätz, General! Kapituliert oder sterbt! Eure Entscheidung!“
„Ein englischer Offizier ergibt sich …“, nie einem Piraten, wollte St. John eigentlich sagen, doch da ritzte das Entermesser seine Kehle, und als er sein Blut rinnen spürte, beendete er ihn anders, als er es zuvor vorgehabt hatte, mit den Worten: „… nur unter Protest.“
Doch lohnt sich nach den bereits erschienenen Romanen über die oben erwähnten englischen Seeleute das vorliegende Werk oder ist es eher eine „Wiederholung“? Natürlich steht einmal mehr die Seefahrt mit all ihren detailgetreuen Beschreibungen über die Abläufe an Bord bis hin zu den Angriffshandlungen im Fokus der Handlung und wer die im Vorjahr erschienenen Nelson-Romane gelesen hat, erinnert sich noch gut an Napoleons – sagen wir – Abenteuer in Ägypten oder die Schlacht bei Aboukir, wo dessen Flotte von Nelson verheerend geschlagen wurde. Zwei französische Admiräle entzogen sich, wenig ehrenhaft, durch Flucht dem Untergang. Denis Decrès, einer von ihnen, wurde unter Napoleon später Marineminister. Surcouf hatte für solche Menschen nur Verachtung übrig.
„Ich habe es schon immer gewusst: Ihr Franzosen kämpft des Geldes wegen, wir Engländer dagegen um der Ehre willen!“
„Jeder von uns kämpft für das, was er nicht hat und ihm am meisten fehlt.“
Zurück zur Frage: Ja, es gibt thematisch bedingt kleinere Überschneidungen, aber – noch deutlicher, Ja (!) – es lohnt sich, diesen Roman zu lesen. Nicht nur für jene, die an Abenteuern und Seefahrt interessiert sind, sondern vor allem für geschichtlich interessierte Leser, denn die Handlung spielt in der Zeit der Revolutions- und Napoleonischen Kriege. Die Fahrt per Schiff von Frankreich zur Ile de France, heute besser bekannt als Mauritius, dauerte rund ein halbes Jahr, weswegen Informationen aus der Heimat nicht nur verspätet ankamen, sondern vor allem unklar blieb, inwieweit sie noch aktuell waren. Befinden sich Frankreich und England im Krieg, war eine häufige Frage, denn nur in diesem Fall durften Surcouf und andere Korsaren englische Schiffe kapern, um deren wertvolle Fracht zu erobern.
Neben den beeindruckenden Werdegang des wagemutigen Surcouf (diesbezüglich ähnelt er stark Nelson) erfährt man immer wieder, wie es in Frankreich zugeht. Es kommt zu Aufständen, dann zur Revolution und dem Ende der Monarchie. Danach wütet der Mob unter Robespierre und seinen Jakobinern, später wird sich Napoleon selbst zum Kaiser krönen, womit er die Idee der Revolution endgültig verrät. Die Beziehung zwischen Surcouf und Napoleon ist ambivalent. Zunächst bewundert Surcouf den erfolgreichen Feldherrn, was auf Gegenseitigkeit beruht, und darf sich ein offenes Wort bis hin zur Kritik erlauben. Später, nach den für Frankreich verheerenden Schlachten von Trafalger und Waterloo, wandelt sich Surcoufs Ansicht, was gekrönt wird durch Napoleons aberwitziges Ansinnen, die Engländer und deren Royal Navy im Ärmelkanal stellen zu wollen. Es fehlen ihm ja erfahrene Kapitäne.
Ein literarisches Denkmal für den wohl bekanntesten und erfolgreichsten Korsaren, nachdem derzeit in Frankreich gleich fünf Kriegsschiffe benannt sind und ein Blick auf die Revolution sowie den Werdegang Napoleons, bei dem sein größter Widersacher zur See, Horatio Nelson, nicht fehlen darf.
- Autor: Mac P. Lorne
- Titel: Robert Surcouf. Der Tiger des Indischen Ozeans
- Verlag: Knaur
- Umfang: 448 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Dezember 2025
- ISBN: 978-3-426-56076-1
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Wertung: 12/15 dpt







