Brit Bildøen – Das Unwetter (Buch)

Trügerische Familienidylle

Dorte hat alles perfekt zur Goldenen Hochzeit ihrer Eltern Anna und John vorbereitet. Das Berghotel Innsetra ist nur für die Familie reserviert, so dass an dem Wochenende nur noch ihr Zwillingsbruder Karl sowie die zehn Jahre ältere Schwester Anette mit ihrem Mann Jan Inge und deren Hund Laban anwesend sein werden. Und natürlich Ole, der gut aussehende Gastgeber. Doch die Idylle trügt, denn anders als die ordentlich verdienenden Anette und Jan Inge mit ihren beiden im Ausland weilenden Töchtern, sind Dorte und Karl für ihr unstetes Leben bekannt. Keine Partner respektive Beziehung, nicht einmal einen festen Job. Vermutlich dürfen sie sich da wieder einiges anhören, zumal ein Unwetter naht. Die Warnstufe wird angehoben und während die Stimmung am Freitagabend dank des aufmerksamen Gastgebers und des großartigen Essens noch angenehm ist, schlägt diese am Samstagmorgen vollständig um.

Es beginnt damit, dass im Kaminzimmer zwei Jäger sitzen, doch vor allem stören Mutter Anna deren Gewehre. Eine Mure ist niedergegangen, die Jäger konnten sich gerade noch aus ihrem im Schlamm versinkenden Auto befreien und in das Hotel retten. Dies bedeutet umgekehrt natürlich, dass die Straße bis auf Weiteres unpassierbar ist. Kurz, man ist nicht mehr unter sich und hängt fest.

„Wohin führt dieser Weg?“

„Nirgendwohin. Einfach nur tiefer in die Wildnis.“

„Und da wollten die Füchse jagen?“

„Eins ist sicher: Die Kerle haben es nicht auf Füchse abgesehen.“

Die Jäger behaupten, sie wollen Füchse jagen, aber Karl erkennt anhand der mitgebrachten, vergifteten Köder, dass sie es auf Wölfe abgesehen haben, die einerseits den Einheimischen zu schaffen machen, andererseits streng geschützt sind. Ein erster Streit folgt und wenig später ist Laban schwer angeschlagen, da er von dem vergifteten Fleisch gegessen hat. Während sich Dorte und Ole zaghaft näherkommen, eskaliert die Situation bald vollends.

Knisterndes Kammerspiel

Brit Bildøen, in Norwegen als Schriftstellerin wohlbekannt, im deutschsprachigen Raum bisweilen kaum. Womöglich ändert sich dies mit dem vorliegenden Buch, das wie eine Sozialstudio im Mikrokosmos einer Familie wirkt. Man ist auf einem Berg in einem Hotel eingeschlossen, zumindest ist die Straße ins Tal unpassierbar, woraus sich ein Kammerspiel entwickelt, in dem bald niemand mehr weiß, wem er trauen kann. Wie gut kennt man eigentlich seine eigene Familie, wem traut man welche moralischen Verwerfungen zu?  

Zunächst ist alles einigermaßen friedlich, die Kinder geben sich den Eltern zuliebe Mühe. Doch mit dem fatalen Wetterumschwung kippt die Stimmung in der kleinen Runde, zumal ungebetene Gäste, die sich recht mundfaul und abweisend gebären, die Feier zu stören drohen. Immerhin sind sie Ole bekannt, was aber nichts an ihren Absichten ändert, verbotenerweise Wölfe zu jagen. Dann frisst Laban einen vergifteten Köder und ringt um sein Leben. Ausgerechnet Vater John hat einen folgenschweren Vorschlag, um das Leiden des Hundes zu beenden.

Wie verhalten sich Menschen in einer Extremsituation, wie weit haben sie sich und ihre Gefühle unter Kontrolle? Hierzu gibt es reichlich Romane und Filme, die meisten gehen inhaltlich weiter, zudem direkter und härter mit dem Thema und den Konsequenzen um. Brit Bildøen bevorzugt dagegen die leisen Töne, sorgt für atmosphärische Dichte und gerade hierdurch für eine intensiv spürbare Beklemmung. Jeder verdächtigt bald jeden, eine Lösung scheint kaum möglich, es sei denn, man wirft jegliche Werte über Bord. Aber wer würde soweit gehen? Oder ist der Schutz der Familie am Ende wichtiger als die Wahrheit? Ein kurzer, sprachlich ansprechender und nachdenklich stimmender Roman, der nach Lektüreende dazu einlädt, sich mit den vorgenannten Fragen weiter auseinanderzusetzen.

  • Autorin: Brit Bildøen
  • Titel: Das Unwetter
  • Originaltitel: Gult Farevarsel. Aus dem Norwegischen von Frank Zuber
  • Verlag: btb
  • Umfang: 240 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Januar 2026
  • ISBN:  978-3-442-77500-2
  • Produktseite

Wertung: 10/15 dpt

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