Es gibt Bücher, die man liest und es gibt Bücher, die man, wie einen Raum, betritt. Eileen Mätzold öffnet mit ihrem, 2024 im Thelem Universitätsverlag erschienenen, Gedichtband Reflexe um drei Uhr morgens einen solchen Raum: einen Zwischenraum, in dem die Welt stillsteht und das Innere zu sprechen beginnt.

Drei Uhr morgens ist jene Stunde, in der Gedanken keine Ablenkung mehr dulden. Die in Altenburg geborene Autorin nutzt diese poetische Topografie konsequent. Ihre Texte kreisen um Erinnerungen, um fragile Selbstvergewisserung, um die leisen Brüche im Alltag. Dabei entstehen keine lauten Bekenntnisse, sondern tastende Annäherungen. Die Gedichte wirken wie Momentaufnahmen eines Bewusstseins, das nicht schlafen will oder nicht schlafen kann.
Auffällig ist die Reduktion. Mätzold vertraut auf knappe Zeilen, auf Bilder, die nicht ausformuliert, sondern angedeutet werden. Ihre Sprache ist klar, manchmal gar spröde, und gerade darin liegt ihre Intensität. Wo andere Lyriker:innen ins Metaphorische flüchten, bleibt sie nah an der Wahrnehmung. Ein Geräusch, ein Schatten, eine Erinnerung – mehr braucht es oft nicht, um ein ganzes Gefühlsfeld zu eröffnen.
Unterteilt ist der Band, der 102 Seiten umfasst, in drei Abschnitte, mit den Titeln „Familienalbum vor der Erfindung des Farbfilms“, „Abtauchen“ und „Interimszeit“. Thematisch durchzieht das Werk eine leise Melancholie, die sich durch alle Abschnitte zieht; doch sie kippt nie ins Sentimentale. Vielmehr geht es um Selbstbeobachtung, um das Aushalten von Ambivalenz, um die Frage, wie Identität sich in stillen Stunden formt. Einige Gedichte wirken wie Reflexbewegungen auf innere Reize. Andere erscheinen stärker komponiert. Nicht jedes Gedicht entfaltet die gleiche Strahlkraft. Manche Texte bleiben bewusst fragmentarisch und fordern Geduld. Wer schnelle Pointen oder formale Experimente sucht, wird hier nicht fündig. Wer sich jedoch auf die verlangsamte Wahrnehmung einlässt, entdeckt eine feine, konzentrierte Stimme.
Zwischen schmetternden Ästen
bist du der Sturm gewesen
meines Herzens
Das Kleid am Nachmittag
Ein grauer Lidstrich nur
eine ferne Figur
in
jeder Nacht
S. 33
Reflexe um drei Uhr morgens ist ein Band für jene Momente, in denen man selbst wachliegt. Eileen Mätzold gelingt es, aus diesen nächtlichen Stunden poetisches Material zu formen, das leise nachhallt. Kein grelles Licht, sondern ein beständiges Glimmen.
Wer die Autorin einmal live erleben möchte, dem sei die Literaturreihe „Der Durstige Pegasus“ die von der Autorin monatlich in der Moritzbastei in Leipzig moderiert wird und zu der sie sich stets neue Gäste aus der Welt der Literatur einlädt.
- Autorin: Eileen Mätzold
- Titel: Reflexe um drei Uhr mrogens
- Verlag: Thelem Universitätsverlag
- Erschienen: 2024
- Einband: Hardcover
- Seiten: 102
- ISBN: 978-3-95908-385-0
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Wertung: 14/15 dpt







