Joost Oomen – Ein volles Leben (Buch)

Krebs im Endstadium, Leberversagen, ein Loch im Herzen, ein Lungenschaden oder Alzheimer im Spätstadium – die Menschen, denen Theo Engel als Sterbehilfearzt zum Tod verhilft, mussten alle in Gesprächen darlegen, dass ein gezielt herbeigeführtes Lebensende eine Erlösung für sie ist. Dann reist der Arzt mit der tödlichen Spritze im Koffer an, ein weiterer Arzt und eine Staatsanwältin bestätigen den korrekten Ablauf. In den Niederlanden sind die Voraussetzungen für die aktive Sterbehilfe präzise und strikt: „Sobald sich nämlich ein Arzt und ein Patient für den Weg der Sterbehilfe entscheiden, muss festgestellt werden, ob der Patient die beiden Kriterien erfüllt: Um sterben zu dürfen, muss er sowohl unerträglich als auch aussichtslos leiden.“ Doch Theo Engel erhält auch einen Brief von Gerrit Blauw – der vollkommen gesund ist und dennoch sterben möchte.

Ich möchte nur deshalb sterben, weil ich mein Leben als abgeschlossen, als vollendet betrachte und nicht das Risiko eingehen möchte, dass ich irgendwann nicht mehr gern lebe. Ich habe mich mein ganzes Leben mit schönen Dingen beschäftigt […] und am liebsten möchte ich auch schön sterben.“ S. 14

Der Roman „Ein volles Leben“ von Joost Oomen beschäftigt sich also mit einer Konstellation, die viele Fragen aufwirft. In den Niederlanden wurde das Buch im November 2024 veröffentlicht, wenige Monate, nachdem eine körperlich gesunde 29-Jährige dort im Mai das Recht erhielt, aufgrund ihrer psychischen Erkrankungen den Weg der assistierten Sterbehilfe zu wählen. Doch Oomen geht noch einen Schritt weiter: Hat nicht jeder das Recht darauf, seinen Zeitpunkt des Todes zu bestimmen? Auch wenn er gesund und glücklich ist?

In zwei von vier Kapiteln erzählt der 71-jährige Gerrit seine Geschichte. Wie er als Jugendlicher in Saartje verliebt ist, wie sein Freund Douwe mit ihr zusammenkommt und wie er sie bei der Abtreibung begleitet, als sie ungeplant schwanger wird. Dann verlieren sie den Kontak. Erst etwa 25 Jahre später trifft er sie wieder, und die Geschichte mit ihr findet eine Fortsetzung. Man erfährt, dass Gerrit in der Zwischenzeit Regisseur für Theaterstücke wurde und damit auch erfolgreich war. Doch leider – und das ist der Makel an Oomens Roman – sind diese Szenen nicht so eindrücklich, um zu erklären, warum er sein Leben als voll, als besonders schön erachtet. Die Zeit, die man ihn begleitet, ist dazu zu kurz und die beiden Ereignisse (eine Jugendliebe, ein Wiedersehen) nicht so außergewöhnlich.

Umso stärker sind die Teile, in denen Theo Engel im Mittelpunkt steht. Der Arzt vollzieht seine Arbeit ruhig und sachlich, seine Aufgabe hat er selbst gewählt. Vom Hausarzt wechselte er zum Sterbehilfearzt, mittlerweile arbeitet er für das Fachzentrum Sterbehilfe – ein Fachzentrum für die Patienten, die von anderen Ärzten nicht angenommen werden, wie die auch moralisch schwierigen Fälle von Sterbehilfe bei jungen Menschen oder bei psychischen Leiden. Doch seine Arbeit geht auch an ihm nicht spurlos vorbei.

Jemanden zu töten ist, nicht ohne. Es bleibt immer ein diffuses Schuldgefühl zurück. […] Nach ein paar Stunden wird es wieder besser, aber es bleiben immer Rückstände. Am Anfang nur ein kleines bisschen, aber mittlerweile wird die angebackene Schicht immer dicker.S. 84/85

Auch wenn er sich selbst kaum noch als Arzt versteht, weil er Menschen nicht heilt, erkennt er in seiner Aufgabe etwas Sinnvolles. Seine Patienten würden eine existenzielle Einsamkeit erleben, weil sie die Welt anders erlebten als alle anderen Menschen und dieser Unterschied sei eine so große Kluft, dass es unerträglich wird, erklärt er der Staatsanwältin Monique. Für ihn steht fest: „Ich lasse sie nicht allein, nicht ganz.“

Sehr berührend sind die Szenen, in denen er erzählt, wie er im Zuhause seiner Patienten auf Angehörige trifft, ein letztes Mal den Patienten fragt, ob die Sterbehilfe sein eindeutiger Wille ist. Die Beschreibungen, wie er die Situation wahrnimmt und wie die Sterbenden und Angehörigen agieren, gehen nahe. Ebenso wie die eingeschobenen, kursiv gedruckten kurzen Sätze, die unkommentiert einzelne Schicksale beleuchtet. Die 52-Jährige, die sagt: „Mir ist vom Krebs und vom Leben ganz schlecht.“ Die 85-Jährige, die sagt: „Mein Inneres ist ausgehöhlt.“ Oder auch der verheiratete Mann, der so starke Rückenschmerzen hat, dass schon das Umblättern der Zeitung weh tut.  

Fazit:

Joost Oomens Roman „Ein volles Leben“ stößt viele Gedanken zur Sterbehilfe an – die Person und die Erlebnisse des Sterbearztes sind sehr berührend, seine Gedanken sind es, die einem im Kopf bleiben. Die Geschichte von Gerrit, der als Gesunder um Sterbehilfe bittet, scheint dagegen eher etwas blass und wirkt fast etwas belanglos. Das Buch hat also einen sehr starken und einen eher schwachen Erzählstrang, die beide zum Ende hin zusammenfinden. Ein intensives und auch aufwühlendes Thema mit etwas Luft nach oben bei der Umsetzung.

Wertung: 12/15 dpt

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