Frank Goldammer – Die Bestie von Dresden (Buch)

Tiger, Serienmörder und Karl May

Mai 1883. Vor zwei Tagen ist ein Bengalischer Tiger im Zoologischen Garten eingetroffen, schon ist er wieder verschwunden. Eine Suche im Großen Garten bleibt erfolglos, stattdessen findet man den Leichnam von Carl Eduard Zimmerling, Sohn eines wohlhabenden Maschinenfabrikanten. Carl wurde an einen Baum gefesselt, seine Kehle durchgeschnitten. Ein Anblick, der Kriminalassistent Schrumm aus der Bahn wirft. Der Zoo bittet den Wildtierexperten Karl May um Hilfe, doch dieser wird bald zu einem Problem für Kriminalrat Gustav Heller, da er diesem immer einen Schritt voraus zu sein scheint und ihm unnötig die Arbeit erschwert.

„War das der Tiger?“

„Ich bezweifle, dass er ihn an den Baum gebunden hätte.“

Drei Tage nach dem Tigerausbruch wird die nächste Leiche gefunden. Erneut ein junger Mann aus wohlhabenden Haus, der Tathergang entspricht dem ersten Fall. Ein Serienmörder in Dresden? Schnell führt eine Spur zu Robert Gallus, der einst eine gefährliche Räuberbande anführte und sich nun, nach jahrelanger Haft und angeblich geläutert, ein seriöses Leben aufbauen will. Weitere Morde folgen, aber Heller und Schrumm kommen nicht weiter. Zu allem Überfluss mischt sich ein Gremium hochrangiger Amts- und Würdenträger in deren Arbeit ein und sorgt mit schnellen Vorverurteilungen und allerlei Standesdünkel für zusätzliches Durcheinander. Als eine junge Frau ermordet wird drohen sich die Ereignisse zu überschlagen und die Ermittlungen gehen plötzlich in eine völlig neue Richtung.   

Dritter Fall für Rittmeister Gustav Heller

Gustav Heller ermittelt nach „Tod auf der Elbe“ und „Haus der Geister“ in seinem dritten Fall und ist der Großvater von Max Heller, den man aus der nach ihm benannten achtteiligen Romanserie kennt, welche zur Zeit des Kalten Krieges in der DDR spielt.

„Als Feldwebel in einer Schlacht gäben Sie mit Ihrer Besorgnis jedenfalls kein gutes Beispiel ab.“

„Ich bin aber kein Feldwebel, und mein Beamtenvertrag beinhaltet nicht, von einem Tiger gerissen zu werden.“

„Die Bestie von Dresden“ bezieht sich keineswegs auf den entflohenen Tiger, der auf der ersten Seite entflieht und auf Seite 322 wiederauftaucht. Man hätte es in Gänze weglassen können, allerdings wäre dann der ebenfalls fragliche Kurzauftritt von Karl May kaum zu erklären gewesen. Sieht man von diesem Punkt ab, bietet der dritte Band der Serie die gewohnt unterhaltsame Kost, wenngleich mit einem deutlich höheren sozial- und gesellschaftskritischerem Einschlag. Hellers Sohn Albert entfremdet sich mehr und mehr von seiner Familie, wobei er eigentlich nur aus deren Enge entfliehen will. Er kann auf eigenen Beinen stehen und muss nicht die Pferdezucht der Hellers fortführen. Sein Vater versteht dies weiterhin nicht, denn wegen der Liebe zu einer jungen Frau aus einfachen Verhältnissen arbeitet Albert nun in deren elterlichen Krämerladen in einem heruntergekommenen Arbeiterviertel.

Heller schlägt sich derweil mit besagtem Gremium aus diversen Regierungs- und sonstigen Räten herum, denen vor allem wichtig ist, dass die Obrigkeit nicht in Misskredit gerät. Als sich herausstellt, dass die ermordete junge Frau zuvor ein Kind zur Welt brachte, droht ein Skandal, denn dies könne ja nun wirklich nicht sein. So die Aussage der ausschließlich um ihren eigenen Ruf bedachten Eltern, die allerdings zwangsläufig den Zustand ihrer Tochter mitbekommen haben müssen. Aber was nicht sein darf, … man kennt es. So verwundert es nicht, dass die Tochter, die geschwängert wurde, verstoßen wird, während der hierfür verantwortliche Mann in keiner Weise belangt wird. Eine klassische Täter-Opfer-Umkehr, wenn man es so nennen will.

Wer die Vorgänger kennt, weiß, dass die Reihe einen guten Einblick in die damalige Zeit gibt und vor allem von dem Ermittlerduo Heller und Schrumm lebt. Heller, der gerne lospoltert und anderen vor den Kopf stößt, ohne dass es ihm jemals von selbst auffallen würde, und Schrumm, der manchmal wie die Karikatur eines Polizisten wirkt (siehe Zitat oben) und dennoch, bei aller mitunter devot anmutenden Zurückhaltung, ein kluger und empathischer Mann ist, sind ein großartiges Gespann. Allein die daraus resultierenden Dialoge lohnen die Lektüre. Trotz turbulentem und leicht undurchsichtigem Ende, welches hohe Konzentration erfordert, freut man sich schon jetzt auf die Fortsetzung.

  • Autor: Frank Goldammer
  • Titel: Die Bestie von Dresden
  • Verlag: dtv
  • Umfang: 368 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Februar 2026
  • ISBN:  978-3-423-26459-4
  • Produktseite

Wertung: 11/15 dpt

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