Hans Christian Andersen „Die Schneekönigin“, ein vieladaptiertes Märchen, von dem ich nicht zu viel bekommen kann (wie eigentlich von fast allen Andersen-Märchen).
So dachte ich auch, dass ich mit dieser Neuinterpretation von C. E. Bernard, deren Schreibstil ich in der „Wayfarer-Saga“ sehr mochte, nichts falsch machen könnte.

Im 19. Jahrhundert ist Greta Herrin einer Burg im tiefen Norwegen (vermutlich auf den heutigen Lofoten). Die Burg und ihre Bewohner*innen werden im Sommer durch das reißende Wasser eines Fjords vom Festland abgeschnitten, welches sich nicht per Boot passieren lässt. Nur im Winter gefriert der Fjord und ermöglicht so, dass die Burgbewohner*innen an wichtige Medikamente und andere Handelswaren aus der Stadt gelangen. Ihr eigenes Handelsmittel ist Holz, welches sie in den Wäldern um die Burg herum abholzen und welches in der Stadt dringend benötigt wird. Auch wenn es immer wieder Bestrebungen gibt, die Menschen ans Christentum heranzuführen, glaubt man in der Gegend um die Burg noch an die alten Geschichten und Götter und bringt z.B. zur Wintersonnwende der Schneekönigin ein Opfer, damit der Fjord im Winter auch nach wie vor zufriert und eine Verbindung zur Stadt zulässt. Gretas Vertrauen in diese althergebrachten Traditionen ist unerschütterlich, ganz anders als der ihres Mannes Kay oder ihrer Schwester. Und so macht sie sich, als in einem Jahr der Fjord einfach nicht zufrieren will, und ihr Sohn um sein Leben kämpft, auf die Reise zur Schneekönigin, um diese um Rettung zu bitten.
Man soll ja bei einer Kritik grundsätzlich mit den positiven Aspekten beginnen … Ich mochte die Thematisierung von Umweltschutz und das Aufgreifen verschiedener skandinavischer Folklore. Auch, dass auf der Burg Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern stattfindet, es casual lesbische Repräsentation und grundsätzlich einen feministischen Unterton, und damit einen harten Kontrast zum Leben in der norwegischen Stadt im 19. Jahrhundert gibt, fand ich eine schöne Idee.
Leider war es das aber dann auch schon …
Die Umweltschutz-Thematik bzw. Kritik am Klimawandel zieht sich durch’s gesamte Buch, wurde aber leider nicht zu Ende gedacht und verlor sich im Anprangern ohne Alternativen zu liefern (wie sonst sollten Menschen im 19. Jahrhundert heizen, ohne dafür Holz zu verwenden?). Das mag aber auch am Ende allgemein liegen, das mir überhaupt nicht gefallen hat, da es auf einen großen Schockmoment aufbaute, aber nicht erzählte, wie es dazu kommen konnte. Auch wenn ich am Ende zumindest ansatzweise Elemente wiederentdeckten konnte, die ich bei der „Wayfarer-Saga“ so mochte – ansonsten blieben die Handlung und der Spannungsbogen nämlich ziemlich flach, und so oft wie von der Ich-Erzählerin Greta angeteasert wurde, dass das dicke Ende noch kommen würde, hat mich das dann doch wieder nicht genügend umgehauen. Dazu kommt, dass der Stil (eventuell durch die Erzählperspektive aus der ersten Person) auf mich sehr gestelzt wirkte.
Gretas Reise zur Schneekönigin an sich kam mir vor, wie bei einem Escape Room zuzuschauen: Ein klarer Aufbau nach Quests, einfach zu lösende Rätsel und vorhersehbare Fallen, in die unsere Protagonisten aber trotzdem absolut naiv reintappt. Und damit das Romance-Thema nicht zu kurz kommt, werden noch bei jeder Aufgabe Zweifel gestreut, ob ihr zu Hause gebliebener Ehemann ihr auch wirklich treu ist … für die Geschichte war das absolut nicht notwendig und für mich auch eher unangenehm zu lesen. Aus den Geschichten und Sagen, auf denen die Herausforderungen basieren, hätte man, meiner Meinung nach, mehr machen können – ganz besonders der Nachtmahr wirkte auf mich nicht gruselig, sondern höchstens verstörend … aber nicht auf die schaurig-gute Art, sondern auf die Art, die in Jugendsprache wohl mit „cringe“ bezeichnet würde.
Allgemein wirkte das Buch auf mich aber auch eher, als sei es für Jugendlich geschrieben – auch wenn die Protagonistin als verheiratete Frau mit Kind da vermutlich eher weniger Identifikationspotential bietet. Online konnte ich keine Altersempfehlung finden, aber jungen Menschen ab 13 Jahren könnte es ggf. besser gefallen als mir. Ich hoffe darauf, dass mir Bernards „Palace-Saga“ wieder besser gefällt.

Wertung: 5/15 dpt
- Autor: C. E. Bernard
- Titel: Die Schneekönigin. Kristalle aus Eis und Blut
- Verlag: Penhaligon
- Erschienen: 09/2022
- Einband: Hardcover
- Seiten: 368
- ISBN: 978-3-641-29206-5
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