Wallace Stroby – Zum Greifen nah (Buch)

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Bleihaltiges Verwirrspiel

Deputy Sara Cross aus dem kleinen Hopedale in Florida hat ihre erste Nachtschicht seit neun Monaten und diese führt sie ausgerechnet auf einen einsamen Highway, auf dem der 22-jährige Derek Willis erschossen wurde. Willis, bis dahin nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, hatte im Kofferraum seines Wagens eine ansehnliche Waffensammlung und geriet daher bei einer reinen Verkehrskontrolle in Panik. So die Version von Billy Flynn, Saras Ex-Freund, der die Kontrolle durchführte. Angeblich in Notwehr erschoss er Willis; mit drei Schüssen, zwei davon trafen mittig die Brust. Kurz nach dem Vorfall war Sara am Tatort und fand keine Anhaltspunkte, die Billys Version widersprechen. Wenige Tage später wird der Fall zu den Akten gelegt: „Unvermeidliche Schüsse in Notwehr“.

Erledigt ist der Fall damit jedoch noch nicht, denn plötzlich taucht eine junge Frau in Hopedale auf, die sich als Mutter von Willis Sohn vorstellt. Ihr Lebensgefährte habe noch nie eine Waffe besessen, wüsste gar nicht, wie man mit einer solchen umgehe. War es nicht einfach so, dass ein weißer Polizist einen jungen Schwarzen im Süden Amerikas einfach so ermordet habe als sich die Gelegenheit bot? Ganz so einfach ist es denn auch wieder nicht, denn hinter allem steckt der Drogendealer Mikey aus Newark/Jersey. Willis war in seinem Auftrag unterwegs, um mit einer Gruppe haitianischer Drogendealer neue Geschäftsfelder zu erschließen. Im Kofferraum des Wagens befanden sich neben den Waffen zusätzlich 350.000 Dollar, die seit dem nächtlichen Vorfall verschwunden sind. Mikey beauftragt den Berufskiller Morgan, ihm sein Geld zurückzuholen und den oder die Mörder von Willis zu eliminieren. Damit geraten auch Sara und ihr sechsjähriger Sohn in tödliche Gefahr…
Actionreicher hardboiled mit eruptivem Finale

Wallace Stroby ist deutschen Krimifans seit seinem erfolgreichen Crissa-Stone-Quartett ein Begriff. Nun versucht sich eine weitere Frauenfigur in der harten Männerwelt zu behaupten. Doch ist „Zum Greifen nah“ nicht nur eine Altlast des Autors, die jetzt nach den Crissa-Stone-Erfolgen auf den deutschen Buchmarkt geworfen wird? Tatsächlich erschien „Gone ‘Til November“ im Original bereits 2009, jedoch ist es eine gute Nachricht, dass dieser hardboiled, wenn gleich mit deutlicher Verspätung, endlich bei uns erschienen ist.

„Zum Greifen nah“ bezieht seine Spannung maßgeblich aus zwei Aspekten. Da ist zunächst von Beginn an ein spürbares Magengrummeln, dass die Notwehr-Version von Billy nicht ganz stimmig ist. Dass er nach über zwei Jahren wieder die Nähe zu Sara sucht, spricht zudem dafür, dass dies weniger aus Leidenschaft geschieht, sondern vielmehr dem Umstand geschuldet ist, dass er über den Stand der (offiziell eingestellten) Ermittlungen informiert sein möchte. Denn eigentlich ist er mit Anne-Lee liiert, die wiederum in engem Kontakt zu den Haitianern steht. Der andere, mindestens ebenso interessante Aspekt ist der, dass hier jeder jeden auszutricksen versucht. Will Mikey wirklich Morgan ein Drittel des gestohlenen Geldes als Belohnung geben? Wenn ja, warum schickt er ihm dann zwei weitere Gangster hinterher? Will Morgan den Fall für Mikey lösen oder sich mit dem Geld auf und davon machen, um ein schönes Leben an der Seite seiner heimlichen Geliebten zu führen? Stimmt Billys Version von Notwehr? Was weiß er über seine Freundin Anne-Lee? Und warum lässt sich Sara auf die Liebesbemühungen Billys scheinbar wieder ein?

Der Plot wird in zwei Hauptsträngen erzählt. Da ist die alleinstehende Polizistin mit ihrem sechsjährigen, an Krebs erkrankten Sohn Danny. Auf der anderen Seite, der alternde und desillusionierte Killer Morgan, der ebenfalls von einem Krebsleiden heimgesucht wird. „Zum Greifen nah“ ist ein kurzweiliger, teils dialoglastiger und dann wieder recht bleihaltiger hardboiled, bei dem nur eines von Beginn an gewiss scheint; viele Überlebende wird es nicht geben. Zwei kleine Kritikpunkte bleiben: Anfangs hat der Plot einige Längen und vor allem die sich wiederholenden Diskussionen zwischen Sara und Billy über den Stand ihrer on/off-Beziehung sind zu ausführlich geraten, wobei Billys weinerlicher Tonfall zunehmend nervt. Dennoch fällt das Fazit eindeutig aus: Sollte es weitere Romane mit Sara Cross geben, es wäre für Krimifans nicht die schlechteste Nachricht.

Cover © Pendragon Verlag

  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Zum Greifen nah
  • Originaltitel: Gone ‘Til November
  •  Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon Verlag
  • Erschienen: 02.2020
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 355
  • ISBN: 978-3-86532-674-4
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Wallace Stroby – Zum Greifen nah (Buch)

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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