Julius Fischer – Ich hasse Menschen – Eine Abschweifung (Buch)

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Julius Fischer - Ich hasse Menschen - Cover © Voland & QuistJulius Fischer machte vor einigen Jahren unfreiwillig Schlagzeilen, als der Droemer Knaur-Verlag mit rechtlichen Schritten gegen ihn und seinen Verlag Voland & Quist bezüglich des satirischen, alltagsbeobachtenden Buches „Die schönsten Wanderwege der Wanderhure“ vorging, da angeblich Titelrechte verletzt worden seien und man zudem die „Wanderhure“-Reihe aus der Feder des unter dem Pseudonym Iny Lorentz schreibenden Autorenehepaars Iny Klocke und Elmar Wohlrath verunglimpft sah. Der Verlag erwirkte eine einstweilige Verfügung, die wenig später glücklicherweise wieder aufgehoben wurde. Den Verlauf des Rechtsstreits kann man sehr detailliert beim Literaturcafé nachlesen. Letztendlich soll es an dieser Stelle nicht um selbigen gehen, sondern um die aktuelle, ebenfalls bei Voland & Quist erschienene Veröffentlichung des Leipzigers, „Ich hasse Menschen“.

Moderator, Liedermacher, Musiker und Lesebühnenmitglied Fischer bettet in seinem neuen, 160 Seiten starken Werk zahlreiche Kurzgeschichten in Form von „Abschweifungen“ in eine ebenfalls einer dieser Kurzgeschichten entspringende Rahmenhandlung ein: Eine Zugfahrt zu einer Agentur in Köln. Alles fängt damit an, dass der Autor nach einem Umstieg von Zug zu Zug einen ruhigen Platz sucht. Da findet er doch tatsächlich ein Abteil, in dem er ganz alleine sitzen kann. Doch er hat die Rechnung nicht mit dem kurz darauf ebenfalls im Abteil Platz nehmenden Fahrgast gemacht:

Der Mann mir gegenüber isst eine Möhre. Unfassbar laut. Unfassbar langsam.
  Ich kann mich kaum auf etwas anderes konzentrieren. Nicht aufs Schreiben, auf die Landschaft nicht, auf nichts. Und dafür fährt man doch Zug, denke ich, in den Sitz gedrückt, dafür macht man das doch, dass man mal wieder rauskommt, zu sich kommt, auch wohin kommt, mit diesem Zug.
  Ich war so glücklich vorhin, als ich im Zuge – haha, im Zuge, ich hasse mich – eines Umstiegs vieler Mitreisender vom Großraumwagen in ein leeres Sechserabteil umziehen konnte. Das hat den Morgen erträglicher gemacht. Im Großraum ist die Idiotendichte höher […] (S. 5)

Siehe auch folgendes YouTube-Video:

Und dieser Möhrenmann ist nur eine der vielen zuweilen kuriosen, nervigen Figuren, denen Julius Fischer noch begegnen wird – eine völlig verplante Reisegruppe, bestehend aus älteren, sehr redseligen Menschen. Oder diese junge Frau, die Julius in Gedanken „Peggy“ nennt und die so ziemlich alles an ätzenden Eigenschaften mit sich bringt, die ein sendungsbewusster, chartmusikliebender Smartphonejunkie mit zu viel Gepäck vorzuweisen in der Lage ist. Immer wieder stößt Fischer auf die menschlichen No-Gos, auf die verachtenswerten Eigenschaften seiner Spezies und gerät so an die Grenzen seiner Duldsamkeit. Seine Äußerungen, sein herrliches Selbstmitleid, sein angenervtes Seufzen – es macht Spaß, den Autor leiden zu lesen.

Den eigentlichen Kern des Buches stellen die bereits seit ein paar Jahren vorgetragenen Texte seiner Live-Lesungen dar, in denen Fischer die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen (die Liebste, die Familie, die Freunde, sein fiktiver Kumpel Enrico) und manchmal auch seine eigenen hassenswerten Eigenschaften vorführt. Irgendwie sind wir doch alle in bestimmten Situationen unseres Lebens Vollhorst*innen. Es ist hierbei jedoch beileibe nicht so, als erhöbe sich der Autor über andere Menschen und zöge kräftig über sie vom Leder. Vielmehr ist „Ich hasse Menschen“ ein Panoptikum des Augenrollens, ein Kaleidoskop der Situationskomik, eine bunte Palette des Seufzens, des Genervtseins, immer mit viel Zynismus und Sarkasmus, stets mit vor sich ausgestreckten Händen – unsichtbare Wassermelonen auf und ab wiegend, gepaart mit einem imaginären „Warum? WARUM?“-Gesichtsausdruck – gespickt.

Nicht selten erkennt man sich auch selbst wieder, gerade, wenn man an seine eigenen Erlebnisse denkt, die spontan auftretende Teilzeitmisanthropie zur Folge haben. Der klassische Fall an der Supermarktkasse, wenn man das Pech hat, genau in der Schlange zu stehen, die am längsten dauert. Oder wenn sich in der S-Bahn ausgerechnet ein müffelnder Zeitgenosse neben einen setzt. Oder man sich im Park auf einer Bank niederlässt, und am anderen Ende der Bank lässt sich, gerade, nachdem man zwei Seiten eines spannenden Buches gelesen hat, eine Person nieder, die laut telefoniert – und ihren Gesprächspartner auf Lautsprecher gestellt hat, sodass man auch dessen verzerrte Stimme auch noch mithören „darf“. Oder der Nachbar, der genau dann klingelt, wenn man gerade splitternackt im Bad steht und unter die Dusche springen möchte oder es sich just vor wenigen Minuten auf dem Sofa bequem gemacht hat und die soeben gestartete Episode der Lieblingsserie auf Netflix stolze einhundertachtzig Sekunden läuft.

Möchte man genau dann nicht immer wieder einfach nur wie ein Gürteltier dazu fähig sein, sich sekundenschnell zusammenzurollen, um die Menschen nicht mehr wahrnehmen zu müssen? Um dann am besten wie ein Maulwurf im Boden zu versinken, um niemanden mehr um sich zu haben? Andererseits ist es ja nicht unbedingt gesundheitsfördernd, alles in sich hineinzufressen – also lässt man es raus. Und genau das tut Julius Fischer, redet sich in Rage, wirft Bemerkungen ein, spinnt zuweilen absurde Gedanken hinzu und macht sich Luft.

Hat man sich mal Liveauftritte von Fischer – oder zumindest ein paar seiner Videos – angesehen, hat man automatisch schon den Tonfall im inneren Ohr. Und selbst wenn man Fischer noch nicht live oder auf Konserve erlebt hat, so funktioniert „Ich hasse Menschen“ als Buch dennoch hervorragend.

Eine nahezu perfekte Ergänzung zu diesem Buch, das durchaus auch als Satire auf die Egozentrik des Menschen funktioniert, wäre übrigens „This is Water“ von David Foster Wallace, gerade in den niedergeschriebenen Situationen, in denen man vor allem eine Person noch mehr wahrnimmt als alle anderen: Sich selbst. Und selbst ohne letztgenanntes Buch wird ein kleiner Kontrast zum vordergründig komödiantischen Inhalt deutlich, nämlich die zahlreichen kleinen nachdenklich-ernsten Zwischentöne.

Foto © privat
Cover © Voland & Quist

Wertung: 13/15 dpt

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Julius Fischer – Ich hasse Menschen –…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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