
Ein bevorstehendes Klassentreffen wird zum Ausgangspunkt für den erzählerischen Bilderreigen, den Andrea Kerstinger in ihrem Debütroman „Klassefrauen“ öffnet. Nach zwei Veröffentlichungen mit Kurzprosa und Lyrik („Fingerübungen“, „irgendwo dazwischen“) hat sich die Autorin erstmals einem umfangreichen Prosa-Projekt gewidmet. Vierzehn verschiedene Frauen werden von ihr im Folgenden porträtiert, jede mit einem eigenen Kapitel.
Geographisch bewegt sich Kerstinger dabei im österreichischen Burgenland, was sie sprachlich sehr variantenreich zum Ausdruck bringt. In dieser Zuordnung liegt der eigentliche Zusammenhalt der einzelnen Episoden. Die gezeigten Lebensentwürfe der Frauen variieren stark voneinander. In dieser Vielfalt liegt die Stärke des Buches, denn es entsteht ein vielschichtiges Frauen-Bild der aktuellen österreichischen Gesellschaft.
Ein vorangestelltes Zitat Mareike Fallwickls fungiert wie ein Kompass durch den variantenreichen Gesamttext. Kerstinger spannt dabei einen weiten Bogen. Die Geschäftsfrau kommt ebenso zum Zuge wie die reiche Gattin ohne Erwerbsarbeit, Mütter ebenso wie Töchter. Es wird divers geliebt und gelebt. Es gibt rücksichtslose Egoistinnen ebenso wie aufopferungsvolle Altruistinnen. In den Unterschieden offenbaren sich die Gemeinsamkeiten, die die Frauen dieser Generation teilen. Die von Kerstinger Dargestellten repräsentieren das Leben in patriarchalen Strukturen. Immer wieder ist Selbstbestimmung ein Thema, ebenso wie Unabhängigkeit und der Konflikt mit herrschenden Konventionen.
In diesem starken Konzept liegt allerdings auch eine gewisse Gefahr. Da jedes Kapitel einer anderen Protagonistin gewidmet ist, die „Bezugspersonen“ also ständig wechseln, geht beim Lesen die emotionale Spannung schnell verloren.
Dagegenhalten lässt sich, dass im episodenhaften Angebot zugleich ein großes Identifikationspotential steckt. Mit manchen ihrer Protagonistinnen geht Kerstinger sehr viel mehr in die Tiefe als mit anderen. An berührenden Momenten fehlt es nicht. Auch fällt der Zugang zum Text leicht, da die Autorin sich oft am Umgangssprachlichen bewegt. Bei jedem Mileuwechsel beweist Kerstinger ihr gutes Gespür für pointierte Darstellungen.
Mir fehlte am Ende ein wenig die Synthese. Der vielbeschworene Zusammenhalt unter Frauen, der nicht zuletzt durch das Fallwickl-Zitat zur Intention des Erzählens erklärt wird, wird erzählerisch kaum eingelöst. Die einzelnen Episoden bleiben bis zum Ende nur sehr lose miteinander verbunden.
Trotzdem bietet „Klassefrauen“ eine ausgewogene Mischung aus Unterhaltung und Tiefgang für eine breite Leserschaft an. Besonders durch die geschickte Abfolge der extrem unterschiedlichen Charaktere entstehen Kontraste, die lange nachwirken.
- Autorin: Andrea Kerstinger
- Titel: Klasse Frauen
- Verlag: edition keiper
- Erschienen: Februar 2026
- Einband: Taschenbuch
- Seiten: 184 Seiten
- ISBN: 978-3903575707

Wertung: 9/15 dpt







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