Peter Probst – Am helllichten Tag (Buch)

Guter Mix aus True Crime und fiktivem Krimi

Antonia „Toni“ Papin arbeitet als freie Journalistin in München und hätte gern eine Festanstellung, die sich aufgrund eines Ereignisses in der Vergangenheit als schwierig erweist. Ein Foto von einer Demo, im falschen Kontext wiedergegeben, gefolgt von einer gnadenlosen Internethetze, verhindert den Einstieg. Auch mit ihrem Partner Paul läuft es derzeit nicht rund und dann folgt noch ein Anruf aus dem Krankenhaus in Pirmasens, ihrer Geburtsstadt, wo ihr Vater Erwin mit einem Herzinfarkt eingeliefert wurde. Toni fährt die Nacht durch, erreicht das Krankenhaus dennoch zu spät. In der Wohnung von Erwin findet sie Beginn eines geplanten Schreibens, wonach er sein Gewissen erleichtern wolle und das alles 1964 anfing. Aber was?

Nach der Beisetzung erfährt Toni, dass Erwin eine schwere Kinderzeit hatte, da sein Vater bei einem Motorradunfall früh verstarb. Drei Monate, nachdem zuvor der neunjährige Klaus-Dieter „Klausel“ Stark verschwand, von dem bis heute jede Spur fehlt. Klausel war ein enger Schulfreund von Erwin, doch darüber wurde im Elternhaus nie gesprochen. Auch nicht darüber, dass 1960 und 1967 zwei weitere Kinder spurlos verschwanden. Jeweils an einem Freitag in der Nähe des Messeplatzes.

„Toni, du glaubst doch nicht im Ernst, dass dein Vater an einer Entführung beteiligt war? Als Neunjähriger?“

„Nein, natürlich nicht. Aber wenn er unschuldig war, wieso hat er dann nie über diese Geschichte gesprochen?“

Toni sucht zwei alte Freunde ihres Vaters auf, die nur widerwillig bis gar nicht über die damalige Zeit sprechen wollen. Allerdings verhärtet sich der Verdacht, dass ihr Vater irgendetwas mit dem Verschwinden von Klausel zu tun gehabt haben muss. Doch was sollte ein Neunjähriger mit einem Verbrechen gemein haben? Als wenige Tage später in Pirmasens ein junges Mädchen verschwindet, fühlt sich Toni zum Handeln verpflichtet. Geschichte darf sich nicht wiederholen. Sehr zum Ärger von Leo Steiner von der Kripo Kaiserslautern, der es nicht gern sieht, wenn Zivilisten Polizei spielen. Selbst wenn diese äußerst attraktiv sind.

Unrecht aus der Vergangenheit holt die Gegenwart ein

Peter Probst vermischt in seinem Kriminalroman „Am helllichten Tag“ gekonnt einen alten Cold Case mit einem Krimiplot, der in der Gegenwart spielt. 1960, 1964 und 1967 verschwanden zwei Jungen und ein Mädchen in Pirmasens im Alter zwischen acht und zehn Jahren. Der Fall konnte nie aufgeklärt werden, wenngleich er 1973 vom damaligen Kripochef Ernst Fischer vielversprechend neu aufgerollt wurde. Allerdings legte dieser sich früh auf einen vermeintlichen Täter namens Günter Justus fest, der seinerzeit als Sonderling mit einer Vorliebe für Kinder galt. Eine alte Ermittlerregel besagt, dass man nicht allein der Spur folgen soll, die zum selbst gewünschten Ziel führt, sondern unvoreingenommen und ergebnisoffen in alle Richtungen ermittelt. Immerhin schaffte es Ernst Fischer mit seinem Beitrag über den Fall in das „Taschenbuch für Kriminalisten“.

Dadurch, dass Tonis Vater als Freund des Klausel eingeführt wird, gelingt die Verbindung zwischen True Crime und Fiktion. Die Geschehnisse in der Gegenwart, immer eng an der Protagonistin erzählt, wechseln sich mit alten Zeitungsberichten und Rückblicken in die Geschehnisse der damaligen Zeit ab. Zudem wird der aktuelle Fall aus der Sicht des vermissten Mädchens verfolgt, das irgendwo gefangen gehalten wird. Aber von wem und warum? Es soll natürlich nicht verraten werden, nur so viel, Kirche und Glauben spielen eine gewisse Rolle.

Die Konstruktion der Erzählweise entspricht einem wohlbekannten Muster. Ein Familienmitglied, zu dem der Kontakt lange Zeit eher nicht vorhanden war, stirbt und hinterlässt eine Unterlage, die für die Nachfahrin die Welt auf den Kopf stellt. Eine Verbrecherserie in den 1960er Jahren und ihr Vater war irgendwie involviert, aber das Thema wurde totgeschwiegen. Gleiches gilt für den Motorradunfall des Großvaters in seinen Details. Wem das Muster bekannt vorkommt, wird womöglich ein Leser respektive eine Leserin von Mechtild Borrmann sein, die die meisten ihrer lesenswerten Romane ebenso komponiert. Allerdings arbeitet sich Borrmann thematisch bevorzugt am Dritten Reich beziehungsweise dem Nationalsozialismus ab, so dass hier die „Gegenwart“ eher um die Jahrtausendwende liegt.

Nicht zuletzt beschreibt Peter Probst, der auch die Drehbücher zu den Romanverfilmungen von Amelie Fried, seiner Ehefrau, schrieb, ein Stück Stadtgeschichte. Einst die deutsche Schuhmetropole mit hoher Millionärsdichte in der Südwestpfalz, welche Ende der 1960er Jahre ihren Höhepunkt erreichte, gilt Pirmasens heute als eine der ärmsten Städte Deutschlands. 1969 waren über 30.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in der dortigen Schuhindustrie tätig, heute sind die Arbeitslosenquoten und vor allem die Kinderarmut erschreckend hoch.

Bliebe abschließend zu erwähnen, dass man der sympathischen Toni einen weiteren Fall wünscht. Womöglich als Journalistin an der Seite des Kripobeamten Leo Steiner. Die letzten Sätze des Romans lassen dies zumindest möglich erscheinen.

  • Autor: Peter Probst
  • Titel: Am helllichten Tag
  • Verlag: Heyne
  • Umfang: 336 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Februar 2026
  • ISBN: 978-3-453-27564-5
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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