Kein zuhause, aber eine Leiche

Eine Tankstelle, die einer neuen Verbindungsstraße zum Opfer fiel. Zuletzt sorgte sie vor sieben Jahren für Aufsehen, als drei junge Männer sie überfielen. Joran war einer von ihnen und saß über sechseinhalb Jahre, da er mit einem Messer einen zufällig anwesenden Mann verletzte. Jetzt ist er wieder raus, doch nach einem kurzen Streit mit seinem Vater verlässt er die Wohnung. Doch wohin? Ein schäbiges Hotel kann nur eine Zwischenlösung sein, das Überbrückungsgeld hält nicht lange. Auf dem verwaisten Tankstellengelände müsste noch in einem Betonschacht die damalige Beute sein. 700 Euro, ein Witz. Mitten in der Nacht öffnet Joran den Schacht, doch statt dem Geld findet er die Leiche von Aras, seinem einst besten Freund. Sollte Marvin, der dritte Täter von damals, seinen Freund ermordet haben?
Kurz darauf bemerkt Joran, dass eine junge Frau hinter einem kleinen Mädchen herläuft. Will sie der Zehnjährigen etwas antun und warum hält sich diese mitten in der Nacht in der verlassenen Waschstraße auf; nur bekleidet mit Schlafanzug, Gummistiefel und Regenjacke?
Die junge Frau heißt Charu, fotografiert Lost Places und stieß so auf die verlassene Tankstelle. Sie lebt bei ihrer älteren Schwester und wird zunehmend von deren Freund bedroht. Mehr als nur bedroht wird offenbar die zehnjährige Edda, denn sie hat mehrere Stichwunden auf ihrem Bauch. Aber vor wem flieht die Kleine jede Nacht? Derweil drängt Marvin erneut in Jorans Leben.
Ein außergewöhnlicher Plot und weiteres Krimi-Highlight
Drei Menschen am Abgrund, jeder ohne ein richtiges Zuhause. Hier der abweisende Vater, dort die verständnislose Schwester und nicht zuletzt eine häusliche Gewaltszene, die sich jede Nacht zu wiederholen droht. Wohin fliehen, wenn man kein richtiges Zuhause hat, dies ist eine der Kernfragen des neuen Romans von Thomas Knüwer, der 2024 den Deutschen Krimipreis für seinen großartigen Krimi „Das Haus in dem Gudelia stirbt“ gewann. Nun also „Giftiger Grund“, ein ebenso packender wie irritierender Roman, dessen Zusammenhänge sich erst langsam erschließen. Pünktlich zur Halbzeit, gemeint ist Buchseite 165, folgt der erste, fette Knaller, dem weitere folgen werden. Der finale dann auf Seite 331, der letzten Buchseite.
Zum Inhalt soll und darf nicht mehr verraten werden, man muss und sollte es selber erleben respektive lesen. Bild- und sprachgewaltig begleiten wir die drei Protagonisten, von denen zunächst nur Joran und Charu in der Ich-Form erzählen. Auf Seite 164 betritt dann Ich-Erzählerin Edda die Bühne und dies direkt mit einem Paukenschlag. Drei junge Menschen aus unterschiedlich problematischen Familienverhältnissen suchen eine Zuflucht, einen Ort, an dem sie ihre Ruhe finden. Eine Tankstelle irgendwo in der Umgebung von Bremen, die aber überall sein könnte, ist ihr nächtliches Ziel. Die Vergangenheit holt alle immer wieder ein, vor allem Joran, der sich dem übergriffigen Marvin ausgeliefert fühlt. Doch was soll man machen, wenn man Geld braucht und man als vermeintlicher Gewaltverbrecher kaum eine Chance hat? Drogenkurier ist da sicher nicht die Ideallösung. Charu würde gern von ihren Fotografien leben, doch reichen ihre Clickzahlen im Web nicht aus, so dass sie bei ihrer Schwester Tara lebt, die ihr unterstellt, es auf ihren Freund Maik abgesehen zu haben beziehungsweise auf diesen neidisch zu sein. Sie könnte sich nicht grundlegender irren. Edda wohnt – überraschenderweise – in einem großen Haus, dass vor allem Reichtum ausstrahlt. Aber woher dann die Verletzungen, warum die nächtliche Flucht?
Thomas Knüwer bedient sich eines bekannten Tricks, denn alle drei Hauptfiguren sind äußerst ambivalent, sind alle Opfer wie Täter, deren Schicksal miteinander verbunden ist. Sie wollen durchaus ihre Chance ergreifen, aber die „äußeren Umstände“ stehen im Weg. In einem Interview sagte der Autor: „Ich liebe ambivalente Charaktere, die den Leser mit der eigenen Moral konfrontieren. Verdienen Opfer, die zu Tätern werden, unser Mitgefühl? Oder unser Urteil?“
Eine weitere, abschließende Frage sei erlaubt: Wird es erneut für den Deutschen Krimipreis reichen?
- Autor: Thomas Knüwer
- Titel: Giftiger Grund
- Verlag: Droemer
- Umfang: 336 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: März 2026
- ISBN: 978-3-426-56846-0
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Wertung: 13/15 dpt







