Clare Mackintosh – Die letzte Party (Buch)

Flotter, aber stark konstruierter Plot

In dem kleinen Dorf Cwm Coed in Wales hat das Neujahrsschwimmen eine lange Tradition. Vier Grad, aber fast alle wollen dabei sein. Dabei ging es gestern hoch her, denn auf anderen Seite des Llyn Drych, dem Mirror Lake, gab es in der neugebauten, The Shore genannten Wohnanlage, bestehend aus fünf exklusiven Häusern, eine große Silvesterparty. Da The Shore in England liegt und die neuen Hauseigentümer sehr vermögend sein müssen, waren sie den Einheimischen bislang verhasst. Die Feier sollte die Situation entspannen, es gelang jedoch nur bedingt. Aber jetzt soll es endlich losgehen, dass Schwimmen im kalten See, doch eine im Wasser treibende Leiche lässt das Ereignis platzen. Schnell ist klar, um wen es sich bei dem Toten handelt: Rhys Lloyd, ehemaliger Starsänger und Eigentümer von The Shore.

„Wir sind hier ganz oben am See, nicht wahr? Ist dieses Haus damit in Wales oder in England?“

„Hauptsächlich in Wales, aber ein kleiner Teil ist rein technisch in England.“

„Interessant. Welcher Teil?“

„Ty bach.“

„Das Klo.“

Die Leiche wurde in Wales angetrieben, der Tote in England vermisst gemeldet. Da fangen die Streitigkeiten normalerweise an, allerdings übernehmen Detective Constable Ffion Morgan von der North Wales Police und Detective Constable Leo Brady von der Cheshire Major Crime Unit die Ermittlungen gemeinsam, was in doppelter Hinsicht heikel ist. Ffion ist in Cwm Coed aufgewachsen, lebt dort bei ihrer Mutter und Schwester, kennt jeden im Dorf seit Jahrzehnten und ist mit einem von ihnen, wenngleich getrennt lebend, verheiratet. Dass ihr Mann wenig später zu den Mordverdächtigen gehört, sollte eigentlich reichen, um sich von den Ermittlungen zurückzuziehen. Aber wie soll sie dann noch Beweismaterial manipulieren?

„Ffion lehnt die Stirn auf das Lederlenkrad und atmet langsam aus. Es stimmt also: Rhys Lloyd ist tot. Er ist wirklich tot. Gott sei Dank!“

Auch aus einem anderen Grund ist die Sache pikant. Würde nämlich Ffion selber unter Verdacht geraten, nur mal angenommen, so wäre Leo ihr Alibi in der Silvesternacht. Apropos unter Verdacht: Dies gilt quasi für alle Figuren, seien sie aus dem Dorf oder aus The Shore. Jede und jeder hatte einen Grund, Rhys Lloyd den Tod zu wünschen, denn dieser war keineswegs der gealterte Star und freundliche Familienvater. Er war vielmehr ein Sexualstraftäter, der bislang auch dank des Schweigens einiger Opfer unentdeckt blieb.

Pageturner und Auftakt der Ffion-Morgan-Reihe

„Die letzte Party“ ist der spektakuläre Auftakt der Ffion-Morgan-Reihe, die bislang aus drei Bänden besteht. Sie lebt von der besonderen Lage des fiktiven Mirror Lake an der Grenze zwischen Wales und England, den beiden unterschiedlichen Ermittlern Ffion und Leo sowie einer turbulent konstruierten Geschichte. Würde man für die gebotene Achterbahnfahrt eine reale Anlage nachbauen, die Grenzen der Physik wären einer gewaltigen Belastungsprobe ausgesetzt. Fast jedes Kapitel endet mit einem fulminanten Cliffhanger, frei nach dem Motto: „Einer geht noch.“ Es türmen sich schnell die Verdächtigen, so dass man frühzeitig meint, in ein modernes Mord-im-Orientexpress-Szenario geraten zu sein. Derweil gibt es für die Ermittler mehrere Probleme: Kameras aus The Shore haben nicht die Seeseite eingefangen, Todeszeitpunkt- und Ursache sind lange Zeit unklar und geeignete Zeugen gibt es verständlicherweise keine, da alle verdächtig sind und daher wenig zur Aufklärung beitragen.

Neben einem recht haarsträubenden Plot, der gleichwohl spannend ist, werden vorrangig sexueller Missbrauch und am Rande ein wenig Rassismus thematisiert, wobei es vor allem im ersteren Fall verständlicherweise sehr unschön wird. Immerhin gibt es keine expliziten Darstellungen des teils körperlichen wie sexuellen Missbrauchs, dafür reichlich hohes Tempo und ständig wechselnde Verdächtige. Die Auflösung, besonders im Detail, kann man unmöglich erahnen, zumal man gekonnt in die Irre geführt wird.

  • Autorin: Clare Mackintosh
  • Titel: Die letzte Party
  • Originaltitel: The Last Party. Aus dem Englischen von Sabine Schilasky
  • Verlag: Knaur
  • Umfang: 496 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Dezember 2022
  • ISBN: 978-3-426-22800-5
  • Produktseite

Wertung: 11/15 dpt

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