
Lügen haben kurze Beine, sagt ein Sprichwort. Das perfekte Stichwort für den Titel dieser Sammlung „kurzer“ Texte, finde ich. Denn Uwe Hassler erweist sich als hervorragender „Lügner“. Seine Erzählungen sind allesamt hervorragend gelogen. Bereits mit den ersten Erzählungen des Bandes liefert er Szenen, die von der Wirklichkeit nicht zu unterscheiden sind. Dabei ist Hasslers Realismus bewusstes literarisches Spiel. Die Texte in diesem Erzählband sind in vier Abschnitte unterteilt. Jedem dieser Abschnitte geht ein literarisches Zitat voraus, welches Intertextualität mit dem Folgenden initiiert.
Mit „Ausgetrunken“ geht’s los, der ersten von sieben Erzählungen, die er unter dem ironisierenden Sammelbegriff „Krone der Schöpfung“ zusammengefasst hat. Im Folgenden geht es um Alkoholismus, Familie, Loyalität und Einsamkeit. Diese ersten Erzählungen lassen sich deutlich in die Jahre der Corona-Pandemie verorten.
„Ich tausche meine Gedanken gegen Vogelgezwitscher“ und „Kurze Beine“ lauten weitere Überschriften, unter denen Hassler seine Prosa einordnet, jeweils eingeleitet durch Zitate von Corinna van Dalen und Ingeborg Bachmann. Der geographische und zeitliche Radius wird nun deutlich ausgeweitet. Der Autor führt uns zu länger zurückliegenden Ereignissen und in fernere Regionen. In einigen seiner Reiseerzählungen nimmt er mit Hilfe seiner Protagonisten sogar einen roten Faden auf, den er durch deren wiederholtes Auftreten in loser Abfolge weiter knüpft.
„Für eine glückliche Kindheit ist es nie zu spät“ ist der letzte Abschnitt übertitelt, dem passenderweise ein Proust-Zitat aus dem berühmten „À la recherche du temps perdu“ vorangeht. Hassler nutzt diesen Raum für Familien- und Kindheitserzählungen.
Uwe Hassler ist kein Erzähler, der sich oder seinen Leser:innen Zeit lässt. Direkt mit dem ersten Satz springt er in die jeweilige Geschichte, in ein neues Setting, eine andere Zeit, einen fremden Kontext. Und jedes Mal gelingt es ihm sein Publikum mitzunehmen.
Sein Stil ist atmosphärisch kompakt, das Handeln der Protagonisten treibt die Erzählung zügig voran. Emotionalität erzeugt er durch seine behutsam nuancierten Beschreibungen. Der jeweilige Schauplatz spielt dabei stets eine große Rolle. Seine Kulisen sind immer Teil der Inszenierung, egal ob ein reisender Protagonist im tropischen Regenwald „Teil des Regens sein“ will, ein Großstädter seine Einsamkeit in der sozialen Kälte des Frankfurter Hauptbahnhofs gespiegelt sieht („Ausgetrunken“) oder der lebensgefährliche Aufenthalt unter den Schienen eines Eisenbahnviadukts einem Jugendlichen in „Aus dem Leben eines Taugenichts“ das süchtig machende Gefühl lebendig zu sein schenkt.
Fazit: Hasslers Erzählungen bieten sehr abwechslungsreiche Lektüreerlebnisse, die durch das hohe sprachliche Niveau auch anspruchsvolle Leser:innen überzeugen werden.
- Autor: Uwe Hassler
- Titel: Kurze Beine
- Verlag: edition federleicht
- Erschienen: August 2025
- Einband: Taschenbuch
- Seiten: 167 Seiten
- ISBN: 978-3689350147

Wertung: 13/15 dpt







