Sabine Hofmann – Weiße Westen, schwarze Nächte (Buch)

Die 1960er Jahre werden lebendig

Essen, 1966. Hedwig „Hedy“ Voss hat von einem ehemaligen Polizisten ihr Handwerk gelernt und verdient sich als Einbrecherin ihren Lebensunterhalt. Zudem benötigt sie Geld, da ihre Schwester Elsa in einer privaten Klinik untergebracht ist, um einmal mehr ihre Tablettenabhängigkeit zu bekämpfen. Ihr neuester Bruch führt sie in den vornehmen Stadtteil Bredeney, wo sie im Haus des pensionierten Oberregierungsrates Bernhard Seufert neben einigen Schmuckstücken auch dessen Notizbuch entdeckt, in dem sie später Hinweise auf Schweizer Konten erhält. Wenige Tage später wird Elsa entlassen und blickt in besagtes Tagebuch und kommt auf eine schlechte Idee, um zum gemeinsamen Einkommen etwas beizutragen.

Seufert beauftragt einen Verwandten, einen früheren Polizisten, sein Notizbuch zu finden, welches weitere Begehrlichkeiten weckt. Seufert arbeitete im Verteidigungsministerium, das Referat für Sonderermittlungen untersucht einen großen Bestechungsfall im Zusammenhang mit Rüstungsgeschäften. Im Mittelpunkt steht die Firma MGO, Messgeräte Offenbach, die hochwertige Messtechnik für den Flugverkehr herstellt. Zudem kommt es immer wieder zu Abstürzen des Starfighter, was für politische Schlagzeilen sorgt.

„Industrie oder Stasi?“

„Schwer zu sagen. Aber was heißt schon oder, nicht wahr?“

„Was meinen Sie damit?“

„Womit?“

Der eigentlich im Einbruchsdezernat tätige Kommissar Hans Wittkamp wird kurzfristig zur Mordkommission abberufen, nachdem ein Ehepaar tödlich verunglückt. Auf der Hardthöhe soll er im Verteidigungsministerium ermitteln und Akteneinsicht nehmen, muss aber schnell feststellen, dass seine vermeintliche Hilfe dort nicht besonders gewünscht ist. Derweil erkennt Hedy, dass Elsa die beiden Schwestern in große Gefahr gebracht hat. Aber wer ist eigentlich hinter dem Notizbuch her und vor allem, wer ist der gut aussehende Peter Mahlke, ihr Gelegenheitsliebhaber wirklich? Ist er ein Spion und wenn ja für welchen Dienst?

Meisterdiebin Hedy Voss. Neue Serienheldin?

Zuletzt erschien zwischen 2021 und 2023 von Sabine Hofmann die „Edith – Eine Frau geht ihren Weg“-Reihe, bestehend aus den drei Romanen „Trümmerland“, „Totenwinter“ und „Kopfgeld“, welche in den Jahren 1946 bis 1948 in Bochum spielen. Hauptfigur ist Edith Marheinecke, die in dem hier vorliegenden Werk einen Mini-Gastauftritt – natürlich – als Fotografin hat.

Den unteren Weg, hatte Günther gesagt. Keinen Ärger, keine Konflikte. Weil alles in einer Grauzone stattfand, in der es leicht politisch werden konnte. Und politisch war immer schlecht.

„Weiße Westen, schwarze Nächte“ wird auf dem Buchrücken als „erster Fall für die Meisterdiebin Hedy Voss“ beworben, was weitere Bände vermuten lässt. Vorweg, es wäre keine schlechte Entscheidung, denn der Roman hat durchaus seine Stärken. Zunächst kommt er etwas „unsortiert“ daher, bruchstückhaft werden einzelne Szenarien erzählt, deren Zusammenhänge zunächst einmal offenbleiben. Langsam nimmt die Geschichte Tempo auf, dann allerdings ordentlich. Es kommt zu Toten und Verletzten, Verfolgungsjagden und immer wieder die Frage nach den Zusammenhängen. Sind hier gar Spione der Stasi im Einsatz, die sich als Romeos vor allem an Sekretärinnen in einflussreichen Positionen bei wichtigen Firmen oder Regierungsbehörden heranmachen?

Jupp fuhr ein, kroch untertage und wusste, worauf es hinauslaufen konnte: Staublunge und Invalide wie der Vater. Unfall, weil der Berg runtergekommen war, Bein ab und invalide wie der Nachbar zwei Häuser weiter. Die neue Variante war: Feierschicht, immer wieder Feierschicht und schließlich arbeitslos.

Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Sabine Hofmann ihre spannende Geschichte, die, neben dem kriminellen Plot, vor allen gekonnt Einblicke in die Atmosphäre der 1960er Jahre gibt. Alte Seilschaften, ein konservatives Frauenbild und sterbende Zechen dominieren das Bild. Allerdings zeigen gerade die Zechen, dass etwas im Wandel ist. Die 1960er Jahre stehen für Aufbruch, es geht vorwärts, da dürfen selbst die Beatles nicht fehlen. Und Willy Brandt, schließlich ist Wahlkampf. Da zudem Wirtschaftsspionage und Rüstungstransporte thematisiert werden, die realen Vorfälle werden im Nachwort genannt, bleibt naturgemäß vieles im Unklaren, denn natürlich lassen sich einflussreiche Beamte, Verbrecher und Spione nur bedingt in die Karten schauen. Dies gilt ebenso für die Protagonistin Hedy Voss, die ihrem Peter eine Rolle vorspielt; was auf Gegenseitigkeit beruht.

Der Plot weicht ein wenig vom üblichen Mainstream ab, einiges bleibt am Ende offen, man mag sich seine Gedanken machen und es sich zusammenreimen. Immerhin, Hedy und Elsa überleben und werden am Ende das nötige Kleingeld für einen Neustart haben. Auf die Fortsetzung darf man gespannt sein.

  • Autorin: Sabine Hofmann
  • Titel: Weiße Westen, schwarze Nächte
  • Verlag: atb
  • Umfang: 351 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Mai 2026
  • ISBN:  978-3-7466-4246-8
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

Teile diesen Beitrag:
Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
0
Share