„Die Legende der weißen Schlange“ erzählt von einer weißen und einer grünen Schlange, die ihre Gestalt ändern und zu Menschen werden können. Amanda Lee Koe überträgt diese bekannte Geschichte der chinesischen Mythologie mit „Sister Snake“ in unsere Gegenwart. Die Konflikte, denen die weiße Schlange Bai Suzhen und ihre grüne Schwester ausgesetzt sind, sind ähnlich – ihre Ausprägung jedoch eher modern, und aus der hoffnungsvollen Lovestory wird eine Geschichte, die den Fokus mehr auf die Beziehung zwischen den beiden Schlangen legt.

Emerald und Su leben seit Jahrhunderten in menschlicher Gestalt. Einst unzertrennlich, haben sie sich mittlerweile geografisch und auch hinsichtlich ihres Lebensstils voneinander entfernt. Emerald lebt ein wildes, ungezügeltes Leben in New York City und denkt nicht an morgen. Su ist die Ehefrau eines hohen Parteimitglieds in Singapur und das Klischee einer perfekten Ehefrau. Nachdem Emerald sich, wieder einmal, in Gefahr begibt, überredet Su sie dazu, mit ihr nach Singapur zu kommen – nichtsahnend, was Emerald wildes und unangepasstes Wesen auslösen wird und wie sie ihre wohlgeordnete Realität auf den Kopf und in Frage stellen wird.
Emerald und Su könnten unterschiedlicher nicht sein: Su ist kontrolliert, bestens organisiert, auf jede Eventualität vorbereitet und abgesichert, und vor allem immer darauf bedacht, nicht aufzufallen, nicht anzuecken und somit ganz und gar menschlich zu wirken. Emerald ist das Gegenteil – es war nie ihr größter Wunsch ein Mensch zu sein, sie passt sich nur notgedrungen an, hat sich ihre animalischen Triebe erhalten und fällt gerne auf.
„Sei ehrlich, du hältst mich nicht für einen Freak?“
„Und was, wenn du einer bist?“, entgegnet Bartel. „Solange du du bist, ist das alles was zählt, oder?“
Anhand der Beziehung dieser beiden unterschiedlichen Schwestern, die scheinbar nicht mit und nicht ohne einander können, macht die Autorin einige gesellschaftspolitische, und in der heutigen Zeit relevante, Themen auf. Es geht um Konformität vs. individueller Entfaltung, um Macht vs. Freiheit, um Queerness, rassistische Diskriminierung, den Wunsch dazu zu gehören vs. man selbst sein können, um weibliche Solidarität und sehr oft um Kritik am patriarchalen, homophoben System in Singapur und patriarchale Gewalt im Allgemeinen. Positiv besetzte heterosexuelle und männliche Figuren gibt es keine, Männer dienen eher als Antagonisten – und trotzdem wirkt die Geschichte nicht überzeichnet.
Er denkt daran, dass sie niemals eigene politische Ansichten äußert und dies ein Teil dessen ist, was sie zur perfekten Frau macht. Eine Frau, die froh, ja dankbar ist, in allen Belangen seiner Führung zu folgen, die anerkennt, dass er es besser weiß, die versteht, dass sein Mikromanagement aus tiefer Fürsorge kommt.
Der Schwerpunkt des Buches liegt für mich stattdessen auf der weiblichen Solidarität. Können entzweite Schwestern wieder zueinander finden, wenn die Umstände es verlangen? Was kann man einer Schwester verzeihen und was nicht? Kann man Frauen, die man gerade erst kennengelernt hat, vertrauen? Das Buch hat hierfür keine klaren Antworten, hat mich aber zum Nachdenken angeregt, mit einigen Plottwists zum Ende hin sehr aufgewühlt und hat definitiv nicht den Anspruch einer Feelgood-Story.
Sehr schön fand ich auch, wie die ursprüngliche Legende in Rückblenden eingewebt wurde und dass Emerald und Su auch in der aktuellen Gegenwart ihre wahre „Haut“ nie ganz „abstreifen“ können (tun intented). Dadurch reißt das Buch die Grenzen von der Gegenwartsliteratur zur Fantasy ein. Wem schon magischer Realismus zu „abgedreht“ ist, sollte besser nicht zu diesem Buch greifen.
Genauso wenig sei Schlangenphobiker*innen das Buch ans Herz gelegt – außer vielleicht zu Selbtstherapiezwecken. Eigentlich sollten Titel und Klappentext das schon aussagen, ich selbst bin aber auch etwas blauäugig herangegangen und musste manches Mal meinen ausgeprägten Ekel vor Schlangen überwinden.
Nichtsdestotrotz hat mir das Buch enorm gut gefallen, ich mochte die Queerness, den female rage und die popkulturellen Referenzen sehr und hab große Lust, weitere Bücher der Autorin zu lesen!

Wertung: 13/15 dpt
- Autor: Amanda Lee Koe
- Titel: Sister Snake
- Originaltitel: Sister Snake
- Übersetzer: Zoë Beck
- Verlag: Culturbooks
- Erschienen: 04/2026
- Einband: Hardcover
- Seiten: 328
- ISBN: 978-3-95988-252-1
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