Stephan Orth – Couchsurfing in Russland (Buch)

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Stephan Orth legt mit „Couchsurfing in Russland“ einen ungewöhnlichen Reisebericht über eine zehnwöchige Reise von Moskau nach Wladiwostok vor, bei der er nicht etwa in Hotels, sondern bei den Einheimischen zu Hause lebte und den Versuch unternahm, Land und Leute besser zu verstehen. Wie sehr das eine oft untrennbar mit dem anderen verbunden ist, zeigt das Buch anhand zahlreicher interessanter Einblicke, die mal lustig, mal verwirrend mal ein wenig beängstigend sind.

Der Autor arbeitete für Spiegel Online im Reiseressort und hat nicht nur in dieser Funktion bereits mehr als ein Jahrzehnt Erfahrungen als Couchsurfer gesammelt. Neben dem vorliegenden Buch hat der 1979 geborene Schriftsteller mit „Couchsurfing im Iran – Meine Reise hinter verschlossenen Türen“ bereits einen ähnlich gelagerten Titel bei MALIK veröffentlicht. 2016 kündigte Stephan Orth seinen Job und ist seitdem als freier Journalist tätig. Im März 2017 erschien „Couchsurfing in Russland – Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde“.

Ich durfte selbst einmal eine kurze Zeit in Russland arbeiten und war gespannt darauf, zu lesen, welche Eindrücke der Autor während seiner Reise durch dieses riesengroße, über verschiedene Zeit- und Klimazonen, Länder und Kulturkreise hinwegreichende Land gewonnen hat. Vor wenigen Monaten hat sich Russland während der Fußballweltmeisterschaft vielleicht für den einen oder anderen Westeuropäer gar nicht so weit weg angefühlt, wie es sonst erscheinen mag. Getreu dem Motto ‚Ich glaube nur, was ich selbst sehe.‘ hat sich der Autor entschlossen, kurzerhand hinzufahren und sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Vor Ort meint dabei von Couch zu Couch in den Gäste- und Wohnzimmern verschiedenster Gastzimmer von St. Petersburg bis Jakutsk.

Gewusst wie

Interessant ist nicht nur die Idee zum Buch an sich. Für die Aufmachung gebührt den Kreativen bei MALIK Respekt: Der vordere und hintere Teil des Buchumschlags enthält eine in dunklem rot gestaltete, an Indiana Jones erinnernde Landkarte mit der Reiseroute des Autors und einigen beeindruckenden Eckdaten, die Lust auf mehr machen: zehn Wochen, 24 Gastgeber, insgesamt 21.583 km, und dann nach Verkehrsmitteln aufgeschlüsselt. Die einzelnen Stationen sind mit zu Beginn nichtssagenden Piktogrammen versehen, die erst im Laufe der Lektüre einen Sinn ergeben. Wie so manche Episode der Reise, so erinnert auch das an einen fantastischen Roman, in dessen Umschlag der Schauplatz des Geschehens kartographisch erfasst ist.

Jeder Station der Reise ist ein eigenes Kapitel gewidmet an deren Anfang eine kleine Grafik zeigt, wo in Russland der Autor sich derzeit befindet. Vereinzelt illustrieren Schwarzweißfotos das Geschriebene, und im Stil einer Reportage laden zwei große farbige Bildstrecken im Buch zum Vorblättern oder Nachschlagen ein. Es ist kostbar, zu einigen der Geschichten die Gesichter zu sehen oder einen fotografischen Eindruck der Lebensumstände vor Ort zu bekommen. Eine ungemein hochwertige Ausstattung für ein Paperback-Buch.

Zum Inhalt

Doch nun mit etwas Verzögerung zum Inhaltlichen: Stephan Orth nimmt den Leser mit auf eine abenteuerliche, seltsame, teilweise beängstigende aber in großen Teilen urkomische Reise durch Russland. Die Einblicke in manche der Couchsurfing-Profile und die anschließende Vorstellung der jeweiligen Gastgeber aus Sicht des Autors zählen zu meinen absoluten Lieblingsstrecken des Buches. So erfährt man beispielsweise gleich auf den ersten Seiten, dass der Satz „Ich bin offen, unkompliziert, mag Reisen und freue mich, neue Leute kennenzulernen.“ für einen potentiellen Gastgeber so etwas bedeuten kann wie „Ich bin ein fauler Idiot.“ Der Autor versteht es hervorragend, nicht zu verurteilen, sondern mit einem Augenzwinkern zu erzählen und seinen Standpunkt zum einen oder anderen Thema dennoch deutlich zu machen, ohne allerdings allzu politisch zu werden.

Die Reise nach Russland fand im Spätsommer 2016 statt, als das westeuropäisch-russische Verhältnis einmal mehr einen Tiefpunkt erreicht hatte. Was liegt also näher als sich selbst eine Meinung zu bilden? Dem weniger russlandkundigen Leser und den einen oder anderen Russlandexperten gleichermaßen kann möglicherweise das in Form von Infokästen eingestreute ABC mehr oder minder nützliche, aber meist sehr unterhaltsame Kneipenfakten an die Hand geben. Beispiel gefällig? Der Juckreiz wird in Russland als Zeichen für ein anstehendes Ereignis betrachtet. Wo es juckt, spezifiziert das Ganze sogar: Nase – Besäufnis folgt, Fußsohle – Reise, Lippe – Kuss, linke Hand – Geld und so weiter. In eine ähnliche Kerbe wie die als Infokästen getarnten Fun Facts über das größte Land der Welt schlagen die „Wahrheiten“ am Ende jedes Kapitels, die eher subjektive Erkenntnisse des Autors darstellen. Beispiel: „Je größer dein Charisma, desto mehr Binse darf deine Weisheit enthalten.“

Ein Lehrstück in punkto Offenheit

Im Verlauf des Buches ergibt sich durch die ganz unterschiedlichen Abschnitte der Reise ein Blumenstrauß verschiedenartig gelagerter kurzweiliger Geschichten. Das reicht von Sequenzen, die an ein Roadmovie erinnern (ein weiteres Highlight dabei ist das Quiz zu den interkulturellen Unterschieden beim Autofahren) über Beschreibungen des Gesehenen wie in einem klassischen Reisebericht bis hin zu kleinen Exkursen in die politischen und gesellschaftlichen Besonderheiten Russlands. Warum findet Putin so breite Zustimmung in Russland? Wie funktionieren unabhängige Nachrichten in einem Land, dessen Politiker mitunter mit Methoden arbeiten, bei denen sich westeuropäische Politiker und Menschenrechtler die Haare raufen? Die eine oder andere Abweichung von dem, was in Westeuropa für den stets richtigen Weg halten, kann man vielleicht sogar nachvollziehen, wenn man den Kontext betrachtet. Russland selbst ist so groß, dass es schon innerhalb des Landes zu so viel Ungleichheit und Konfliktpotential kommt, dass Probleme entstehen, die wir in Deutschland so vielleicht gerade erst kennen lernen, oder die bei uns schon ausgefochten sind. Ein Beispiel aus den ABC-Infokästen dazu: Queer bezeichnet in Russland beispielsweise eine “Vorliebe für eine nicht traditionelle Sexualpartnerwahl, die erst seit 1999 nicht mehr auf der Liste der Geisteskrankheiten steht, aber weiterhin als behandelbar gilt.“

Fazit

Ungeheuer kurzweilig und beinahe heimlich lehrreich ist das, was Stephan Orth den interessierten Lesern nach seiner Reise durch Russland mit diesem Buch vorlegt. Der feine Sinn für Humor, ohne jemals plump zu werden, gepaart mit interessanten Blicken über den Tellerrand und die schicke Aufmachung des Buches mit Landkarte und zahlreichen Fotos tun ihr Übriges. Klare Kaufempfehlung.

Cover © Malik Verlag

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

David J. Weigel


Zur Zeit darf ich im schönen Hannover studieren… Das ist diese unscheinbare aber irgendwie sympathische Halbmillionen-Stadt an der A7 zwischen den großen Metropolen. Besonders im Spätsommer, da kann man Glühwürmchen im Stadtpark sehen…

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Stephan Orth – Couchsurfing in Russland (Buch)…

von David J. Weigel Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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