Reise in die Vergangenheit

Ende April 2007. In seinem Haus in Kelkheim wird David Josua Goldberg tot aufgefunden. Der Genickschuss wirkt wie eine Hinrichtung, aber wer sollte einen 92-jährigen Mann ermorden? Und warum erst in diesem Alter? Goldberg war Jude, überlebte den Holocaust und war als großer Mäzen in Frankfurt bekannt. Außerdem lebte er Jahrzehnte in Amerika, gehörte zum Beraterstab eines US-Präsidenten. Hauptkommissar Oliver von Bodenstein von der Kripo Hofheim kann das geplante Wochenende mit seiner Familie vergessen und übernimmt mit seiner Kollegin Pia Kirchhoff den Fall, der sich rasant entwickeln soll. Dr. Henning Kirchhoff, Pias Ex-Mann und Leiter des Zentrums für Rechtsmedizin in Frankfurt, findet bei der Obduktion Spuren einer Blutgruppentätowierung am Oberarm, wie sie nur Angehörige der Waffen-SS hatten. Doch wie kann das sein?
„Wenn Sie nicht wüssten, um wen es sich hier auf Ihrem Tisch handelt, was würden Sie vermuten?“
„Dass der Mann in jüngeren Jahren ein Mitglied der SS gewesen ist. Und zwar ziemlich von Anfang an. Später wurden die Tätowierungen in lateinischer Schrift vorgenommen, nicht in altdeutscher.“
Bereits am nächsten Tag ist man den Fall schon wieder los, denn der Sohn des Toten, Sal Goldberg, reist mit zwei CIA-Beamten aus Amerika an, um den Leichnam seines Vaters umgehend beisetzen zu können. Zudem befiehlt Nierhoff, Chef von Bodenheim und Kirchhoff, die Ermittlungen sofort einzustellen. Doch nur zwei Tage später gibt es den nächsten Toten in Kelkheim. Hermann Schneider, 86 Jahre alt, wurde ebenfalls mit einem Genickschuss getötet. Wie schon bei Goldberg, findet sich zudem die Zahl „16145“ am Tatort, die den Ermittlern Rätsel aufgibt. In Schneiders Keller findet sich eine große Sammlung von Nazi-Material. Originalflaggen, von Hitler unterzeichnete Bücher und vieles mehr.
Eine erste Spur führt zu der in Frankfurt honorigen Industriellen Vera Kaltensee, die monatlich fünftausend Euro auf ein Schweizer Konto von Schneider überwies. Auch mit Goldberg war sie bestens bekannt. Je mehr Bodenstein und Kirchhoff zur Familie Kaltensee und deren Umfeld ermitteln, desto mehr Abgründe öffnen sich. Währenddessen geht das Morden munter weiter.
Dritter Fall für Oliver von Bodenstein und Pia Kirchhoff
„Tiefe Wunden“ erschien erstmals 2009 bei List und ist der dritte Teil der Bodenstein-Kirchhoff-Krimis, der en bereits zwölfter Band „Alles wird Asche“ soeben erschienen ist. Die gesamte Reihe erscheint in zwischen bei Ullstein.
Obwohl das erste Opfer angeblich den Holocaust überlebte, dauert es recht lang, bis die Ermittler erkennen, dass die am Tatort markierte Zahl 16145 womöglich eine Spur in das Jahr 1945 sein könnte. Damit beginnt nicht nur der Einstieg in eine Reise in die Vergangenheit und die letzten Kriegsmonate, sondern auch ein wahrer Albtraum. Denn nichts scheint hier zu passen, was schon mit der Blutgruppentätowierung anfängt. So stellt sich heraus, dass der echte Goldberg 1945 in einer Gaskammer eines KZ ermordet wurde. Ähnlich „verwirrend“ wird es auch bei zahlreichen anderen Figuren.
Die Geschichte ist von Beginn an recht unübersichtlich, da schnell zahlreiche Personen auftauchen. Da wären die beiden Söhne von Vera Kaltensee und die ehrgeizige Tochter Jutta sowie der uneheliche Sohn von Veras Mann Eugen, der vor langer Zeit bei einem angeblichen Unfall starb. Thomas Ritter, einst engster Mitarbeiter von Vera, sowie Katharina Ehrmann, einst beste Freundin von Jutta, haben großen Groll die Familie Kaltensee, die sie inzwischen verachten und mittels eines Enthüllungsbuches vernichten wollen. Weitere Personen wirken mit, weitere Morde geschehen. Wer nicht aufmerksam liest, droht den Überblick zu verlieren. Es ist durchaus gekonnt konstruiert, gleichwohl verdient die Autorin Respekt, dass sie am Ende die einzelnen Fäden zu einem großen Ganzen zusammenführen kann. Ein bisschen weniger Durcheinander und Überraschungen, wäre durchaus in Ordnung gewesen.
Derweil entwickelt sich das Leben der beiden Protagonisten weiter. Bodenstein wurde überraschend noch mal Vater, obwohl er bereits zwei Kinder im Alter von neunzehn und dreiundzwanzig Jahren hat. Pia hat nach der Trennung von Henning einen neuen Partner und trifft zudem auf ihre alte Schulfreundin Miriam Horowitz, die, wie es ein weiterer „Zufall“ will, im Fritz-Bauer-Institut arbeitet. Später wird sie nach Polen reisen, um dort den Spuren der Familie Kaltensee nachzugehen. Es wird sich zeigen, wie mehrere Menschen versuchten, den Krieg zu überleben und noch dazu für ihre Zwecke zu nutzen. Denn so viel ist schnell klar, nicht nur Goldberg war nicht der, für den man ihn viele Jahre gehalten hat.
Im späteren Verlauf wechselt die im Jahr 2007 spielende Geschichte verstärkt mit Rückblicken in das Jahr 1945 und bietet dabei, neben viel Privatleben der Ermittler und Nebenfiguren, durchgehend reichlich Action. Es sind die genreüblichen Zutaten, die hier gekonnt verrührt werden, allerdings „mit etwas zu viel von allem“. Ein spannender Pageturner ist Nele Neuhaus, eine der erfolgreichsten deutschen Krimiautorinnen der Gegenwart, aber zweifellos gelungen.
- Autorin: Nele Neuhaus
- Titel: Tiefe Wunden
- Verlag: Ullstein
- Umfang: 480 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: August 2023
- ISBN: 9783548068749
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Wertung: 11/15 dpt







