Eines der Highlights des Jahres

Charlottenburg. Unter der Caprivibrücke wird im Österreichpark ein toter Mann gefunden. Jawed Saidi, afghanischer Flüchtling, trug zum Zeitpunkt seiner Ermordung, Hinrichtung durch Kopfschuss trifft es besser, eine Uhr im Wert von rund dreitausend Euro. Kriminalkommissaranwärterin Nihal Khigarian steht vor einem Rätsel, hat jedoch den Kopf auch mit sonstigen Problemen reichlich gefüllt. Ihr Vater liegt krebsbedingt im Sterben, ihr Bruder Jamie sitzt in der JVA Plötzensee, nachdem er eine Tankstelle überfallen und beim Fluchtversuch einen Polizisten angeschossen hat. Fünf Jahre Haft, so das Urteil, dabei war es Nihal, die ihren Bruder überführte.
„Wenn das ich wäre, dann würdest du jetzt auch was von Südländerin murmeln.“
„Und?“
„Da drüben bin ich zur Welt gekommen, im Martin-Luther. Hab die Alpen noch nie von der anderen Seite gesehen.“
Der mächtige Bordellbesitzer und Unterweltboss King Charles, sieht derweil sein Drogengeschäft in Gefahr, denn Jawed war einer seiner Kuriere. Eine neue, bessere Ware drängt auf den Markt. Ein Kontaktmann bei der Organisierten Kriminalität soll Informationen beschaffen, doch dieser tappt im Dunkeln. Derweil steht Nihal vor dem nächsten Problem, denn Saad ist mit seiner fünfjährigen Tochter Leila aus Hamburg nach Berlin zurückgekehrt, dabei hatten sie zu Dritt vor nicht allzu langer Zeit die Flucht dorthin geschafft. Saad arbeitet nach Vermittlung seines Freundes Mohammed in einer zwielichtigen Spedition, wo die neuen Drogen umgeladen und in der Stadt verteilt werden. Der neue Player kommt aus Marseille und ist für Saad kein Unbekannter. Bald droht die Lage zu eskalieren, während sich Saad und Nihal ihrer gegenseitigen Gefühle unsicher sind.
Zweiter Fall für Kommissaranwärterin Nihal Khigarian
Nach „Die Guten und die Toten“, unter anderem dritter Platz beim Deutschen Krimipreis 2023, ist „Die Toten von morgen“ die kongeniale Fortsetzung des action- und temporeichen Thrillers von Kim Koplin, hinter dessen Pseudonym sich der deutsche Autor Edgar Rai versteckt. Es geht erneut nach Berlin, wo deren Unterwelt unter Führung von King Charles plötzlich Konkurrenz von der Drogenmafia aus Marseille erhält. Somit gibt es, wenig überraschend, ein Wiedersehen zwischen Saad und jenem Mann, der für den Tod seiner Frau verantwortlich war. Dass zudem Mohammed, Saads bester Freund, wieder mitwirkt, gibt zusätzlich Grund zur Besorgnis, denn im ersten Fall zerstückelten die beiden auf Mohammeds Plantage die Leichen der Männer, die Saad zuvor ermordete. Er hielt sie für Todesboten aus Frankreich.
Die Wahrheit ist: Oben in den Cités verdienen Jungs wie der, dem er vorhin in den Kopf geschossen hat, das Geld, das er hier unten ausgibt, mit Blick aufs Meer, damit er die Scheiße in seinem Rücken nicht riechen muss. Gibt Leute, die würden darin etwas Schizophrenes erkennen.
Das Figurentableau ist aus dem Vorgänger bestens bekannt und so folgen wir einmal mehr der besonderen Beziehung von Saad und Nihal, die vor allem durch die fünfjährige Leila geprägt ist. Diese ist ein wenig zu schlau für ihr Alter, sorgt damit aber für zusätzliche Erheiterung. Überhaupt bieten die Romane von Kim Koplin durch ihren eigenwilligen Erzählstil, es wird die Sprache der Straße gesprochen und dies mit arabischen Einschlag, hohen Unterhaltungswert. Neben vielen Dialogen gibt es reichlich Action, wobei die meist kurzen Kapitel mit wechselnden Hauptfiguren, für ordentlich Lesetempo sorgen. Zudem sind die Szenen meist filmreif „geschnitten“.
Sie richtet den Blick zurück, sucht das grünliche Leuchten, und dann erkennt sie, was es ist: ein E-Scooter. Da hat jemand einen E-Scooter versenkt. Ist keine Seltenheit in Berlin: Ey, Bro, schau mal, ‘ne Brücke. Ja, geil, und da is’n E-Scooter. Krass, Alter, lass rüberschmeißen.
Neben dem Krimiplot, dessen finale Gewalteruption man ein wenig erahnen mag, überzeugt die Metropolstadt an der Spree, insbesondere Charlottenburg, für eine bildgewaltige Kulisse.
High Noon in Berlin, U-Bahnhof Osloer. Es riecht nach Hundescheiße, Menschenpisse, schlecht verbranntem Diesel und dem Grillfleisch vom Hakiki-Imbiss. Willkommen zu Hause.
Figurenzeichnung, Plot, Dialoge und die gesamte Szenerie greifen wunderbar ineinander. Gerne kann die Serie weitergehen, denn „Die Toten von morgen“ sind schon jetzt ein Highlight des Jahres. Ein Eintrag in der Krimibestenliste dürfte nicht lange auf sich warten lassen. „Die Guten und die Toten“ (eine Verfilmung für Netflix ist in Vorbereitung) schaffte es im Juni 2023 auf Platz 1.
- Autor: Kim Koplin
- Titel: Die Toten von morgen
- Verlag: Suhrkamp
- Umfang: 270 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Mai 2026
- ISBN: 978-3-518-47544-7
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Wertung: 13/15 dpt







