Banana Yoshimoto – Kitchen (Buch)

Es gibt Bücher, die sich nicht laut bemerkbar machen. Sie schreien nicht, sie drängen sich nicht auf – und bleiben doch lange im Gedächtnis. Kitchen, das Debüt der japanischen Autorin Banana Yoshimoto aus dem Jahr 1988 – die deutsche Ausgabe erschien 1994 im Diogenes Verlag – ist so ein Werk: zart, still und zugleich tief bewegend und nur 208 Seiten kurz.

Im Zentrum der Erzählung steht Mikage, eine junge Frau, die nach dem Tod ihrer Großmutter – ihrer letzten Bezugsperson – vollkommen allein ist. Ihr einziger Zufluchtsort ist die Küche, ein Raum, der für sie mehr bedeutet als Kochen: ein Ort der Ruhe, des Lebens, des Überlebens. Schon auf den ersten Seiten spürt man, wie viel Wärme Yoshimoto dieser vermeintlich banalen Umgebung verleiht, denn sie lässt Mikage direkt in der Küche zur Ruhe kommen und sogar vor dem Kühlschrank einschlafen. Die Autorin gibt direkt auf den ersten Seiten zu verstehen, dass Trost oft in den kleinen Dingen liegt.

Mikages Leben nimmt eine unerwartete Wendung, als sie beim zurückhaltenden Yūichi und dessen charismatischer Mutter Eriko Unterschlupf findet – wobei „Mutter“ in diesem Fall mehr ist als eine bloße Familienrolle. Eriko ist eine trans Frau, deren Präsenz im Buch kraftvoll, aber nie überzeichnet wirkt. Yoshimoto zeichnet sie mit viel Empathie – ohne Klischees, dafür mit Tiefe und Respekt. Schnell vergisst man anhand dieser aktuellen Thematik, dass dieses Werk bereits Ende der Achtziger Jahre erschienen ist.

Telefonmasten, Straßenlaternen, parkende Autos, der schwarze Himmel: Dinge, die ich täglich sah, nahm ich plötzlich nur ganz verschwommen wahr. Undeutlich, doch unzweifelhaft schön, schimmerten sie wie aus Nebelschwaden hervor, um dann überraschend ganz vor mir aufzutauchen. Ich spürte, dass es mir immer schwerer viel, die meinem Körper entströmende Energie zurückzuhalten. Sie entschwand mit einem zischenden Geräusch im Dunkel.“S. 63, Kitchen

Banana Yoshimotos Sprache ist nie ausufernd oder von Pathos geprägt. Ihr Ausdruck wirkt schlicht, elegant und manchmal sogar fast nüchtern und steckt dennoch voller Gefühlt. Ihre Worte dringen nicht sofort unter die Haut, sondern setzen sich langsam fest und man fühlt sich der Protagonistin Mikage mit jedem Wort ein Stück näher verbunden und auch nicht selten wie sie selbst: ein wenig verloren, ein wenig hoffnungsvoll, irgendwie zwischen Schmerz und Neuanfang.

Auch die zweite, kürzere Erzählung im Band, Moonlight Shadow, kreist um Verlust, Trauer und das Weiterleben. Sie kommt etwas mystischer, poetischer, aber nicht weniger einfühlsam daher. Beide Geschichten verbindet eine leise Melancholie – und das tiefe Verständnis dafür, dass das Leben trotz aller Verluste weitergeht. Vielleicht nicht gleich, vielleicht nicht leicht – aber doch irgendwie.

Als Highlight gibt es am Ende beider Geschichten noch ein umfassendes Nachwort von der Autorin selbst, in der sie auf den Hintergrund der beiden Geschichten eingeht und diese kommentiert – sehr spannend und lesenswert.
Kitchen ist kein Buch, das auf große Handlung oder dramatische Wendungen hoffen lässt. Banana Yoshimotos Debut ist ein zartes, tröstendes Werk über das Alleinsein, über neue Nähe – und darüber, wie heilend eine Tasse Tee oder eine warme Küche sein kann.

  • Autorin: Banana Yoshimoto
  • Titel: Kitchen
  • Originaltitel: キッチン
  • Übersetzer: Wolfgang E. Schlecht
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 1988 (deutsche Ausgabe 1994)
  • Einband: Softcover
  • Seiten: 208
  • ISBN: 978-3-257-22700-0
  • Produktseite

Wertung: 15/15 dpt

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