Junge Frauen verschwinden, damals wie heute

Noora Yun Sande ist neu in der Dienststelle in Bodø, dem Hauptsitz des Polizeidistrikts Nordland, wobei sich lediglich Dezernatsleiter Konrad Rakstad die Frage stellt, was die junge Kollegin zu diesem Schritt bewogen hat. Warum lässt sich eine Polizistin mit besten Karrierechancen aus Oslo in das kleine Bodø versetzen? Normalerweise läuft es genau andersherum. Und wieso wurde Rakstad eigentlich bei der Stellbesetzung von Polizeichefin Vigdis Telle übergangen, ja, nicht einmal gefragt, schließlich hatte er eine andere Kandidatin vorgesehen?
Diese Fragen stellen sich Jakob Weber, Nooras neuem Partner, nicht, zumal sich die Ereignisse zu überschlagen drohen. Von wegen ruhige Provinz. Ermittler Armann Femris untersucht den Leichenfund einer Ukrainerin auf der Insel Lop, was allerdings nach einem Selbstmord aussieht. Derweil verschwindet die junge Iselin Hanssen, die gerade ihre Zulassung an der Polizeischule Oslo angenommen hat, nach einer Wanderung. Die Suche bleibt zunächst erfolglos, zumal sich selbst ihr Freund Casper, Sohn des reichsten und einflussreichsten Mannes in Bodø, nicht gerade kooperativ verhält.
Das örtliche Medieninteresse gilt zunächst dem Besuch der einflussreichen Influencerin NatureLady, die über Bodø und die Lofoten berichten will. Zwei Tage nachdem Iselin vermisst wird, die Medien sind nun auf ihren Fall fokussiert, verschwindet auch NatureLady nach einer Wanderung auf der Insel Røst. Zu viel für die Handvoll Ermittler vor Ort, so dass Verstärkung aus Oslo angefordert wird. Eine Situation, die Noora unter allen Umständen vermeiden wollte.
Turbulenter, vielversprechender Serienstart aus Norwegen
In Norwegen ist Ørjan Nordhus Karlsson mit über zwanzig Büchern wohlbekannt. In Deutschland erscheint nun erstmals sein Thriller „Kalt wie die Luft“ bei Pendragon, der zugleich den Auftakt der Jakob-Weber-Reihe bildet. Die Fortsetzung „Dunkel wie die Nacht“ ist für den Herbst 2026 angekündigt. Man sollte sich übrigens nicht vom Buchtitel täuschen lassen, denn der Serienauftakt verdient durchaus Aufmerksamkeit.
Karlsson erzählt seine Geschichte in ruhigen Tönen, Action sucht man weitgehend vergebens, stattdessen brillieren die Landschaft und vor allem die Figurenbildung. Hierfür nimmt sich der Autor viel Zeit und lässt etliche Fragen lange unbeantwortet. Beispielsweise jene, nach Nooras Versetzung. Die zahlreichen, meist kurzen Kapitel sind immer einer Person zugeordnet, vor allem Jakob, Noora und Armann auf polizeilicher Seite. Es gibt aber zudem mehrere Nebenfiguren, die nicht ganz unerwartet als vermeintliche Täter in Frage kommen. Aber Täter wofür? Wurden Iselin und die Influencerin entführt, misshandelt, womöglich gar ermordet? Was hat es mit der ukrainischen Frau auf sich; war es Mord oder Selbstmord? Und dann wäre da noch ein neunzwanzig Jahre alter Cold Case, bei dem ebenfalls eine junge Frau verschwand, deren Leichnam bis heute nicht gefunden wurde. Sollte nach fast drei Jahrzehnten ein vermeintlicher Täter von damals nach so langer Zeit erneut zugeschlagen haben?
Fragen über Fragen und da haben wir noch gar nicht über die besagten Nebenfiguren gesprochen. Karlsson hält mehrere Spannungsbögen lange Zeit aufrecht, legt gekonnt einige Blindspuren und bietet eine Auflösung, auf die man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht kommen wird. Bis dahin sind mehrere Tote zu beklagen, zudem bleiben einige Fragen offen, was die Vorfreude auf den zweiten Band erhöht.
„Kalt wie die Luft“ ist ein mehr als gelungener, leicht ungewöhnlicher Thriller, der nicht nur, aber ganz sicher Fans skandinavischer Krimis gefallen wird, denn diese lieben bekanntlich private Probleme im Umfeld der Ermittler. Diese gibt es nicht nur bei Noora, sondern auch bei Jakob, der plötzlich mit einem ihm bis dahin gänzlich unbekannten Familienmitglied konfrontiert wird. Als wären die Ermittlungen nicht schon kompliziert genug. Klare Empfehlung!
- Autor: Ørjan N. Karlsson
- Titel: Kalt wie die Luft
- Originaltitel: Det siste stykket hjem. Übersetzt von Maike Dörries und Günther Frauenlob
- Verlag: Pendragon
- Umfang: 360 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Februar 2026
- ISBN: 978-3-86532-927-1
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Wertung: 12/15 dpt







