#FlotterReziDreier: Andreas Izquierdo – Der Club der Traumtänzer; Axel Klingenberg – Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!; Boris Vian – Der Schaum der Tage

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Cover v.l.n.r. © DuMont Buchverlag, Karl Rauch Verlag, Verlag Andreas ReifferWarum diese Kurzrezensionen?

An anderer Stelle ließ ich Euch ja bereits von meiner fast ein Jahr währenden, zuweilen fast vollständigen Lese- und Schreibblockade wissen, durch die sich sehr viele Rezensionsexemplare angehäuft haben. Daher wird es, um dem Stapel endlich mal Herr zu werden, in nächster Zeit immer mal wieder einen kleinen flotten Rezi-Dreier auf booknerds.de geben: Drei Kurzrezensionen zu Büchern, Hörbüchern Filmen, Serien, möglichst nach Medium sortiert

Buchcover v.l.n.r. © DuMont Buchverlag, Karl Rauch Verlag, Verlag Andreas Reiffer)

Andreas Izquierdo – Der Club der Traumtänzer

(DuMont Buchverlag, erschienen im  Oktober 2014, Paperback, 448 Seiten, ISBN 978-3-8321-6263-4, Produktseite, Erwerbsmöglichkeiten)

Ein Drecksack aus dem Bilderbuch ist er, der beim Unternehmen Clausen & Wenningmeier tätige Manager Gabor Schöning. Was dieser Narzisst will, kriegt er, und dabei ist er skrupellos. Es ist ihm gleichgültig, was oder wer auf der Strecke bleibt. Sein berufliches Know-How setzt er gezielt ein. Da er gut aussieht und seinen Charme gekonnt spielen lässt, ist es für ihn absolut kein Problem, auch in der Damenwelt erfolgreich zu sein. Alles schön unverbindlich und selbstverständlich, und das passt hervorragend in sein egoistisch-hedonistisches Weltbild. Und ein hervorragender Tänzer ist er ebenfalls. Sein größter Fan: Er selbst, denn für ihn ist es ein wichtiges Ritual, in trauter Einsamkeit in seinem Penthouse vor seinem riesigen Spiegel  zu lauter lateinamerikanischer Musik zu tanzen. Nackt. Doch als er sich eines Tages mit der Frau des alten Clausen vergnügt, die angeschickerte Dame vom Beifahrersitz aus auf Tauchstation in Richtung Fahrersitz geht und Gabor mit wohligen Gefühlen beschenkt, kommt dieser von der Fahrbahn ab – und fährt Kathrin, die Direktorin einer Sonderschule an. Von diesem Moment an dreht sich Gabors Leben komplett.

Die Direktorin werde von einer Anzeige absehen, wenn er dafür in seiner Freizeit fünf ihrer lernbehinderten Schülerinnen und Schüler Tango lehrt. Er hält das alles für einen schlechten Witz, doch Kathrin, die ihn für diese Forderung sogar mit Gips und Krücken an seinem Arbeitsplatz aufsucht, meint das völlig ernst. Diese Frau ist komplett durchgeknallt, findet er! Und so sieht sich Gabor bald tatsächlich mit den Schülern konfrontiert. Bald wachsen sie ihm jedoch ans Herz und er lernt die Jungs und Mädchen sowie deren Familien kennen, und damit auch deren Schicksale. Gleichzeitig entdeckt Gabor an sich eine ganz andere Seite und durchlebt eine Wandlung vom Arschloch zu einem guten Menschen.

Der zweite Izquierdo-Roman wurde sehr leicht und lebendig verfasst und in 92 lesefreundliche Kapitel unterteilt, und hierbei werden sowohl Drama- als auch Comedy-Freunde wunderbar bedient. Die Story ist äußerst abwechslungsreich, die Szenenwechsel sind zackig, die Einblicke in die Leben der fünf Kids sind berührend, und bis auf die Tatsache, dass der Roman ab und zu gefährlich nahe in „too much of everything“-Regionen ausufert (ein Hammer folgt auf den nächsten; es beschleicht einen das Gefühl, Izquierdo wollte so viel wie möglich in einen Roman packen), darf man ihn als äußerst kurzweilig und unterhaltsam titulieren. Bis hier hin könnte man sagen: „Der Club der Traumtänzer“ wäre ein solider 11-dpt-Roman. Doch das Lektorat hat bei diesem Werk einen fürwahr miserablen Job erledigt, und so findet sich im Buch kaum ein Kapitel, in welchem nicht mindestens zwei bis drei mitunter fatale Fehler auftauchen. Da wird aus „im Zaum halten“ „im Zaun halten“. Man hat einen „Klos im Hals“. Bei einem Würfelspiel werden alle Zahlen bis auf die Fünf mit einer Aktion belegt, dafür die Drei gleich doppelt. Es ist die Rede von drei Menschen, die ins (leere) Arztzimmer gehen, doch im Arztzimmer sprechen auf einmal vier Menschen miteinander. Es gibt „dass/das“-Fehler en masse. „Ihr ward beide sehr stur.“ heißt es woanders. Dies bringt den Lesefluss erheblich ins Stocken, und bei der Lektüre dieses Buches war der Verfasser nicht selten kurz davor, selbiges genervt in die Ecke zu pfeffern. Schade um diesen eigentlich schönen Roman, bei dem man hoffen darf, dass die Neuauflage vor dem Druck noch einmal durch ein gewissenhaft arbeitenderes Lektorat wandert.

Wertung: 8/15 dpt


Boris Vian – Der Schaum der Tage

(Karl Rauch Verlag/Hoffmann &Campe, Originaltitel: L‘ écume des jours, übersetzt von Antje Pehnt, Erschienen im Frühjahr 2016, Fadenheftung, gebunden, 216 Seiten, ISBN 978-3-7920-0366-4, Produktseite, Erwerbsmöglichkeiten)

Der reiche Colin lässt sich regelmäßig von seinem persönlichen Koch Nicolas die besten kulinarischen Spezialitäten auf den Tisch zaubern und mixt selbst mit seinem ganz besonderen Cocktailpiano wunderbare Ergänzungen zu Nicolas‘ Küchenzauberei. Als ihm sein Freund Chick bei einem seiner vielen Besuche bei Colin – rund um den üppig bestückten Esstisch – von seiner neuen Liebe erzählt und Colin Chicks Freundin irgendwann ebenfalls mit einlädt, sehnt sich Colin zunehmend selbst nach einer persönlichen Herzdame. Die er auch bald findet und sich unsterblich in sie verliebt: Chloé. Die beiden werden sehr bald ein wunderbares Paar, doch eine sehr seltene Krankheit Chloés lässt dunkle Wolken aufziehen.

Es ist ja immer ein wenig schwierig, die Phantasie zu bemühen, wenn man eine Buchverfilmung bereits vor der Lektüre der Romanvorlage gesehen hat. Bei „Der Schaum der Tage“, dem französischen Kultroman aus der Feder Boris Vians funktioniert dies paradoxerweise vorzüglich, denn die Charaktere, die man im Film zu Gesicht bekommen hat, werden in diesem Buch teilweise komplett anders beschrieben und auch die Szenarien bauen sich vor dem inneren Auge zuweilen völlig abweichend auf. Somit hat man, wenngleich dieselbe Geschichte erzählt wird, zwei völlig unterschiedliche Erzählungen vorliegen, da obendrein die ohnehin schon überbordende cineastische Phantasie in literarischer Form noch mehr ausufert und das Gesamte teilweise noch kruder und kontrastreicher dargestellt wird. Hier und dort grenzt das Erzählte in seiner „Alles ist möglich!“-Form an absurdem Theater und Dadaismus, und es ist faszinierend, wie liebevoll und detailreich Vian all diese Farbkleckse einzeln zum Schillern bringt. Farbkleckse, die sich mit monochromen Szenarien kreuzen werden und den Roman so zu einer emotionalen Straße werden lassen, die der Laufbahn einer Flipperkugel ähnelt, welche wild und unberechenbar kreuz und quer durch das Spielfeld schießt, stets in der Gefahr, in den Abgrund zu rollen. Packend, wunderschön und todtraurig zugleich und zu Recht zu einem der wichtigsten Werke der Weltliteratur erkoren worden, zeigt „Der Schaum der Tage“, was im Geschriebenen alles möglich ist und wie weit und hoch das Tor in andere, ungeahnte Welten sein kann. Man muss nur die Schwelle übertreten.

Wertung: 12/15 dpt


Axel Klingenberg – Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Wie Deutschland verblödet

(Verlag Andreas Reiffer, erschienen im Oktober 2015, Taschenbuch, 160 Seiten, ISBN 978-3-945715-23-9, Produktseite, Erwerbsmöglichkeiten)

Zwar liegt die Veröffentlichung dieses Buches schon rund ein dreiviertel Jahr zurück, und man meinte schon Ende 2015, aktueller könne es kaum sein, doch im Grunde passt „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ gar noch besser in das Jetzt – unmittelbar nach dem doch derben Rechtsruck in Europa und auch Deutschland, wo die AfD bei Wahlen erstaunliche zweistellige Werte einfahren konnte und bereits in diversen Landtagen vertreten ist und diese Ansammlung der Wutschlümpfe auch in Umfragewerten bundesweit teilweise als drittstärkste Partei hinter der CDU/CSU und der SPD in hässlichem Hellblau erstrahlt. Islamophobie, PEGIDA, Akif Pirinçci, Thilo Sarrazin, Fußballpatriotismus, Matthias Matussek, Geschichtsklitterung, Flüchtlingspolitik, Israelkritik, all diesen Unrat findet sich in diesem rund 150-seitigen Gemetzel wieder.

Gemetzel deshalb, weil Klingenberg »die 88 dümmsten, dürftigsten und düpierendsten Aussagen der ’nationalen Vordenker‘ zusammengetragen hat« (Quelle: Backcover) und hierbei das glibbrig-braune Verbalgammelfleisch wie ein Fleischer im Blutrausch filettiert und daraus ein Ungetüm bastelt, das dermaßen dämlich ist, dass es direkt wieder hasstrunken in den klingenbergschen Fleischwolf torkelt. Auch wenn der Zustand in Deutschland hinsichtlich der doch immer offensichtlicher werdenden rechten Tendenzen mehr als bedenklich ist und man nur hoffen kann, dass die Bürger der Bundesrepublik irgendwann mal wieder den Weg aus ihrem wutschäumenden Fremdenhasswahn  der Sorte „Alles, was anders ist = Sündenbock“ heraus finden, ist „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ eine überaus unterhaltsame Angelegenheit, denn die Kommentare und Gegenüberstellungen des Autors sind wunderbar bissig und vor allem vorführend.

Sicherlich ist Klingenberg bei seinen Ergüssen kaum objektiv und bezieht eine klar un-neutrale Stellung weit links der Mitte, doch gerade in diesen Zeiten ist jede Stimme von dort (nicht zu verwechseln mit Linksextremismus, denn den findet man hier nicht) bitter nötig, um wieder in Richtung eines Gleichgewichts hinzuarbeiten. Und wenn Axel Klingenberg mit diesem Buch nicht nur die politisch halbwegs gesund denkenden Menschen amüsiert, sondern auch den ein oder anderen Nationalkonservativen oder Neu-Rechten zum Umdenken bewegt, hat er seinen Job bestens erledigt. Man wird ja wohl noch hoffen dürfen!

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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