In der tödlichen Kälte Kanadas

Vor zwei Jahren jagte Ted Garner, Profiler der Royal Canadian Mounted Police Regina, in Montreal den Mafiosi Rocco Giuliani, Chef der einflussreichen 6. Familie. Seine damals privat durchgeführte Ermittlung endete mit einem traumatischen Erlebnis, das zu seiner Kündigung bei der RCMP führte. Seitdem nimmt er Tranquilizer und arbeitet mehr oder weniger erfolgreich als Psychotherapeut in Regina, der Hauptstadt der Provinz Saskatchewan. Dort bekommt er Besuch von seinem früheren Chef Ethan Walker, denn in einem abgelegenen Haus in Moose Jaw fand ein regelrechtes Blutbad statt, bei dem eine Frau und zwei ihrer Kinder mit einer Axt erschlagen wurden. Der Ehemann und der jüngste, drei Jahre alte Sohn sind verschwunden, von beiden fehlt jede Spur. Walker benötigt ein Täterprofil, doch Garner kann nur allgemeine Angaben liefern.
Auf eigene Faust fährt Garner nach North Battleford, eine Kleinstadt mit der einzigen forensischen Klinik der Provinz und der höchsten Kriminalitätsrate in 2016. In der Klinik arbeitet Chefpsychologin Ava Berger mit der Garner in früheren Zeiten eine kurze Beziehung hatte. Von ihr erfährt er, dass vor sechs Wochen der achtundzwanzigjährige Indigene Charlie Byrd nach zwölf Jahren entlassen wurde, nachdem er im Alter von sechzehn Jahren seinen Pflegevater ermordete. Er erschlug ihn mit einer Axt.
„Du hast mir nicht gesagt, dass Charlie Byrd indigener Abstammung ist.“
„Spielt das eine Rolle?“
Für Garner und Walker scheint der Fall geklärt, doch zunächst müsste man Byrd erst einmal finden. Im Reservat der Mistahi-maskwa Cree Nation wird Garner von Byrds Großvater mit einem Gewehr begrüßt und muss unverrichteter Dinge wieder abreisen. Kurz darauf geht ein Erpresserschreiben ein, die Lösegeldübergabe scheitert spektakulär und alles spricht dafür, dass Vater und Sohn nicht mehr leben. Es kommt zu einer Verhaftung mit tödlichem Ausgang und etliche Wochen später findet der Fall eine überraschende Wende. Garner sieht sich gezwungen, ein letztes Mal tätig zu werden und begibt sich in die eisige und daher in doppelter Hinsicht tödliche Kälte im Norden Kanadas.
Letzter Fall für Ted Garner
Die Presseinfo des Pendragon Verlag zu dem vorliegenden Roman beginnt mit einer schlechten Nachricht: „Ted Garners letzter Fall“ ist dort zu lesen, was nun wirklich eine – sagen wir – unschöne Meldung für Krimifans ist, die es gern etwas anspruchsvoller haben. In der Sache scheint es konsequent, denn Frauke Buchholz bringt die aus vier Teilen bestehende Serie zu einem in sich „logischen“ Abschluss, an deren Ende ein ausgebrannter Ermittler steht. Nach „Frostmond“, „Blutrodeo“ uns „Skalpjagd“ heißt es nun passenderweise „Endzeit“, wobei sich der Titel nicht auf Garners Zustand bezieht, sondern eher als Verweis in die sogenannte Prepper-Szene zu verstehen ist, die aufgrund wahrer und weniger sowie gar nicht wahren Nachrichten den Untergang der Menschheit kommen sieht und sich vorbereitet. Auf dem Buchrücken steht passenderweise „Endzeitparanoia“.
„Endzeit“ bietet, wie seine Vorgänger, einen packenden, recht ungewohnten Krimiplot, da lange die Frage offen bleibt, ob die Vermissten – Vater und Sohn – überhaupt noch leben. Drei Tote gab es bis dahin, weitere werden folgen. Neben dem Krimiplot stehen aber vor allem erneut das Land, seine Landschaft und seine Einwohner, genauer die Ureinwohner, die First Nations, im Mittelpunkt. Da wird dann gerne mal über mehrere Seiten über den Great Slave Lake, den tiefsten See Nordamerikas, oder Hay River, die mit rund dreitausend Einwohnern zweitgrößte (nun ja) Stadt der Nordwest-Territorien Kanadas, berichtet. Man findet sich vorübergehend in einem Reiseführer und Geschichtsbuch wieder, doch warum soll ein Kriminalroman nicht auch Wissen vermitteln?
„Für uns Deneh existiert Kanada eigentlich gar nicht. Wir haben schon immer hier gelebt, und wir haben unser Land niemals abgetreten. Die Vorstellung, dass man die Erde, die uns heilig ist, und die uns alles gibt, was wir brauchen, besitzen kann, ist absurd, genauso absurd, als wolle man die Luft zum Atem in Kanister abfüllen und verkaufen.“
Die Geschichte der First Nations und die verheerenden Eingriffe der Weißen in ihre althergebrachten Lebensweisen und Kulturen, wird einmal mehr thematisiert. Dies ist nicht nur tragisch-spannend zu lesen, sondern nach wie vor hochaktuell, womit wir zudem ein weiteres Mal beim Thema Rassismus wären, welches sich teilweise darin spiegelt, dass Garner und Walker mit Byrd vorschnell einen Verdächtigen ausgemacht haben. Er drängt sich allerdings, nicht nur mangels Alternativen, auf. Seinem vermeintlichen Alibi hätte man dennoch eine gewisse Beachtung schenken können.
Protagonist Garner ist einmal mehr eine ambivalente Figur, die zwar ihre Schattenseiten hat, allerdings grundsätzlich schon empathisch sein kann. Seine Frau, die selber nicht in Erscheinung tritt, würde es womöglich ein klein wenig anders sehen. Wer sich für Kanada, Land und Leute sowie kulturelle Verwerfungen zwischen Weißen und Indigenen interessiert, wird nur schwerlich besseres Krimilesefutter finden. Ein bildgewaltiger, vielschichtiger Roman, der zum Nachdenken animiert. Über die natürlichen Lebensweisen der First Nations, die schwerwiegenden Folgen, wenn man in diese eingreift und über eine politisch und medial befeuerte Endzeit- und Untergangsstimmung durch Fake News.
- Autorin: Frauke Buchholz
- Titel: Endzeit
- Verlag: Pendragon
- Umfang: 328 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Februar 2026
- ISBN: 978-3-86532-924-0
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Wertung: 12/15 dpt







