Düsterer, packender Krimi aus der Welt der Cree

Frostmond
© Pendragon

In den letzten fünf Jahren verschwanden achtzehn Frauen entlang des Transcanada-Highway auf einer Länge von über 4.500 Kilometern spurlos. Siebzehn der jungen Frauen waren indianischer Abstammung, nur fünf Leichen konnten identifiziert werden.

15. Oktober. Der Winter steht bevor, die Zeit für Sommertouristen ist schon lange vorbei, die letzten Buden am Urban Beach werden abgebaut. Dabei entdeckt ein Student im St. Lawrence River die Leiche einer jungen, indigenen Frau. Sergeant Jean-Baptiste LeRoux soll den Fall übernehmen und auf Drängen seines Chefs Jaques Morel dabei eng mit der Royal Canadian Mounted Police zusammenarbeiten, die für die Mordermittlung entlang des Highways zuständig ist. Die RCMP schickt mit dem Polizeipsychologen Ted Garner einer ihrer besten Profiler nach Montreal. Gemeinsam mit LeRoux beginnt die Jagd nach einem Mörder, der womöglich ein Serienmörder ist. Bei der toten Frau handelt es sich um die erst fünfzehnjährige Jeanette Maskisin, eine Cree aus dem Indianerreservat Niskawini im Norden Québecs.

Während LeRoux sich durch den dichten Großstadtverkehr quälte, versuchte er sich vorzustellen, wie es sein musste, auf der Trapline zu leben, auf Schneeschuhen durch endloses verschneites Buschland zu stapfen, gefrorene Füchse, Marder und Biber aus eisernen Fallen zu lösen, abzuhäuten und die nackten Körper Wölfen und Krähen zum Fraß zu überlassen. Die ferne Wintersonne, die kalten Sterne und der eisige Wind. Die Einsamkeit und Erbarmungslosigkeit eines solchen Daseins. Und die Einfachheit und Klarheit. Das Befolgen eines einzigen Gesetzes: töten, um zu überleben. Wie viel komplizierter war es, sich im Dschungel der Großstadt durchzuschlagen!

Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, denn im First Nation Reunion Center, der ersten Anlaufstelle für neu ankommende Indianer in Montreal, verweigert man jede Zusammenarbeit. Das Misstrauen gegenüber der Polizei ist groß, was gleichwohl auf Gegenseitigkeit beruht. LeRoux und Garner fliegen für zwei Tage in das abgelegene Reservat, wo sie ebenfalls überwiegend auf Ablehnung stoßen. Der Druck steigt als eine weitere indigene Frauenleiche entdeckt wird, eine Zeugin aus einem der früheren Fälle. Endlich glaubt Garner, den entscheidenden Hinweis entdeckt zu haben. Derweil macht sich Leon Maskisin auf den Weg nach Montreal, um den Mörder seiner Cousine zu töten.

Einblicke in das Leben einer First Nation und einer Welt voller Vorurteile

Frauke Buchholz führt ihre Leserschaft in „Frostmond“ in die Welt der Cree, einer First Nation, großartig ein. Dies verwundert allerdings kaum, denn die Autorin hat über zeitgenössische indianische Literatur promoviert und selbst längere Zeit in Kanada gelebt, Aufenthalte in einem Cree-Reservat inklusive. Wenn die Handlung nicht gerade aus der Sicht von LeRoux und Garner erzählt wird, dann in der Ich-Perspektive von Leon, einem der wenigen Traditionalisten der Cree. Das Leben im abgelegenen Reservat ist bestenfalls bescheiden. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Armut groß, der Griff zum Alkohol erscheint oftmals der Ausweg, um kurzzeitig dem Elend zu entkommen. Viele junge Cree versuchen daher nach Montreal zu gelangen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Obwohl Hitchhiking verboten ist, wählen viele diesen Weg, wodurch insbesondere junge Frauen oft zu wehrlosen Opfern werden. Nicht von ungefähr wird ein Abschnitt des Transcanada-Highway auch „Highway of Tears“ genannt. Diejenigen, die Montreal erreichen, finden oftmals eine Welt vor, die letztendlich der des Reservats gleicht. Sie finden sich in der Millionenmetropole nicht zurecht und landen bei Alkohol und Drogen, zu deren Finanzierung sie sich prostituieren müssen.

Ölraffinerien und Chemieanlagen, deren Schornsteine giftige Luft ausspuckten und alles verpesteten. Werften und Kräne, die wie eiserne Riesen das Ufer bewachten. Es war das Herzstück dessen, was sie Zivilisation nannten. Ein wucherndes Krebsgeschwür, das sich in die Wildnis fraß.

Die grunddüstere Stimmung des Romans, in dem immer wieder das Leben im Reservat dem Leben in der Großstadt gegenübergestellt wird, vertieft sich auch durch die beiden ungleichen Ermittler. LeRoux ist komplett ausgebrannt, seine Ehe bedingt durch sein Fremdgehen ein Scherbenhaufen und der Job inklusive Chef Morel stinkt ihm schon lange. Völlig desillusioniert verrichtet er seine Arbeit und glaubt auch im aktuellen Fall nicht an dessen Aufklärung. Garner hingegen ist ein engagierter Profiler, allerdings voll mit Vorurteilen gegenüber Indianern. Auch sonst ist sein Umgangston bisweilen arrogant und verletzend. In seiner Kindheit war er in Behandlung, Verdacht auf Asperger Autismus.

„19 Morde in fünf Jahren auf einer Strecke von über 4 500 Kilometern. Es gibt keinerlei logische Verknüpfung.“ „Außer, dass 18 Frauen Indianerinnen waren, fast alle getrampt sind, vergewaltigt und brutal ermordet wurden und kein einziger Fall aufgeklärt ist.“

„Frostmond“ spielt in einer Welt voller Vorurteile. Die Weißen sehen auf die Indianer herab, missbilligen deren Lebensform und deren ständiges Wehklagen. Umgekehrt verachten die Indianer die Weißen, die ihnen einst ihren Lebensraum nahmen und denen sie jetzt ihr Elend im Reservat zu verdanken haben. Genauso misstrauisch beäugen sich LeRoux und Garner, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Hier der Froschfresser von der Sureté, dort der eitle Mann im vornehmen Anzug.

Frauke Buchholz hat einen düsteren, aber großartigen Roman geschrieben, der schon jetzt – im Februar – zu einem der Krimihighlights dieses Jahres zählen dürfte. Wer sich dann noch ein wenig für die Welt der First Nations interessiert, kommt an „Frostmond“ nicht vorbei. Großes Kino!

  • Autor: Frauke Buchholz
  • Titel: Frostmond
  • Verlag: Pendragon
  • Umfang: 288 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Februar 2021
  • ISBN: 978-3-86532-723-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 

Wertung:  13/15 dpt 


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