Félicité kann mit den Geistern sprechen, lebt in Nizza und verdient ihr Geld dort mit Geisterkommunikation und Teemagie. Aufgewachsen ist sie jedoch in den schroffen Bergen Südfrankreichs, abseits der beliebten Küste. Als ihre Mutter, die dort nach wie vor lebte, plötzlich stirbt, nimmt Félicité nach dreißig Jahren Kontakt zu ihrer Zwillingsschwester auf. Diese heißt Agonie und der Name scheint Programm zu sein. Letztendlich müssen sich aber beide Schwestern den eigenen Geistern der Vergangenheit stellen …

„Tee für die Geister“ ist, so viel sei vorweg gesagt, kein Buch für die breiten Massen. Somit ist es wohl auch nicht weiter verwunderlich, dass es mir bisher – weder online als Rezension noch ausliegend in den Buchhandlungen – kaum begegnet ist. Und mir wäre es wohl auch unbekannt geblieben, wenn der Verlag es mir nicht zugeschickt hätte.
Zum Glück, kann man da sagen, denn auch wenn mich dieses Buch mit einigen Fragezeichen zurücklässt, hatte ich doch meine Freude an dieser Melange aus magischem Realismus, abgedrehten Ideen und Figuren à la Roald Dahl, einem klitzekleinen bisschen Horror, Lyrik und südfranzösischem Flair.
Im Zentrum der Geschichte steht aber letztendlich die Beziehung zwischen Félicité und Agonie. Zwei Zwillingsschwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Angefangen bei ihrem Äußeren, ihrem Verhalten bis hin zur Beziehung zu der gemeinsamen Mutter, die die eine abgöttisch zu lieben scheint und die andere abgrundtief hasst. „Tee für die Geister“ zeigt, wie diese beiden wurden was sie sind und wie die, durch die gemeinsame Suche nach Antworten, wieder zueinanderfinden. Während sie der Biografie ihrer Mutter auf die Spur kommen, wird den Lesenden auf abstrakte Art vor Augen geführt, wie wichtig elterliche Zuneigung ist, wie generationale Traumata sich vererben und wie eng Identität mit Namen zusammenhängt.
Diese Botschaften werden einem allerdings nicht auf dem Silbertablett serviert, sondern verstecken sich hinter der schrägen Darstellung und dem Verhalten der Charaktere. Es braucht schon den Willen, sich verwirren zu lassen, sich ganz einzulassen, um diesem Buch folgen zu können.
„Und da ich nur erzählen werde, was der Wahrheit entspricht, wird vermutlich nicht viel Reales dabei sein.“
Wirklich nahe kommt man den Charakteren im Buch aber trotzdem nicht, was aber vermutlich auch der ungewöhnlichen Erzählperspektive durch einen unbeteiligten Erzähler geschuldet ist, der die Lesenden immer wieder persönlich anspricht.
Das wurde für mich aber durch die schönen Magiesysteme und magischen Fähigkeiten aufgewogen (u. A. Tee-Magie, Wetter-Magie, gefräßige Schmetterlinge und Monsterblumen aus Spucke), bei denen es für mich gerne noch mehr ins Detail gehen dürfte. Diese magischen Elemente lassen für mich das Buch auch schwer einem Genre zuordnen. Für magischen Realismus ist es eigentlich zu viel, für Fantasy dann doch zu wenig. Wer gerne etwas dazwischen lesen und es schön-traurig schräg mag, ist hier genau richtig.
Letztendlich ein Buch, dass mich, wie eingangs schon erwähnt, mit vielen Fragen und einiger Verwirrung zurücklässt, dass mir aber mit seiner ganz eigenen Magie in Erinnerung bleiben wird und bei dem ich mich freuen würde, wenn es andere auch lesen würden, und sei es nur, um sich darüber auszutauschen.

Wertung: 12/15 dpt
- Autor: Chris Vuklisevic
- Titel: Tee für die Geister
- Originaltitel: Du thé pour les fantômes
- Übersetzer: Maria Hoffmann-Dartevelle
- Verlag: Fischer
- Erschienen: 09/2024
- Einband: Hardcover
- Seiten: 464
- ISBN: 978-3-7587-0001-9
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