Jane Austen – mehr als Bridgerton-Vibes und Empirekleider

Der Literaturpodcast „Autorinnen im Porträt“ rückt in jeder Episode eine Schriftstellerin in den FokusDabei schauen wir auf das Leben der Autorin und auf ihr Werk. Wer wir sind? Mariann Gáborfi und Sarah Teicher aus Leipzig. Wir sind auch Redakteurinnen bei Booknerds.de und haben deshalb beschlossen, zu dem in 2022 gegründeten Podcast eine begleitende Kolumne zu schreiben. (Alle Folgen der Kolumne im Überblick.)

Wenn wir heute über die Regency-Ära sprechen, dann tun wir das oft mit einem Serien-Intro im Kopf. Dank Bridgerton ist diese Zeit plötzlich wieder überall: bunte Kleider, große Gefühle, dramatische Blicke über Ballsaalränder hinweg – und natürlich jede Menge Gesprächsstoff. Gleichzeitig wird diskutiert, kritisch hinterfragt und neu eingeordnet: Wie romantisch war diese Epoche wirklich? Und für wen eigentlich? Genau da setzen wir in dieser Podcastfolge von „Autorinnen im Porträt“ an. Denn lange bevor Netflix die Regency-Zeit neu verpackt hat, gab es eine Autorin, die schon sehr genau wusste, was hinter all dem Glanz steckt, denn schließlich hat sie in jener Zeit gelebt : Jane Austen (1775-1817). Und je mehr wir uns in unserer Folge mit ihr beschäftig haben, desto klarer wird – sie hätte vermutlich einiges zu sagen zu unseren heutigen Regency-Fantasien.

(c) Manesse Verlag

Leben in der Regency-Zeit – schöne Fassade, enge Spielräume

Jane Austen schrieb in einer Zeit, in der gesellschaftliche Regeln ziemlich genau vorgaben, wie ein Leben auszusehen hatte – vor allem für Frauen. Eigene finanzielle Sicherheit? Meist Fehlanzeige. Berufliche Perspektiven? Sehr begrenzt. Die Ehe war für viele Frauen weniger romantischer Traum als wirtschaftliche Notwendigkeit. Klingt nicht gerade nach „Enemies to Lovers“, oder? Und doch spielt Austen genau mit diesen Erwartungen. Ihre Romane zeigen uns die schönen Oberflächen – Bälle, Besuche, Konversationen – aber sie lassen uns auch die Unsicherheiten, Abhängigkeiten und Zwänge spüren, die dahinterliegen. Wir lesen Liebesgeschichten, merken aber schnell: Hier geht es um viel mehr als nur ums Verliebtsein.

Stolz und Vorurteil – Liebe ja, aber erst kommt die Selbstachtung

Ein Paradebeispiel dafür ist „Stolz und Vorurteil“. Elizabeth Bennet ist eine Heldin, die wir auch heute noch sofort ins Herz schließen. Sie ist klug, schlagfertig und – was damals alles andere als selbstverständlich war – sie sagt Nein. Und zwar zu einem Antrag, bei dem die Gesellschaft kollektiv genickt hätte. Dass Elizabeth sich später doch für Mr. Darcy entscheidet, hat wenig mit seinem Kontostand zu tun und viel mit Entwicklung, Einsicht und gegenseitigem Respekt. Für uns ist das der Grund, warum diese Geschichte bis heute funktioniert: Austen erzählt keine Märchenromanze, sondern eine Beziehung auf Augenhöhe – zumindest so sehr, wie es ihre Zeit zuließ.

Ein Nein mit Folgen

Spannend wird es, wenn wir den Blick von den Romanen auf die Autorin selbst richten. Jane Austen blieb unverheiratet – und das nicht, weil sie keine Gelegenheit gehabt hätte. Einen Antrag nahm sie sogar kurz an und zog ihn dann wieder zurück. Allein diese Entscheidung ist bemerkenswert. Wir wissen nicht genau, was sie bewegt hat. Aber wir können vermuten, dass Austen sehr genau wusste, was sie wollte – und was nicht. Eine Ehe hätte bedeutet, rechtlich und finanziell abhängig zu sein. Schreiben hätte möglicherweise nur noch am Rand stattgefunden, so unsere Vermutung zum Grund dieser Entscheidung. Stattdessen entschied sie sich für ein selbstbestimmteres, wenn auch unsicheres Leben.

Hört hier unsere Folge von Autorinnen im Porträt zu Jane Austen

Mansfield Park – unbequem, leise und genau deshalb spannend

Ein Roman, den wir in dieser Folge nicht außen vor lassen wollten, ist „Mansfield Park“. Er gilt oft als schwieriger Austen-Roman – weniger Charme, weniger Witz, dafür mehr Moral. Diese Ansicht ist auch Sarah in den Besprechungen zum Roman mehr als einmal begegnet ist, gerade wenn es um die Protagonistin Fanny Price geht, die eher als zurückhaltend, beobachtend gilt, ganz anders als eine Elizabeth Bennet, die wir aus Stolz und Vorurteil kennen.

Aber eben genau das macht das Buch interessant. Austen verhandelt hier Fragen von Macht, Abhängigkeit und moralischer Verantwortung – und streift dabei sogar Themen wie Kolonialismus und wirtschaftliche Ausbeutung. „Mansfield Park“ ist kein Wohlfühlroman, sondern einer, der uns fordert. Und vielleicht auch deshalb heute wieder neu gelesen werden sollte.

Warum Jane Austen heute noch zu uns spricht

Wenn wir Jane Austen heute lesen – oder in unserem Podcast über sie sprechen – merken wir schnell: Ihre Welt ist vergangen, ihre Themen sind es nicht. Es geht um Erwartungen, um finanzielle Sicherheit, um Beziehungen, um Selbstachtung. Und darum, wie Frauen innerhalb enger gesellschaftlicher Grenzen ihren eigenen Weg suchen. Jane Austen war keine laute Revolutionärin. Sie schrieb keine Pamphlete, sie hielt keine Reden. Aber sie war ironisch, klug und gnadenlos genau. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie auch im Zeitalter von Bridgerton noch relevant ist: Weil sie uns zeigt, was hinter dem schönen Schein steckt – mit Charme, Witz und einem sehr wachen Blick.

Habt ihr schon einmal einen Roman von ihr gelesen? Lasst es uns wissen und geht mit uns in den Austausch auf  Instagram und Facebook. Wir freuen uns immer über eine Nachricht von euch.

Viele verschneite und wache Grüße sendet euch

Eure Mariann

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