
Iro, 19 Jahre alt, ist aus seinem Dorf in die Großstadt Abidjan gegangen, um dort Literatur zu studieren und etwas ganz anderes aus sich zu machen als sein Vater, der verarmt auf dem Land die Felder bewirtschaftet – ein für Iro gescheiterter Mensch. Allerdings wirft ihn sein reicher Onkel, der ihn aufgenommen hat, aufgrund einer falschen Anschuldigung raus, und Iro muss sich jetzt auf eigene Faust in der Stadt und an der Uni durchschlagen. An der Universität lernt er Thierry und dessen Freunde Malick und Yeo kennen. Mit dem Verkauf von gebrauchten T-Shirts oder Dealen halten die jungen Männer sich über Wasser. Oft denkt Iro noch an seinen älteren Bruder Oulahi, der seine Familie im Dorf verlassen hat. Erst als er die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält und ins Dorf zurückkehrt, trifft er dort auch wieder auf seinen jüngeren Bruder Nessemon. Für Iro ein emotionales Treffen, bei dem er seine Vorstellungen und Pläne für die Zukunft komplett überdenkt.
Der 24-jährige Autor Nincemon Fallé hat in „Die glühenden Sonnen“ über das geschrieben, was er und seine Freunde in ihrer Jugend an der ehemals französischen Kolonie Elfenbeinküste selbst erleben – überfüllte Universitäten, Korruption und Armut, die Suche nach Glück und die Frustration einer jungen Generation. Aber er sei kein wütender, engagierter Autor, er habe es vor allem einfach zeigen wollen, sagt Fallé in einem Interview. Der westafrikanische Staat ist ein Land, dass nach der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1960 eine Militärregierung, einen Bürgerkrieg und Regierungskrisen erlebte. Über 40 Prozent der Einwohner sind unter 15 Jahre alt. Iros Meinung über sein Land, über das er einen Artikel schreiben möchte, ist eindeutig:
Zentrales Motiv in dem Roman, in dem die Kapitel häufig zwischen Iros und Thierrys Perspektive wechseln, ist aber die Familie – vor allem die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen, zwischen Brüdern oder auch Freunden. Iro schämt sich für seinen gescheiterten Vater, der aus der Stadt ins Dorf zurückgekehrt ist, Thierry erlebt einen reichen, korrupten und gewalttätigen Vater. Beide haben jüngere Brüder, zu denen das Verhältnis nicht unbelastet ist. Bücher über die komplexe Beziehung zwischen Müttern und Töchtern gibt es viele, den Fokus auf die patriarchale Linie zu legen, ist hingegen neu und wichtig.
Vieles von dem, was Fallé als selbstverständliches Wissen voraussetzt, ist nichtafrikanischen Lesenden nicht immer so bekannt. Er habe den Roman geschrieben, den er selbst lesen wollte, sagt der Autor. Hinzu kommt allerdings, dass Fallé enorm verdichtet erzählt, vieles entwickelt sich nicht, sondern Meinungsänderungen oder bedeutende Einsichten geschehen innerhalb von einer Seite. Die Sprache ist dabei eher elitär und nicht sehr passend für junge Männer. Dadurch entsteht eine Distanz zu den Hauptcharakteren.
Fazit:
Der Debütroman „Diese glühenden Sonnen“ des jungen Grafikdesigners Nincemon Fallé hat viele Preise abgestaubt und in Interviews vertritt ein selbstbewusster junger Mann die Sichtweise auf sein Land. Inhaltlich wird aber zu viel in diesem Roman untergebracht, so dass vieles auch nicht die entsprechende Tiefe hat. Gerade zum Ende hin häufen sich auch die Zufälle in der Geschichte, die viel zu unwahrscheinlich sind. Dennoch: Literatur von der Elfenbeinküste wird selten ins Deutsche übersetzt – dieser Coming-of-Age-Roman ist ein guter Anfang.
- Autor: Nincemon Fallé
- Titel: Diese glühenden Sonnen
- Originaltitel: Ces soleils ardents
- Übersetzerin: Hanne Reinhardt
- Verlag: Gutkind
- Erschienen: 07/2025
- Einband: Hardcover
- Seiten: 224
- ISBN: 978-3-98941-101-2
- Interview mit Nincemon Fallé bei Deutschlandfunk Kultur
- Webseite zu „Diese glühenden Sonnen“ beim Gutkind-Verlag

Wertung: 11/15 dpt







