Sonja Weichand – Die größte Erfüllung (Roman)

Also zunächst einmal das: Sonja Weichands Roman „Die größte Erfüllung“ liest sich so locker weg, wie ein leichter Unterhaltungsroman. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zweier Frauen. Lore und Esi stammen aus unterschiedlichen Milieus und folgen völlig gegensätzlichen Lebensentwürfen. Trotzdem freunden sie sich an, eine Beziehung, die für beide sehr wichtig ist, weil nur sie sich das geben können, was ihnen sonst niemand gibt: vorbehaltslose Akzeptanz. Denn während Lore mit ihrer ausgeprägten Libido einfach nicht dafür geschaffen ist, monogame Beziehungen zu führen, will Esi zwar eine Beziehung, aber auf keinen Fall Sex.

Abwechselnd folgt man mal der einen, mal der anderen durch ihren Alltag, der geprägt ist von Themen rund um Job, Beziehung und Familie. Weichands Erzählstil ist eingängig und oft humorvoll. Sie holt uns Lesende ab aus unserem modernen, hektischen Alltag. Sie jongliert geschickt mit kleinen und größeren Klischees, die sie mal augenzwinkernd stehen lässt, mal lustvoll aufbricht. Weichands Erzählfreude ist ansteckend. Ihren Plot hat sie ausgewogen komponiert und man fiebert mit, in der Hoffnung auf ein gutes Ende für die beiden Freundinnen.

Trotz all dieser gelungenen Attribute ist das, was Weichand hier so unterhaltsam an den Mann bzw. die Frau bringt, keine klassische Unterhaltungslektüre. Hinter der flockig-locker präsentierten Story steckt handfeste Gesellschafts- und Patriarchatskritik.

Mit gutem Auge fürs Detail inszeniert Weichand entlarvende Momente, in denen die Protagonistinnen meinen, die Gründe für ihr Unglück bei sich selbst suchen zu müssen, obwohl offensichtlich wird, dass die Ursachen allein in den misogynen Strukturen zu finden sind, die sich in Form von Konventionen in den Köpfen ihrer Mitmenschen festgesetzt haben. Esi und Lore fallen beide durchs Raster der Norm, die vorschreibt, wie frau zu sein hat, um weder als Schlampe noch als Versagerin durchzugehen. Esi und Lore verzweifeln in einer Gesellschaft, die Frauen vorschreibt wie viel Sex okay ist und wie viel nicht. Eine Gesellschaft, die Frauen gar nicht anders denken kann als Mütter und monogame Partnerinnen.

Weichand thematisiert das Ringen um Selbstbestimmung, zeigt die Widerstände auf, die von außen, aber auch von innen, durch Erziehung und Konventionen zum Hindernis werden.

Mit ihren beiden Protagonistinnen bietet sie uns viel Identifikationspotential, denn beide Charaktere sind facettenreiche Persönlichkeiten.

Der Roman ist übrigens im Selfpublishing erschienen. Für Weichand ist es das dritte Mal, das sie diesen Weg gegangen hat. Nicht völlig freiwillig, wie sie auf ihrem Insta-Account berichtet. Mit der Begründung, es fehle das Sympathiepotential für eine weibliche Hauptfigur, die mit dem Mann der besten Freundin fremdgehe, lehnte der Vertreter einer renomierten Literaturagentur ihr Manuskript ab. Angesichts tausender Beispiele in der Literaturgeschichte mit fremdgehenden männlichen Hauptfiguren liefert eine solche Aussage im Jahr 2026 ein weiteres perfektes Argument, um die Lektüre dieses Romans dringend zu empfehlen.

  • Autor: Sonja Weichand
  • Titel: Die größte Erfüllung
  • Verlag: BoD – Books on Demand
  • Erschienen: November 2025
  • Einband: Softcover
  • Seiten: 340
  • ISBN: 978-3819298387

Wertung: 12/15 dpt

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